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Sonntag, 12. Februar 2012
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Dieter Althaus Der eingebildete Gesunde

09.09.2009 ·  Die jämmerliche Schlussszene des Dramas um Dieter Althaus erhellt, wie es zur politischen Katastrophe kommen konnte. Wie war das möglich, dass man einen Kranken gesundredete und dadurch nun wahrscheinlich seine Genesung behindert hat?

Von Patrick Bahners
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Dienst nach Vorschrift: Unter dem ungläubigen Gelächter der Landespressekonferenz erläutert der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus, dass sich alles, was er seit seinem Rücktritt getan hat, aus dem Buchstaben der Landesverfassung ergibt. Gemäß Artikel 75 hat er die Minister ersucht, ihre Amtsgeschäfte weiterzuführen. Bei dieser Gelegenheit hat er seiner Stellvertreterin, Finanzministerin Diezel, seine Vertretung im Fall der Abwesenheit übertragen. Dass er selbst die Amtsgeschäfte fortzuführen gedachte, musste er nicht erwähnen, denn beim Ministerpräsidenten folgt diese Pflicht, ohne zwischengeschaltetes Ersuchen, unmittelbar aus der Verfassung.

Demnach war es ein Missverständnis, dass Frau Diezel glaubte, sie müsse die Leitung des Kabinetts vertretungsweise übernehmen. Die Vertretung hatte Althaus nur für den Fall geregelt, dass er während der Amtszeit der geschäftsführenden Landesregierung einen kurzfristigen Urlaub antreten oder plötzlich erkranken sollte. So weit ist der Inhalt der Darlegungen von Althaus auf der Pressekonferenz am Dienstag rational rekonstruierbar, auch wenn man darüber streiten mag, ob die Erneuerung der Abwesenheitsvollmacht seiner Stellvertreterin, wie Althaus behauptet, im Übergang zur geschäftsführenden Regierung wirklich erforderlich war. Warum aber hat er das Missverständnis nicht sofort korrigiert, als Frau Diezel die Öffentlichkeit wissen ließ, sie führe die Geschäfte? Althaus sagt, er sei nie abwesend gewesen, sondern habe zu Hause gearbeitet. Auf Nachfrage: Er habe Post erledigt.

Nicht mehr der Alte

Zur Erinnerung: Mitteilungen gleichlautenden Inhalts wurden im Frühjahr verschickt, als die Parteifreunde des Ministerpräsidenten, der bei einem Sportunfall eine Frau getötet und ein Schädel-Hirn-Trauma davongetragen hatte, versuchten, seine Rückkehr ins Amt als die normalste Sache von der Welt auszugeben. Er stehe, trotz Vertretung durch Frau Diezel, mit der Staatskanzlei in ständiger Verbindung, wurde früh über die Boulevardpresse verbreitet. Nicht die aggressiv optimistischen Bulletins haben sich bewahrheitet, sondern die ebenfalls schon früh kolportierten gegenläufigen Einschätzungen wie die Aussage des Bruders, Dieter Althaus sei nicht mehr der Alte. Es drängt sich auf, das erratische Verhalten von Althaus als Folge der Traumatisierung zu deuten. Der rationale Gehalt, den sogar seine Einlassungen mitten im Hohngelächter der Journalisten vom Dienstag noch haben, wenn man nur den Wortlaut ansieht, macht den Befund erst recht eklatant, dass er sich nicht mehr verständlich machen kann. Seine letzte Zuflucht ist formale Korrektheit, eine von allem Politischen und allem Menschlichen gelöste Schlüssigkeit.

Man muss ihn nach seiner Rückkehr in die Staatskanzlei fragen, von selbst hätte er nur über die Agenda der Kabinettssitzung berichtet. Seine Aussprache ist breiig, die Sätze haben keine Melodie. Der Schatten des Verdachts der Teilnahmslosigkeit hatte sich über ihn gelegt, jetzt macht er den Eindruck, ihm sei auch das eigene Schicksal gleichgültig.

Paradoxerweise sind allerdings die Mitglieder der Landespressekonferenz von Körpersprache und Redeweise des Ministerpräsidenten am wenigsten befremdet. In dieser Hinsicht ist Dieter Althaus tatsächlich ganz der Alte.

Vereinzelt ist jetzt von Tragik die Rede. Richtig ist das im engen Sinne eines technischen Begriffs: Bestrafung, die der Handelnde sich selbst zuzieht, Konsequenz im Verschlimmern einer schlimmen Lage. Die jämmerliche Schlussszene des Dramas erhellt, wie es zur politischen Katastrophe kommen konnte. Wie war das möglich, dass man einen Kranken gesundredete und dadurch nun wahrscheinlich seine Genesung behindert hat? Eine Antwort: Als Symptome der Gesundung wurden Reflexe und Verarbeitungsstrategien gedeutet, die mit der Vorstellung vom normalen Politikerverhalten harmonieren. Der Fall Althaus gibt Grund, das Pathologische an dieser Normalität ins Auge zu fassen.

Der psychische Kern seiner Macht

Dieter Althaus ist immer schon jemand gewesen, der nichts an sich herangelassen hat. Das war seine Stärke, der psychische Kern seiner Macht. Ihm war die Selbstüberwindung zuzutrauen, die es bedeuten musste, das Kapitel des tödlichen Unfalls im seelischen Schnellprozess zu schließen. Man bedachte nicht, was diese Therapie den Bürgern von Thüringen zumutete. Sie hatten plötzlich ein Interesse daran, dass ihr Landesvater über seine Schuld am Tod eines Menschen so schnell wie möglich hinwegkam. Denn am Gegenteil, einem an der Schuld und der Erfahrung der bestraften Risikolust leidenden Ministerpräsidenten, konnten sie kein Interesse haben.

In privaten Kontexten mag man in solchen Fällen die Daumen drücken, dass die Verdrängung gelingt. Ein ganzes Volk kann sich nicht auf diesen Standpunkt stellen. Wohl in jeder größeren Organisation wäre die umstandslose Wiederaufnahme der Führungstätigkeit durch einen Mann in der Lage von Althaus problematisch gewesen. An der Spitze von Organisationen stehen nicht Funktionsträger, sondern Personen, die mit allem, was sie sind, darstellen und tun, für das Ganze einstehen.

Erpresstes Mitleid war die Strategie des Wahlkampfs der CDU. Die Erben von Althaus, die das Spiel mitgemacht haben, zahlen jetzt moralisch dafür, indem sie sich gezwungen sehen, ihn mitleidslos zu behandeln. Dass das öffentliche Amt des Ministerpräsidenten zum privaten Zweck der Rekonvaleszenz und Resozialisierung missbraucht wurde, ist noch die freundlichste Lesart der schäbigen Geschichte. Man hätte einfach das Prinzip jeder demokratischen Verfassung beachten müssen: Kein Mensch ist unersetzlich.

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Eingeführte

Von Gerhard Stadelmaier

Nachhilfe zuerst: Die „Einführung“ nämlich ist republikweit an allen Theatern das meistgespielte Stück. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde. Mehr