19.07.2012 · Warum verunglimpft Rainer Meyer die Boheme? Die Lebenslage der Künstler erzeugt bei ihnen Angst, aber das ist kein Grund, sie zu verachten.
Von Frank LübberdingRichtlinien für Lesermeinungen
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Feindbilder, Denkfaulheit oder schlampige Recherche?
Frappierend, wie wenig Lübberding offenbar vom BGE verstanden hat. Würde es etwa nicht gerade auch die Position des Paketzustellers verbessern, der auf sein Erwerbseinkommen dann nicht mehr angewiesen wäre und ganz anders verhandeln könnte? Auch widerspricht sich der Autor, wenn er auf der einen Seite sagt, dass Risiken in der Sphäre der bürgerlichen Autonomie verbleiben, auf der anderen jedoch »faire Arbeitsbedingungen« fordert. Wie kann denn ein Individuum über diese verhandeln, wenn es zugleich von Erwerbstätigkeit abhängig ist? Will Lübberding diese Aufgabe vielleicht an die Gewerkschaften delegieren, die genau dies in den letzen fünfzehn Jahren nicht vermochten, bessere? Selbst, wenn das gelänge, würde es den Vorrang von Erwerbstätigkeit aufrechterhalten und gerade nicht die Selbstbestimmungsmöglichkeiten darüber hinaus erweitern. Beim BGE geht es nicht um die Bohème, auch nicht um die Digitale, es geht um uns Staatsbürger, die wir das Gemeinwesen in allen Konsequenzen tragen …
In dem Artikel fällt auf, dass der Autor die Trennung zwischen
Computer Schaffenden und Künstlern verwischt.
Auch die Hinzunahme des Begriffs Boheme dient dieser Absicht.
Menschen die den ganzen Tag am Computer sitzen und in der Regel von
niemandem als ihresgleichen benutzte Apps „erschaffen“, sind
keine Künstler. Das ist lächerlich.
Aber man muss auch klar sehen, dass der Staat nicht mehr in der Lage ist
Vollbeschäftigt zu ermöglichen. Die Lösung sind nicht
Kürzungen von Sozialleistungen, sondern zB das BGE.
Diese Lösung ist allerdings bei dem Teil des Volkes inakzeptabel,
dessen einziger Lebensinhalt der Profit, die Abzocke und das
Geldverdienen sind. Der Neid, dass andere ihr Leben geniessen
können, während sie zu nichts anderem fähig sind als mehr
und mehr besitzen zu wollen und sich anmassen, dies gefälligst
für alle verbindlich zum einzig legitimen Zweck des Lebens zu erklären.
Das Biotop der digitale Boheme
Es kann ja hinten nur was rauskommen, wenn vorne auch was nachkommt. Aber es sollte sich niemand beschweren, solange Piraten in Parlamente gewählt werden und besorgte Eltern aus dem Schwäbischen und sonstwo den verwirrten Nachwuchs nicht im Stich lassen. Andererseits muss sich entsprechend die digitale Boheme bis auf weiteres als die Darmflora der Republik bezeichnen lassen. Finde ich jedenfalls.
....läuft die ganze akademisch nette und unverbindliche Diskussion
hier. Keiner der Autoren, geschweige denn der Kommentatoren scheint sich
ernsthaft mit dem BGE auseinandergesesetzt zu haben.
Selbstverständlich ist ein BGE möglich, finanzierbar und
angsteinflössend. Angst?
Ja, vor Veränderung. Da diskutiert man doch in Berliner und
sonstigen In-Cafes mal lieber bei einem Latte gerne weiter, unsere Luxusprobleme.
