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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Alexander Kluge Gärten anlegen im Daten-Tsunami

 ·  Das Internet überwältigt uns durch seine Masse an Information und ruft zugleich eine Gegenreaktion hervor: Wir verwerfen alles Überflüssige. Der Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge entdeckt dahinter eine neue Intelligenz und eine Herausforderung an die Kunst. Ein Interview.

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Das Internet überwältigt uns durch seine Masse an Information, ruft im gleichen Moment aber eine Gegenreaktion hervor: Wir verwerfen alles Überflüssige. Der Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge entdeckt dahinter eine neue Intelligenz und eine Herausforderung an die Kunst.

Wie nutzen Sie das Internet?

Wenn ich ein neues Projekt starte, ist die erste Phase eigentlich „Scouting“, das mache ich zusammen mit meinen Mitarbeitern. Wir sichten erst einmal den Rohstoff, wir versammeln das Material. Dabei nutzen wir das Internet.

Das Material ist jetzt natürlich viel reicher als früher.

Ja, und der Mechanismus, nach dem ich das Material sortiere, ist auch komplexer geworden. Seitdem es das Internet gibt, kann ich mich viel schneller orientieren als früher. Ich kann besser weglassen, was mich nichts angeht. Ich lösche genauso stark wie ich sammle. Das war beim Zettelkasten anders. Beim Zettelkasten haben Sie Energie darauf verwendet, etwas aufzuheben, sie haben sich etwas dabei gedacht, es wird Ihnen also viel schwerer, etwas zu verwerfen. Ich glaube Menschen zeigen angesichts des Internets zwei Reaktionen. Zum einen sind sie überrascht über diesen Tsunami an Informationen, der aus dem Netz auf Sie zurauscht. Sie sind überwältigt. Und eigentlich in der gleichen Sekunde bilden sie eine Gegenreaktion. Um das in ein Gleichnis zu fassen, das mir Dirk Baecker beigebracht hat: Als Gutenberg die Druckkunst erfand, wurde Mitteleuropa überschwemmt mit Pamphleten. Sie waren meist religiösen Inhalts oder es ging um die Aufhetzung zum Bürgerkrieg. Das waren hochideologische, irrtumbehaftete Massen von Buchstaben. Und diese Entwicklung hat zugleich eine Gegenbewegung, die Kritik hervorgebracht, die reicht bis zu Immanuel Kant, der nichts anderes macht, als das, was man wissen kann, von dem zu unterscheiden, was man nicht wissen kann .

Zeigen junge Menschen, die mit dem Internet groß geworden sind, nicht eine andere Reaktion?

Nach meiner Beobachtung nicht. Ich habe zwei Kinder und habe auch andere junge Leute am Computer beobachtet, zwischen mir und meinen Mitarbeitern zum Beispiel ist ein extremer Altersunterschied, und meine Erfahrung ist: Die können sich sogar noch besser als ich gegen die Datenflut wehren. Mitten in dieser Antinatur des Netzes haben sie einen Mechanismus entwickelt, der ganz klar auf Abwehr gerichtet ist. Die lesen 20 Zeilen und verwerfen 800 und das in sehr hoher Geschwindigkeit. Diese Verwerfgeschwindigkeit ist höher als die Chance, dass sie beeinflusst werden von der Masse des Materials. Diese Fähigkeit hätte ich als Schüler zum Beispiel nicht gehabt.

Wie hat das Internet Ihr Denken verändert?

Das Internet hat mein Denken in ganz bestimmter Hinsicht verstärkt, insofern als ich vorher auch schon mit Vernetzung zu tun hatte: Ein Netz bilden auch meine literarischen Arbeiten und die Filme. Von Veränderung würde ich in meinem Fall nicht sprechen. Bei den jungen Menschen aber ist eine neue Form der Intelligenz im Entstehen begriffen, so wie hier auch ein neues Medium entsteht, das nicht identisch ist mit dem Internet, sondern auch das Fernsehen, die klassische Öffentlichkeit und das Buch umfasst und miteinander verbindet. Es gibt eine neue Sehnsucht nach Nachhaltigkeit und nach einem „Hortus conclusus“, einem abgeschlossenen Garten. Das hat nichts mit der Lust am Surfen zu tun - auf einem Ozean können Sie als Surfer kaum überleben. Stattdessen ist ein neues Interesse an Gefäßen und Begrenzungen entstanden. Und hier hat die Kunst ihre neue Bestimmung. Sie wird alles, was früher Oper, Ölgemälde, literarischer Text für sich geleistet haben, verbinden, und das Material in einer konstellativen Dramaturgie ordnen, die nicht-sichtbaren Kräften gehorcht. Diese Dramaturgie können Sie im Keim schon bei Ovid sehen. Der erzählt 1200 Geschichten, die alle denselben Inhalt haben: Eine Kreatur, die leidet, ändert ihre Gestalt. Ein einziger Gedanke geht durch alle Stränge - und das ganze Weltall wird beschrieben. Bei Balzac ist das ähnlich, der spricht ausdrücklich von Konstellationen, nicht innerhalb des einzelnen Romans bloß, sondern durch viele Romane, die einander umkreisen und beeinflussen. Dieses Konzept ist dann über Döblin und Dos Passos bis in die Moderne gelangt.
Diese neue Dramaturgie wird jetzt bestärkt dadurch, dass aus der Zukunft, nämlich von Youtube her, Forderungen, die wir bei Ovid und Balzac längst hatten, neu auf uns zukommen. In der Filmgeschichte gibt es ein plastisches Beispiel. Da gab es anfangs nur Einminutenfilme, die sich addierten. Und das gleiche haben Sie heute wieder bei Youtube, Sie haben wieder Filme, die ein bis drei Minuten lang sind. Die neue Herausforderung an die Kunst ist nun, und sie kann von Youtube nicht eingelöst werden, denn Youtube ist Dschungel und sozusagen freier Ozean, dass die Kunst Leuchtfeuer, Häfen und Flöße schaffen muss. Zu unseren neuen künstlerischen Aufgaben gehört es, die Gefäße neu zu definieren. Und die werden sich radikal verändern: Nicht mein Denken, sondern die Formwelt, in der ich es äußere, ändert sich.

