Home
http://www.faz.net/-gsf-12ni9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Sachbücher des Jahres

Die Zukunft des Kapitalismus (3) Wettbewerb ist ein Gebot der Nächstenliebe

Wir haben zu viel zu wissen gekriegt und fangen zu wenig damit an. Das Soziale an der Marktwirtschaft ist keine Kompensation für das, was Markt und Marktwirtschaft angerichtet haben. Der Schriftsteller Martin Walser hat jemanden entdeckt, der den Kapitalismus der Zukunft lebt.

© dpa Vergrößern Ein Grenzgänger: Michael Ungethüm

Wir haben zu viel zu wissen gekriegt und fangen zu wenig damit an. Das Soziale an der Sozialen Marktwirtschaft ist keine Kompensation, keine Art Wiedergutmachung für das, was Markt und Marktwirtschaft angerichtet haben. Der Schriftsteller Martin Walser hat jemanden entdeckt, der den Kapitalismus der Zukunft lebt. Unsere Serie eröffneten am 30. April Thomas Strobl (Die Zukunft des Kapitalismus (1): Wohlstand für alle ) und Karen Horn (Zukunft des Kapitalismus (2): Modell Deutschland ).

Von Martin Walser

Mehr zum Thema

Ich will nicht sagen, dass ich glücklich bin, aber dass ich ab und zu Glück habe, darf ich schon sagen. Gerade jetzt wieder. Die Welt dröhnt von miserablen Nachrichten, die Sprecherinnen und Sprecher im Fernsehen wollen einander überbieten in Katastrophenmimik. Nicht die von der ARD. Aber die anderen schon. Was der Finanzwelt jetzt gesagt werden muss, sagen sie mit grimmiger Freude oder, genauer: mit freudigem Bedauern. Mit einem Das-hab-ich-gewusst-Gesicht. Als sie an Weihnachten mitteilen mussten, dass die Leute trotz schlimmer Krise fröhlich und massenhaft kauflustig waren, haben sie das zwar berichtet, aber in einem Ton, der hieß: Die werden sich noch wundern, diese naiven Konsumenten.

Martin Walser im Garten des Frankfurter Goethehauses © Marcus Kaufhold Vergrößern „Der mit dem Geldgeschäft handelnde Kapitalismus hat sich unendlich blamiert”: Martin Walser

Tatsächlich hat sich der mit dem Geldgeschäft handelnde Kapitalismus unendlich blamiert. Es war eine ansteckende Geistes- oder Charakterkrankheit, die aus Amerika herüberflorierte. Dass eine ganze Branche so ansteckbar war, bleibt beschämend. Das Kerngeschäft - solide Kredite für solide Projekte - wird zur Zeit übertönt von unglücksgeilen Kassandren. Und da treffe ich, lerne ich kennen Herrn Michael Ungethüm, Prof. Dr. Dr. Dr. h.c., und lerne lesen sein Buch „Verantwortung für das Ganze“. Das ist ein Titel, dessen Gutgemeintheit mich nicht sofort erobert. Es sind Reden und Vorträge von 1989 bis 2009. Und ich erfahre: Michael Ungethüm hat den Vater im Krieg verloren, hat Schlosser gelernt, dann das Abendabitur gemacht, dann studiert, promoviert in Ingenieurswissenschaft, habilitiert als Ingenieur im Fach Medizin, vor ihm lag eine akademische Karriere, „die Sicherheit einer Beamtenstelle mit unschätzbarer Freiheit in Forschung und Lehre“, aber er verlässt den „Elfenbeinturm der Wissenschaft“.

Von München nach Tuttlingen

Wie er diese Grenzüberschreitung selbst schildert, hat mich für ihn eingenommen. Die „Nagelprobe für die richtige Erkenntnis“ liegt „in deren praktischer Anwendbarkeit“. Das führt ihn, als er sechzig ist, zu der radikalen Formulierung: „Eine Zunahme des theoretischen Wissens ist zunächst einmal völlig belanglos.“ Damit hat er mich natürlich an Kierkegaard erinnert: „Wir haben zu viel zu wissen gekriegt und fangen zu wenig damit an.“ Er ist also aus dem brillanten München ins schlichtere Tuttlingen gezogen, zur Firma Aesculap; jetzt ist er dreißig Jahre bei Aesculap und hat den Umsatz um mehr als das Zwanzigfache gesteigert.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Doping-Skandal in Russland IAAF und IOC reagieren

Das Internationale Olympische Komitee spricht nach der ARD-Reportage über Doping in Russland von ernsthaften Anschuldigungen. Eine Untersuchung laufe bereits. Auch der Leichtathletik-Verband IAAF reagiert auf die Enthüllungen. Mehr

04.12.2014, 06:32 Uhr | Sport
Schlammschlacht um Schönheitskönigin aus Myanmar

Die mit ihrer Trophäe durchgebrannte Schönheitskönigin May Myat Noe aus Myanmar will ihren Preis erst zurückgeben, wenn sich die südkoreanischen Veranstalter des Wettbewerbs "Miss Asia Pacific World" bei ihr und ihrem Land entschuldigen. Mehr

04.09.2014, 14:27 Uhr | Gesellschaft
Scheitern im Arbeitsleben Selbst das eigene Elend kann irgendwann langweilig werden

Der Schriftsteller Michael Kleeberg beschreibt in seinem neuen Roman den Werdegang eines deutschen Angestellten samt Konkurrenzkampf, Karrieresprung und Burnout. Und erklärt, wie wichtig Scheitern dabei ist. Mehr

11.12.2014, 06:00 Uhr | Beruf-Chance
BDI statt Klimagipfel

Die Grünen kritisieren, dass die Bundeskanzlerin lieber die Jahrestagung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie besucht, statt zum Klimagipfel in New York zu reisen. Derweil betont Angela Merkel Bundeskanzlerin die Flexibilität des Europäischen Wettbewerbs. Mehr

23.09.2014, 22:34 Uhr | Politik
Zum Tod von Ralph Giordano Ein Spezialist der Streitbarkeit

Sein berufliches Leben lang stellte sich er sich in den Dienst des aufklärenden Worts. Hochberühmt gemacht hat ihn sein Familienroman Die Bertinis. Mit 91 Jahren ist der Publizist Ralph Giordano nun in Köln gestorben. Mehr

10.12.2014, 14:45 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 07.05.2009, 16:47 Uhr

German, please

Von Michael Hanfeld

Wird die Deutsche Welle bald ausschließlich auf Englisch senden? Alle schütteln den Kopf. Peter Limbourg gibt genügend Grund für viele Fragen - aber auch für eine Antwort: Die Deutsche Welle spricht die Sprache des Geldes. Mehr 2

Umfrage

Wie hat Ihnen die letzte „Wetten, dass..?“-Sendung gefallen?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.