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Diesel-Schadstoffe : Was wiegt so ein Gramm?

Fährt schön steuervergünstigt weil gut für die Umwelt: Porsche Cayenne Diesel. Bild: EPA

Auch das neueste Diesel-Gate kratzt niemanden. Denn wer wagt es schon, die Automobilhersteller zu kritisieren?

          Ein Mann nimmt eine Anhalterin mit. Deren Attraktivität animiert ihn offensichtlich dazu, ordentlich Gas zu geben, bis sie schwach wird und anerkennen muss: „echt sportliches Auto“, woraufhin er die kühle Schöne mit einem bubihaften „Brrrrrrmmmm“ zum Lächeln bringt, noch mehr auf die Tube drückt und schließlich sagt, dass er eigentlich impotent ist, das heißt in diesem Fall: „Ist ein Diesel“, woraufhin wiederum sie sagt: „Ach ja, und Sie sind Formel-1-Rennfahrer.“

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Einfach weltmeisterlich, diese Werbung! Mika Häkkinen, der finnische Formel-1-Doppelweltmeister, wird sie sich von Mercedes gut bezahlt haben lassen. Endgültig war damit signalisiert, dass Diesel-Fahrer nun nicht mehr im Ruf ängstlicher Knauserei und Langweiligkeit (weniger Verbrauch, aber auch erheblich langsamer) standen, sondern genauso am normalen deutschen Leben teilnehmen konnten wie alle anderen auch, einem Leben voller Abenteuer, Geschwindigkeit, Risiko und Erotik. Und das Beste: Der Motor klang auch nicht mehr wie ein Traktor, obwohl sein Durst zunächst kaum größer geworden war. Der Turbo-Diesel, lange Zeit ein hölzernes Eisen, machte es möglich.

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          Das war vor fünfzehn, zwanzig Jahren. Das ironische Understatement, mit dem so ein Weltmeister damals auf die Leistungsfähigkeit eines Diesels aufmerksam machte, ist längst plumpester Protzerei gewichen: Die drei-, oft auch vierhundert PS starken Motoren machen sich Luft durch Auspuffe, die so dick sind wie Ofenrohre, gerne auch vier davon; die Karossen haben Ausmaße von Lieferwagen, mit einem Gewicht von zwei- bis zweieinhalb Tonnen. Was glaubte man die ganze Zeit, womit ein solches Monstrum betankt und auf eine Geschwindigkeit von 250 Kilometern in der Stunde katapultiert wird? Mit Werten made in Germany wie „Klimaschutz“ und „Nachhaltigkeit“?

          Jetzt ist es heraus: Eine Untersuchung von 2016 hat ergeben, dass der Kohlendioxid-Ausstoß von Otto-Motoren bei durchschnittlich 129 Gramm pro Kilometer liegt, der von Dieseln bei 128 Gramm. Dieses von der Grünen-Fraktion erfragte Ergebnis wurde gerade vom CSU-geführten Bundesverkehrsministerium, dem man nicht nachsagen kann, dass es die Autoindustrie wegen der ja immer verrückter werdenden Serie von Verfehlungen allzu hart anfasst, bestätigt. Ausdrücklich wird dieser für den Diesel nicht mehr schmeichelhafte Wert darauf zurückgeführt, dass die Fahrzeuge immer schwerer werden und immer mehr PS haben.

          Ein Gramm also: Es dürfte selbst der betrügerischen, jede Bemerkung gleich als „Hysterie“ abtuenden Automobillobby nicht gelingen, hier noch einen nennenswerten Unterschied zu erkennen. Damit ist dem Argument, das noch für den Diesel sprechen mochte – nämlich, dass er zwar mehr Stickoxid, dafür aber merklich weniger klimaschädigendes Kohlendioxid ausstößt –, die Grundlage entzogen. Die steuerliche Vergünstigung für Diesel-Kraftstoffe und -Autos ist damit hinfällig.

          Keine Vor-, aber auch keine Nachverurteilung

          Aber ob nun Kohlendioxid oder Stickoxid – gesund ist wohl beides nicht, da können Politik und Wirtschaft noch so sehr mit Euphemismen um sich schmeißen. Einen „sauberen“ Diesel gab es nicht und wird es auch nie geben, jedenfalls nicht, solange er gefahren wird, wie es überhaupt gar kein „sauberes“ Auto gibt. Die Wortwahl, mit der man sich in einer auf Konsum setzenden Gesellschaft verständigt, ist verräterisch: Es gibt auch keine „umweltfreundlichen“ Reinigungsmittel, sondern nur solche, welche die Umwelt weniger belasten; belastet aber wird sie immer, selbst ein umweltneutrales Verhalten ist praktisch nicht möglich. Dass der Staat aber ausgerechnet für Autos „Umweltprämien“ zahlt, bleibt absurd.

          Was folgt nun aus dem neuerlichen Diesel-Gate? Keine Nachricht kann so schlecht sein, dass sie staatlicherseits ein Umdenken bezüglich des Individualverkehrs in Gang setzen könnte. Und keine Partei, selbst die grüne nicht, wird ein Fahrverbot oder – das wäre ja auch eine Möglichkeit – ein Tempolimit fordern, weder vor noch nach der Wahl, denn das würde ihr so gut wie jede Koalitionsmöglichkeit verbauen.

          Die Kritik an der Automobilbranche ist nach wie vor ausgesprochen schonend. Es soll keine Vorverurteilung geben; aber in diesem Fall wird es auch keine Nachverurteilung geben. Wer es wagt, harte, einschneidende Maßnahmen zu fordern, der, so heißt es dann gleich, legt die Axt an unseren Wohlstand. Das mag sein. Wenn dies aber zutrifft, dann wird das Gerede von der „Bildung“ als Surrogat für Rohstoff (an dem unser Land arm ist), von „Bildung“ als Garant für Wohlstand, ja überhaupt Zukunft noch sinnloser, als es sowieso schon ist. Was die Autoindustrie neben guten Ingenieuren braucht, sind vor allem fleißige Arbeiter. Wie es um die „Bildung“ ihrer Manager bestellt sein mag, erleben wir seit Jahren.

          Quelle: F.A.Z.

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