02.02.2010 · Der Apple-Chef glaubt nicht an das Web 2.0 und will Google stürzen. Mit dem iPad verabschiedet Apple nicht nur den Computer, sondern greift auch die Idee sozialer Netzwerke an.
Von John MarkoffIst der iPad Hype, oder ist er imstande, wie das anfänglich unterschätzte iPhone, die Kommunikation zu verändern? Wir haben John Markoff, der mit allen handelnden Personen geredet hat, um seine Einschätzung gebeten. Markoff ist Redakteur der „New York Times“ und einer der besten Kenner des Silicon Valley. In seinem Buch „What the Dormouse Said“ (2005) beschreibt er den Einfluss der Gegenkultur der sechziger Jahre auf die Computerindustrie. Zusammen mit Tsutomu Shimomoura, einem führenden Fachmann für Computersicherheit, hat er ein Buch über die Verfolgung des legendären „Dark Side Hackers“ Kevin Mitnick geschrieben. „Data Zone - die Hackerjagd im Internet“ liegt auch in deutscher Übersetzung vor.
Das Buch ist tot, sagte Steve Jobs vor zwei Jahren zu mir. Seine Bemerkung, mit der er auf eine Frage nach Amazons elektronischem Lesegerät Kindle reagierte, löste unter Bloggern einen Sturm der Entrüstung aus.
Nachdem er 1997 zu Apple zurückgekehrt war, spielten Steve Jobs und ich während der zwanzigminütigen Einzelinterviews, die er nach einer Produkteinführung ausgewählten Journalisten zu geben pflegte, manchmal ein kleines Spiel. Nachdem er Apples jüngste Erfindung vor großem Publikum enthüllt hatte, versuchte er wie üblich, hinter der Bühne die Reporter von „New York Times“, „Wall Street Journal“, „Business Week“, „Newsweek“ und ein oder zwei anderen Zeitungen auf die neue Botschaft einzuschwören. Ich aber wollte ihn dazu bringen, dass er frei von der Leber weg sagt, was er denkt. Zumindest bei dieser Gelegenheit habe ich unser Pingpong gewonnen.
„Ganz egal, wie gut oder schlecht das Produkt ist – Tatsache ist, dass die Leute nicht mehr lesen“, sagte er, als er das MacBook Air vorgestellt hatte. „Vierzig Prozent der Amerikaner lesen ein Buch im Jahr oder weniger. Das ganze Konzept ist am Gipfelpunkt brüchig geworden, weil die Menschen nicht mehr lesen.“
Die Lücke zwischen Smartphone und Laptop
Was hat sich in den vergangenen zwei Jahren verändert? Zweifellos lesen die Amerikaner heute nicht mehr Bücher. Ob nun Steve Jobs recht hatte mit seiner Prognose über das Ende des Buches oder nicht, so verkündete er jedenfalls vergangene Woche Apples Absicht, mit dem geschriebenen Wort das zu machen, was das Unternehmen mit der Musik gemacht hat. Mit dem Tablet-Computer iPad verfügt Apple über sein eigenes E-Lesegerät.
Als Kombination von Webbrowser, E-Reader, E-Mail-Programm, Video- und Musikwiedergabeprogramm und Videospielkonsole ist der iPad Apples Wette darauf, dass es zwischen Smartphones und Laptops Platz für einen dritten Bildschirm gibt. Natürlich melden sich Skeptiker zu Wort, die das bezweifeln. Aber die meisten Entscheidungsträger in der Industrie gehen von einer so großen aufgestauten Nachfrage nach einer anderthalb Pfund schweren Tafel mit dem Erscheinungsbild eines gedopten iPhones aus, dass man frühestens in einem Jahr sehen wird, ob Apple eine Nische besetzt oder eine Revolution ausgelöst hat.
Das Verschwinden des PC
Der Medienwirbel um Jobs und das iPad hat epische Ausmaße angenommen. So meinte die „New York Times“, Amerika habe gespannter auf Jobs’ Auftritt gewartet als auf Präsident Obamas Rede zur Lage der Nation. Wollte man sich auf irgendeine der iPad-Anwendungen zum Lesen von Büchern oder Zeitungen, zum Videoschauen oder Websurfen konzentrieren oder selbst auf das Gerät als Ganzes, übersähe man freilich, was das iPad für die Zukunft des Computers und des Internet bedeutet. Die derzeitige Entwicklung der digitalen Welt lässt Tablet-Computer und Smartphones immer weiter schrumpfen. Der PC, wie wir ihn kennen, ist im Verschwinden begriffen. Wohlgemerkt: Nicht Computer an sich sind ein Auslaufmodell. Nur werden wir immer seltener am Tisch sitzen, wenn wir einen Rechner benutzen. Wir werden gar nicht mehr an Computer denken.
