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Veröffentlicht: 18.07.2012, 10:00 Uhr

Digitale Bohème in Berlin Diese verflixten tausend Euro

Um angstfrei leben zu können, kalkulieren die Vertreter der digitalen Bohème in Berlin mit einem monatlichen Betrag von tausend Euro. Porträt eines unsteten, opportunistischen Milieus.

© Dieter Rüchel Mögen tausend Euro auch nicht viel zum Leben sein: Irgendwie müssen sie eingetrieben werden, sei es nun beim Staat, bei Auftraggebern, den Eltern oder Freunden

Mein Freund H. hat Angst, denn er ist in einem kritischen Alter und nähert sich dem Punkt, da man ihn in der Realwirtschaft als „älteren Arbeitnehmer“ bezeichnen würde. In Berlin ist Mitte vierzig allerdings ein Alter, das man mit etwas Durchwurschteln erreichen kann, ohne jemals einer geregelten Tätigkeit nachgegangen zu sein. H. selbst gehört nicht zu den Berufsjugendlichen, die sich mit unbezahlten Projekten durchgeschlagen haben; er hat in der Medienbranche gearbeitet und führt inzwischen ein normales Leben. Als ich ihn vor acht Jahren in Berlin kennenlernte, lebte er in den Tag hinein und gab sein Geld mit vollen Händen aus.

Heute besitzt er Immobilien, holt sein Studium nach und hat Angst. Und weil er Angst hat, tritt er für ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) ein. H. ist ein Malocher. Was immer er unternimmt, scheint zu florieren, er hat Charme und Talent. So ein BGE, sagt er, würde ihn freier machen. Und alle anderen, sagt er träumerisch, von der Notwendigkeit entbinden, sich in der Arbeit für Dumpinglohn unterdrücken zu lassen. Das BGE wäre seine psychologische Befreiung. Er würde weiterackern. Er denkt nicht in Beträgen oder Finanzierung eines sozialen Umbaus, denn rational begreift er, dass man Leute wie ihn immer brauchen wird. Er möchte nur von seiner irrationalen Angst befreit werden.

Dreist pöbeln kann man in Berlin

Es ist die gleiche Angst vor der Zukunft, die meine zwanzig Jahre jüngeren Freunde in München und St.Gallen von einem Studium in Harvard träumen lässt. Sie fragen sich wie H., welche Chancen sie in einer durchoptimierten Welt haben. Dafür gehen sie nach Harvard, wenn sie können. Andere haben keine Lust auf den Druck, die gehen nach Berlin, wo in den internetaffinen Zirkeln viele ähnlich denken, das Leben im Vergleich zu anderen abgelegenen Provinzstädten billig ist und bei den Projekten niemand fragt, welche Kompetenzen man belegen kann. Außerdem hält sich hartnäckig das Gerücht, Berlin sei die Stadt, in der man kreativ noch etwas in Deutschland bewegen könne. Blogs. Podcasts. Twitter. Websites. Labels. Platten. Buchverlage. Start-ups. Medien. Jeder kennt jemanden, der etwas aufgezogen hat. Sogar Suhrkamp ging nach Berlin.

Das holpert bei bekannten Vertretern der Zunft mitunter so: „Ich habe kein Geld. Ich wohne in einer Dreißigquadratmeter-Wohnung, esse jeden Tag Nudeln und bin trotzdem dauernd pleite.“ Der Nudelfreund heißt Michael Seemann und wird auf Kongressen als Netzphilosoph mit provozierenden Thesen zu Privatsphäre, Urheberrecht und Kontrollverlust herumgereicht. Die Spannungen und Konflikte, zu denen es mitunter kam, wurden im Netz publiziert: „ich protestiere dagegen schärfstens“. Laut muss man im Netz sein, um aufzufallen, und dreist pöbelnd kann man in Berlin sein, wo man keine Sorge haben muss, mit einer Bierflasche in der Hand öffentlich gesehen zu werden.

Sinnvolles tun auch ohne nervende Amtstermine?

Tausend Euro netto brauche man auch in Berlin im Monat zum Überleben, erfährt man aus den Erklärungen, und mag das auch wenig sein: Irgendwie müssen sie eingetrieben werden, sei es beim Staat, bei Auftraggebern, den Eltern oder Freunden. Im Wiki von Christian Heller, einem weiteren Internetvordenker, kann man sich auf den Cent genau ein Bild davon machen, wie lange ein junger Mensch nur von Billigschokolade, Chicken-Döner und Fertigsuppen leben kann. Sollte einmal mehr Geld hereinkommen, ist der Moment da, um sich neue Produkte von Apple zu kaufen und die Selbstbescherung bei Twitter zu verkünden. Sollte es weniger sein, entspinnt sich im Netz die Debatte, ob die nötige Betäubung mit Bier oder Haschisch vorzunehmen ist. Es herrscht die Überzeugung vor, die geregelte Arbeit der Elterngeneration sei ein Auslaufmodell.

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