Die Stichworte, mit denen der Autor die hitzige Debatte zu versachlichen sucht, sind gut, doch ...
die Kausalitäten bleiben dunkel, was sicherlich mit dem Wesen von interdependenten Zusammenhängen oder sog. Regelkreisläufen zusammenhängt. Sehr zu empfehlen ist dazu das letztes Jahr erschienene Buch „Kreation und Depression, Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus“. Zu der Argumentation dieses Sammelbandes sei hier bemerkt, dass der Kapitalismus sich den einstmals bohemen Lebensformen von Künstlern und Literaten des 19. Jahrhunderts anverwandelt hat und dabei auf andere, viel profanere, Arbeitswelten ausgedehnt hat. Das heißt, der Lebensstil und die ungesicherte Existenz des Künstlers, der Anschein von Selbstverwirklichung, sind inzwischen ein profitables Geschäftsmodell in vielen Medienberufen. Die Frage lautet daher, ob die digitale Boheme wirklich Künstler sind, oder gewöhnliche Kreativarbeiter, die allenfalls der Struktur ihres Erwerbslebens nach Künstler sind, um die Kosten bei der sozialen Absicherung dieser Berufsgruppe zu senken und dabei auf die Gesellschaft abzuwälzen.
trifft es schon ganz gut: es geht nicht um Künstler und Denker, die
etwas kreieren oder sich ausdrücken wollen und es deshalb schon
immer schwer hatten und nie wirklich frei arbeiten konnten.
Diese "Digitale Boheme" ist weder Randerscheinung noch neu.
Wie ein Johannes Ponader stammen sie aus der deutschen Mittelschicht,
können bis zum 30. Lebensjahr oder sogar noch länger auf
Kosten anderer leben und wollen einem dann verkaufen, dass die
Gesellschaft sie unbedingt brauche. Die meisten sind Kinder der 1980er
und haben weder politisch noch persönlich irgendetwas bedeutsames
erlebt, schaffen selbst nichts Neues. Völlig erfahrungslos aber mit
viel Zeit ausgestattet haben sie zu allem eine Meinung und nennen das
Lebensstil. Und nun tun sie heute auch noch so, als hätten sie das
Internet erfunden. Nein, ich bin nicht damit einverstanden, diese
verwöhnten, arroganten und hochmütigen erwachsenen Kinder
weiter zu ernähren: weder mit Geld noch mit Geduld.
die Begriffe, die Herr Lübberding und Herr Meyer verwenden, sind
unscharf und sie sind verschieden. Soweit ich verstanden habe, geht es
bei dem Artikel des Herrn Meyer um die selbst stilisierte digitale
Boheme, hautsächlich in Berlin, die einen selbstbestimmten
Lebensstil in komfortablen Umfeld fremdfinanziert haben möchten.
Herrn Lübberding verstehe ich so, daß er die
"echten" Künstler meint, ob bildend oder musikalisch, die
von ihrer Kunst nicht leben können und sich über Wasser halten müssen.
Wenn dem so ist, kann ich beiden zustimmen. Wenn nicht, dann halte ich
mich an Herrn Meyer und verweigere den xten Griff in meinen kleinen Beutel.
In einer freiheitlichen Gesellschaft ist jede/r selbst verpflichtet, sich um seinen/ihren Lebens-
unterhalt zu kümmern; viele sehen diesen Umstand als Problem. Aber
letztlich gilt: Freiheit oder Unterwerfung (von Funktionären etc.
als "Sicherheit" beworben, aber im Endergebnis ist es
Unterwerfung unter eine Fremdherrschaft).
In einer solchen freiheitlichen Ordnung wird der Austausch von
Leistungen und Gegenständen frei ausgehandelt (Marktwirtschaft), es
gibt keinen Zwang und kein Stehlen (wie beim BGE).
Die Austauschverhältnisse (Preise, Stundenlöhne) sind dabei
auch gleichzeitig ein Signal und zwar dafür, was andere
wünschen und wofür sie bereit sind, zu zahlen; geringe
Löhne (wie beim Paketdienst) sind also ein Zeichen dafür, dass
diese Leistung nicht besonders nachgefragt wird bzw. dass zu viele diese
Leistung anbieten, die dort Arbeitenden sollten sich also besser
woanders umschauen. UND NICHT ETWA LOHNSUBVENTIONEN ETC. VERLANGEN.
Die Gesellschaft kann solche Umorientierungen wie auch die initiale
Ausbildung (mit)finanzieren.
Aber mehr nicht.
... auch dieser Betrag ist hervorragend geschrieben, Kompliment - genau
aus diesem Grund beziehe ich meine Informationen bevorzugt von der FAZ!