Den meisten von uns ist bewusst, dass wir uns im Übergang ins Post-PC-Zeitalter befinden, in dem Computer immer stärker durch das Internet miteinander vernetzt werden. Die tiefgreifenden gesellschaftlichen Folgen, die diese Entwicklung schon nach sich gezogen hat, sind bekannt; zu ihnen zählen Suchmaschinen, soziale Netzwerke sowie die ganze Fülle von Dienstleistungen, die vom Telefonanruf bis zur Restaurantreservierung alles Mögliche in die Reichweite unserer Fingerspitze bringen.
Prothesen des Alltags
Genauso bedeutsam ist aber, dass Computer im Verschwinden begriffen sind, indem sie in all das eingebettet werden, was uns umgibt. Dort, wo Computer einmal nicht umsonst „Personal“ hießen und eigenständige Geräte waren, verschmilzt das Rechnerwesen nahtlos mit unseren Alltagsobjekten, mit Büchern, Telefonen, Musikinstrumenten, Autos – mit allem, was wir anfassen, mit jedem Werkzeug, das wir gebrauchen.
Diese Revolution vollzieht sich ohne großen Knall. Sie schleicht sich an die Gesellschaft heran. Beispielsweise begannen verschiedene Automobilhersteller im Jahr 2009, kostspielige computergestützte Sonderausstattungen anzubieten, die von automatischen Spurhaltesystemen bis hin zu einer intelligenten Vorrichtung reichen, die sowohl die Straße als auch die Augen des Fahrers verfolgt. Ist der Blick des Fahrers in einer Gefahrensituation abgewendet, gibt das System ein Warnsignal und bremst das Fahrzeug ab. Bit um Bit werden wir von Rechnerintelligenz eingeschlossen, die unsere geistigen Leistungen und unsere Sinneswahrnehmungen erweitert.
Wiege der Computertechnik
Steve Jobs war einer der ersten Silicon-Valley-Akteure, der die Bedeutung der in den siebziger Jahren im legendären Palo Alto Research Center von Xerox entwickelten Technologie wirklich begriff. Damals entwarfen die Forscher von Xerox mit dem Alto den Vorläufer unserer heutigen PCs und Laptops. Heute wird immer deutlicher, dass er auch einer der Ersten ist, der sich einer zweiten Idee bemächtigt, die ein Jahrzehnt später aus demselben Forschungszentrum hervorging.
Die erste Idee ist umfassend gewürdigt worden. Das Konzept, das der Computerwissenschaftler Alan Kay 1968 als Dynabook entwickelte, wurde für viele Protgonisten der Computerwelt einschließlich Jobs zum Prüfstein. Tatsächlich bezeichneten Kay und seine Mitarbeiter den Xerox Alto als „vorläufiges Dynabook“. Was ihnen eigentlich vor Augen stand, war dem Tablet, wie wir es heute, vierzig Jahre später, in Form des iPad kennengelernt haben, ziemlich ähnlich.
Jobs’ Besuch der Firma Xerox im Jahr 1979 ist Legende. Nachdem er eigentlich den Hobbybastlern an der Wiege der PC-Industrie näherstand, kam er in Kontakt mit einer abgeschiedenen Welt von Computerwissenschaftlern, die sich durch die Ideen von Pionieren wie Douglas Engelbart und J. C. R. Licklider inspirieren ließen. Jobs begriff, was mit Computern möglich sein würde, das führte direkt zu Apples Lisa und dem Macintosh.
Computerisierter Alltag
Während der achtziger Jahre bahnte der Computerwissenschaftler Mark Weiser von Xerox einem anderen Konzept den Weg, der Idee des „allgegenwärtigen Rechnens“, bei dem der Computer in einer Reihe von Alltagsgegenständen verschwindet. Seine Erkenntnis bestand darin, dass Gebrauchsgegenstände wie Stifte, Notizblöcke, Schreibtische, „intelligent“ werden können. An diesem Wandel arbeitet Steve Jobs seit einiger Zeit mit beträchtlichem Erfolg. Mit dem iPod und dem iPhone hat er das Musikabspielgerät und das Mobiltelefon verwandelt. Mit dem iPad unternimmt er einen Anlauf, das Buch und potentiell das gesamte Informationszeitalter zu verändern.
Natürlich ist er nicht der Erste, der versucht, die Kulturtechnik des Lesens vom Papier auf den Bildschirm zu übertragen. Zu den Pionieren zählen auch Jeff Bezos von Amazon sowie eine Handvoll hartnäckiger Idealisten wie Brewster Kahle vom Internet Archive in San Francisco. Auch das Projekt der Carnegie Mellon Universität zur Digitalisierung von einer Million Büchern wäre zu nennen.
Wollte man sich aber darauf kaprizieren, dass Jobs diese neue Sphäre nicht als Erster betritt, ginge man abermals am Kern der Sache vorbei. Gewiss war sein erster erfolgreicher PC, der Apple II, ein Nachzügler, der erst eintraf, als ein Dutzend anderer Firmen schon Personal Computer entwickelt hatte. Doch Jobs’ Apple II stach heraus, weil er als erster PC von Leuten gekauft wurde, die keine Computerbastler oder Hacker waren.