Ist es nicht sonderbar, dass im Internet gerade jene Seiten erfolgreich sind, die das Gegenteil praktizieren?

Diese Massen an Fakten bei Spiegel Online zum Beispiel, die drängen uns durch die Woche. So wie sie aber in New York dicht neben dem Geschäftsviertel den Central Park haben, einen Ort der Ruhe, so können Sie im Netz mitten in dem Geschiebe der Daten - und nicht etwa an einer Akademie oder im Nirvana - Gärten anlegen. Sie müssen das Lebensrecht der Daten dadurch anerkennen, dass Sie sie durch einen geschlossenen, einen gezähmten Ort vor sich selbst bewahren. Ein Garten ist der Antipol des Dschungels.
Ich habe eine große Achtung vor der ersten Natur, Immanuel Kant spricht von ihrer Erhabenheit, die ich als Mensch etwa beim Anblick der Sterne empfinde. Das ist nicht identisch mit unserer Lebenssphäre als Menschen. Ich liebe englische Gärten. Wenn Sie einen Garten von Fürst Pückler nehmen oder den, in dem Lady Di begraben liegt, das sieht aus wie Natur, ist aber von Menschen gemachte zweite Natur. Das hat für mich etwas, ich kann es nicht anders sagen, Behagliches. Auf dieser Ebene wächst heute Neues.

Das erinnert an Voltaires Aufklärungs-Satire „Candide“: Gegen das Chaos in der Welt, gegen den Optimismus, der zerplatzt ist, bleibt die Aufgabe, den Garten zu bestellen.

Ja genau. Und einen solchen Garten versuchen wir, auf dctp.tv anzulegen. Da zeigen wir zahlreiche Schleifen von jeweils etwa zwölf Filmen, die aufeinander antworten und die z. B. vom Kosmos handeln, von der Liebe oder dem lateinischen Mittelalter - die Geschichten aus dieser Zeit, zum Beispiel von Caesarius von Heisterbach, sind die schönsten, die ich kenne. Und das entzückt mich, diese Themen mitten in die Aktualität zu stellen. Der ganze Datenstrom ist nicht wirklich, aber Caesarius von Heisterbach ist es, so würde ich es formulieren.

Ist das ein Programm mit Eigenrecht oder richtet es sich vor allem gegen das Internet?

Neben der Daten-Wirklichkeit gibt es eine zweite und derer sind wir Herr. Für die Utopie, den „Keinen Ort“, können wir nicht wirken, für die Enklave, die Heterotopie, aber schon. Die Lebenszeit des Menschen ist begrenzt, das Internet gibt es wahrscheinlich noch in 1000 Jahre, die Maschinen überleben uns mühelos. Und hinter all den Daten, die im Internet stecken, befinden sich die Fakten, und die sind deutlich unübersichtlicher als das Internet je sein kann. Insofern ist das Internet nur ein Bild für eine übermächtige Faktizität, gegen die wir uns etwa seit Verdun 1916 in Gegenwehr befinden. Der Überhang des Objektiven ist dabei als Wahrnehmung nicht neu, neu ist aber, dass ich das Ganze mit so vielen Teilnehmern erlebe. Durch das Internet - die Teilnehmerzahlen sind ja sensationell - ist eine Verbindung von Menschen möglich, die fast genauso stark ist wie die Zunahme der Repräsentanz des Objektiven. Man muss also vor dem Internet keine Angst haben. Zu der Idee des Gartens gehört die Kenntnis der Auswege. Denken Sie an den Mythos von Jason und Medea. Jason raubt mit fünfzig Junghelden das goldene Vlies und auf der Rückseite des Vlieses, dieses Tierfells, waren die Schatzorte und Auswege im Meerraum verzeichnet. Die wollte er haben. Wobei diese Schatzfunde nicht an Orten liegen, die mit dem GPS zu finden sind. Sie betreffen vielmehr meine Motive, woher ich komme und wohin ich will. Daraus kann man die Forderung ableiten: Wir müssen Landkarten der Subjektivität gegen das Allwissen des GPS halten. Nach demselben Schema können Sie das Internet betrachten.

Das Gespräch führte Uwe Ebbinghaus

Der Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge ist in den sechziger Jahren einer der Vordenker des Neuen Deutschen Film. Für sein filmisches und literarisches Werk erhält er zahlreiche Preise, darunter im Jahr 2003 den Büchnerpreis. Alexander-Kluge moderiert und produziert mit seiner Firma dctp Kultursendungen für das deutsche Privatfernsehen. Seine Internetpräsenz findet sich unter www.dctp.tv.

Quelle: FAZ.NET
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