... irgendwie hat es mich allerdings, an den letzten Einkauf bei der
NORMA erinnert: abgesehen davon, dass man dort das bekannte
Schmuddelimage pflegt ist das Sortiment breiter und in einigen
Fällen auch besser als beim grossen Konkurrenten - wieder mal
konnte ich jedoch miterleben, dass sich die Beschäftigten direkt
und unfein gegenseitig kritisierten ... beim Konkorrenten ALDI hingegen
läuft immer alles reibungslos, ist perfekt organisiert und jeder
scheint sich als ( wichtiges ) Rädchen des ganzen Organismus' zu verstehen.
Insofern frage ich mich, ist das hier eine öffentliche,
persönliche Kritik am Konkurrenten, die unter dem Dach der FAZ
eigentlich hinter die Kulissen gehört oder soll es ein bewusstes
PRO- und KONTRA-Spiel sein, so etwas wie "guter Journalist -
böser Journalist" ?
Herr Wierny, es handelt sich in der Tat um ein PRO- und KONTRA-Spiel,
es ist ein Grund warum ich die FAZ ebenfalls schätze. Themen werden in Artikeln aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet (häufig), es obliegt dem mündigen Leser sich "sein" Urteil zu bilden. Bei Norma und Aldi ist es einfach, Aldi bezahlt die Mitarbeiter besser und setzt auf vernünftige Ausbildung und Teamwork während Norma da eher auf den Urtrieb des einfachen Arbeiters setzt, nämlich sich gegenseitig zu zerfleischen anstatt sich gemeinsam zur Wehr zu setzen.
Meines Erachtens ist es keine "Verunglimpfung", wenn Rainer
Meyer den Lebensstil der sog. Boheme zutreffend beschreibt.
Was die prekär Beschäftigten angeht, so ist es ein
beschämendes und unwürdiges Kapitel unserer Geschichte, dass
im 21. Jahrhundert die soziale Marktwirtschaft schrittweise in Richtung
Vollkapitalismus abgebaut wird. Das rächt sich eines Tages. Ganz
anders verhält es sich mit der sog. Boheme. Wer meint, nicht anders
arbeiten zu können als mit Laptop in einem Berliner Café,
soll das gerne tun. Er (oder sie) kann nur nicht erwarten, allein
für diesen Lebensstil und seine Genialität von irgendwem
bezahlt zu werden. Wer seine Werke verkaufen und davon leben kann, ok.
Wer, aus welchen Gründen auch immer, nicht genug verkaufen kann,
muss nebenbei einen Brotberuf ausüben. Für 1.000,- Euro im
Monat muss man eine Arbeit verrichten, die verlangt wird. So einfach ist
das.
Prekäre Beschäftigung als Folge des "Vollkapitalismus"?
Guter Beitrag, aber dieser Sache muss ich widersprechen.
Ich halte das massenweise Auftreten von prekär Beschäftigten
(d.h. echten AN, im Gegensatz zur sog. digitalen Boheme, die man
früher als "ewige Studenten" bezeichnet hätte) eine
Folge des derzeitigen sozialistischen (!) Systems
- Ständiges Ausweiten des Staatseinflusses
- Ständiges Erfinden neuer "sozialer" Wohltaten
- Bezahlung nach dem Senioritätsprinzip statt auf Leistung
- Steuer- und Abgabenquote > 50% (wenn man die Lohnnebenkosten
einrechnet, die Teil der Lohnkostenkalkulation des AG sind)
- Steuerrecht, welches durch Inflation und nicht-Anpassung der
Steuerkurven wie eine permanente Steuererhöhung wirkt
- Steuergesetze, die für den Bürger undurchschaubar sind, aber
allerlei Lobbygruppen und Gutverdienern lukrative Ausnahmen gewähren
- Politische Reglementierungen, die die Arbeit unnötig verteuern
(Bürokratie, Auflagen, Quotenregelungen, sog. Betriebsräte)
- Fehlanreize, Förderung von Unproduktivität (Subventionen)
Gegenfrage: Warum verunglimpfen Meyer und Lübberding das bedingungslose Grundeinkommen?