Wie man Technik verpackt
Während nun die Auslieferung des iPad anläuft, lohnt sich die Überlegung, wodurch sich Jobs diesmal vom restlichen Silicon Valley abhebt. Während sich die meisten Computerentwickler von dieser oder jener speziellen Technologiegeneration gefangen nehmen ließen, ist Jobs immer ein Chamäleon gewesen, das sich selbst und die Firma Apple mehrfach für neue Computerzeitalter neu erfunden hat. Während der Mikrochip bei sprunghaft ansteigender Leistung auf Liliputanergröße schrumpfte, verfeinerte Jobs sein Talent als bester Verpackungskünstler und Verkäufer der Welt.
„Hört der Technologie zu und findet heraus, was sie euch erzählen will“, hat der Physiker Carver Mead einmal gesagt. Jobs hat genauer zugehört als irgendjemand sonst. Tatsächlich hat er vom Apple II über den Macintosh bis zum iPod und iPhone ein makelloses Gespür für den richtigen Moment unter Beweis gestellt. Andere mögen zuerst auf neue Ideen gekommen sein, doch ist es immer wieder Jobs gewesen, der neue Technologien am besten zu nahtlosen Paketen zusammengefügt hat, die die Kunden begeistern. Es gelang ihm sogar, seinen einzigen denkwürdigen Fehlschlag namens NeXT Inc. in seinen beachtlichsten Erfolg zu verwandeln, indem er das Unternehmen im richtigen Moment an Apple verkaufte und dann als Sprungbrett benutzte, um wieder ans Ruder jenes Unternehmens zu kommen, das er zwei Jahrzehnte zuvor gegründet hatte.
Skepsis gegenüber der Wolke
Dieser Unterschied ist es, der die Wettbewerbsbedingungen definiert, während Jobs sein „nächstes großes Ding“ auf den Markt bringt. Seine bereits fest im Zeitgeist verankerte Vision ist eine einzige tragbare Tafel, die alle Arten von Medien in sich aufnimmt: Druck, Musik, Video. Während sich Google und Apple zunehmend in direkte Konkurrenten verwandeln, übersehen viele Beobachter, dass Jobs ein eingefleischter Skeptiker bezüglich der doppelten Marotte des Silicon Valley geblieben ist: der Rechnerwolke und Web-2.0-Diensten wie Facebook.
Für die meisten im Silicon Valley sind preiswerte tragbare Computer wie Netbooks und eine bevorstehende Flut von Tablet-Computern lediglich Fenster in eine ferngesteuerte Computerwelt von Großrechnern, die irgendwo in einer fernen Wolke operieren. Vor allem Google verfolgt mit geradezu religiösem Eifer die Idee, dass alle Daten der Welt in die Wolke abwandern – mithin in eine Kette immer größerer Rechenzentren, die durch fiberoptische Netzwerke miteinander verbunden sind. Chrome, der Webbrowser des Unternehmens, unterstreicht, dass Google auf ein weitestgehend zentralisiertes Rechnerwesen setzt, bei dem die Nutzer durch winzige Fenster auf riesige Datenberge und Rechenprozesse blicken.
Jobs hat eine andere Richtung eingeschlagen, und seine Leidenschaft, Objekte der Begierde zu entwerfen, ist ungebrochen. „Ein wenig wie der Fototechnikpionier Edwin Land fühlt Steve sich zu physischen Produkten hingezogen, zu schönen Gegenständen, die man gerne in die Hand nimmt“, urteilt Michael Hawley, ein Computerwissenschaftler, der als junger Programmierer für Jobs Firma NeXT gearbeitet hatte. „Eine Wolke kann man nicht anfassen und befühlen.“
Eine Art Zauberhandwerk
Als Jobs vergangene Woche das iPad vorstellte, tat es mir in den Ohren weh, wann immer der beste Händler der Welt zu Vokabeln wie „magisch“ und „revolutionär“ griff. In einem Sinn zumindest gibt es jedoch wirklich Magie in der Welt der Rechnerallgegenwart. Wie der Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke vor vielen Jahren einmal feststellte, ist „jede hinreichend fortgeschrittene Technologie von Zauberei nicht zu unterscheiden“.
Als ich das iPad das erste Mal sah, fühlte ich mich an Neal Stephensons „Diamond Age – die Grenzwelt“ erinnert, einen Science-Fiction-Roman aus dem Jahr 1995 über die Abenteuer einer jungen Frau mit einer interaktiven Fibel, die ihr als Lehrer, Lehrbuch und Lebensgefährte gleichermaßen dient. Wie üblich scheinen die Science-Fiction-Autoren die deutlichste Vorstellung davon zu haben, was die Zukunft und in diesem Fall das kommende Jahrzehnt bringen wird. Immer seltener werden wir mit Computern interagieren, indem wir auf Tastaturen tippen und Mauszeiger bewegen. Stattdessen werden wir mit allen möglichen Arten von Maschinen sprechen, und wir werden sie anfassen. Im Gegenzug werden sie uns, wie von Zauberhand, zuhören und antworten.