Dieses Konzept des BGE einfach als Spinnerei abzutun, greift zu kurz. Es
ist einer der seltenen Versuche, auf eine grundsätzlich
veränderte Lebenswirklichkeit auch mit einem grundsätzlich
neuen Ansatz zu reagieren. In der Diagnose sind sich ja die meisten
einig: immer mehr Menschen gleiten ins Prekariat (oder ins Nichts) ab,
die Sozialausgaben steigen, gleichzeitig steigt der Reichtum Weniger.
Meyer beschreibt (als Don Alphonso) präzise auch die andere Seite:
die "Leistungsfalle" mit der zunehmenden Angst der
"Eliten der Leistung".
Das vielbeschworene Recht auf Arbeit gibt es längst nicht mehr -
aber die Pflicht zur Arbeit soll bleiben?? Hier umzudenken ist dringend
nötig. Ob die jetzt kursierenden Ideen zum BGE etwas taugen, wage
ich zu bezweifeln, aber eine ernsthaftere Debatte als in diesen beiden
Artikeln haben sie verdient.
Die Ansage ist aber auch ein Beißreflex. Wer sich mal mit Don
Alphonsos Background grob beschäftigt hat, weiß, dass er
womöglich vieles hat, mit Sicherheit einen veritablen
Standesdünkel, aber mit ebensolcher Sicherheit keine Angst.
In einem Punkt zumindest hat er Recht: die "Szene" ist ein
modernes Prekariat, mit dem Unterschied, dass man sich heute einredet,
dass diese Situation cool sei. Besondere Leistungen werden dort auch
nicht erbracht. Man lebt von der Beobachtung einiger weniger
Gallionsfiguren und einiger noch seltenerer Gründer, die
tatsächlich Erfolg haben. Man redet sich gegenseitig ein, dass man
selbst weiß, wie das "heute" funktioniert, die anderen
(die Erfolg haben und das Geld verdienen) eben nicht, gott, wie
rückständig die doch sind.
Dass selbst ihre Gallionsfiguren auf den Summits der Elite
vorgeführt werden wie Tanzaffen, gebucht für lächerliche
Beträge, die sie als stolz erachten, das fällt niemandem so
richtig auf.
Vorkämpfer?
Das würde ich gerne sehen. Nicht dass wir uns falsch verstehen: ich
bin nicht "gegen die" oder "gegen eine bessere
Gesellschaft". Bloß während die einen (oben) alle Hebel
in Gang setzen, um ihre fragwürdigen bis kriminellen Machenschaften
weitertreiben zu können, passiert in der "Boheme"....gar
nichts, bis auf irrlevante Chats, Blogeinträge etc. pp. So kriegt
man jedenfalls keine PS auf die Straße.
Hier und da mal ein Aufreger über "Datenschutzskandal bei der
Facebook / Google / Microsoft / Schufa" und das kollektive sich auf
die Schultern klopfen für deren Rückzieher / Änderungen /
Panik-Kommunikation reicht wohl kaum für eine bessere Welt.
Der war gut:
"Dass selbst ihre Gallionsfiguren auf den Summits der Elite vorgeführt werden wie Tanzaffen, gebucht für lächerliche Beträge," und hat mich Sicherheit gesessen. Ich kämpfe immer noch damit mein Grinsen aus dem Gesicht zu verbannen und endlich Mitgefühl mit den durch Sie zutiefst gekränkten Vorkämpfern für eine bessere Gesellschaft zu empfinden.
„Es herrscht die Überzeugung vor, die geregelte Arbeit der
Elterngeneration sei ein Auslaufmodell.“ Dieser Überzeugung
waren auch viele Soziologen. Sie ist immer noch eine Option, weil
zunehmend die Arbeitsabläufe automatisiert werden.
Meyers Artikel war erfrischend und interessant. Ihre Kritik an ihm
dagegen etwas unscharf.
Automatisierung
Dies kann im Endeffekt auch nur(!) zu neuer Buerokratie fuehren. Das Sich- Enthalten gegenueber dieser Entwicklung, ist etwas unverantwortlich.