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Die Zukunft des Kapitalismus (3) Wettbewerb ist ein Gebot der Nächstenliebe

 ·  Wir haben zu viel zu wissen gekriegt und fangen zu wenig damit an. Das Soziale an der Marktwirtschaft ist keine Kompensation für das, was Markt und Marktwirtschaft angerichtet haben. Der Schriftsteller Martin Walser hat jemanden entdeckt, der den Kapitalismus der Zukunft lebt.

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Wir haben zu viel zu wissen gekriegt und fangen zu wenig damit an. Das Soziale an der Sozialen Marktwirtschaft ist keine Kompensation, keine Art Wiedergutmachung für das, was Markt und Marktwirtschaft angerichtet haben. Der Schriftsteller Martin Walser hat jemanden entdeckt, der den Kapitalismus der Zukunft lebt. Unsere Serie eröffneten am 30. April Thomas Strobl (Die Zukunft des Kapitalismus (1): Wohlstand für alle ) und Karen Horn (Zukunft des Kapitalismus (2): Modell Deutschland ).

Von Martin Walser

Ich will nicht sagen, dass ich glücklich bin, aber dass ich ab und zu Glück habe, darf ich schon sagen. Gerade jetzt wieder. Die Welt dröhnt von miserablen Nachrichten, die Sprecherinnen und Sprecher im Fernsehen wollen einander überbieten in Katastrophenmimik. Nicht die von der ARD. Aber die anderen schon. Was der Finanzwelt jetzt gesagt werden muss, sagen sie mit grimmiger Freude oder, genauer: mit freudigem Bedauern. Mit einem Das-hab-ich-gewusst-Gesicht. Als sie an Weihnachten mitteilen mussten, dass die Leute trotz schlimmer Krise fröhlich und massenhaft kauflustig waren, haben sie das zwar berichtet, aber in einem Ton, der hieß: Die werden sich noch wundern, diese naiven Konsumenten.

Tatsächlich hat sich der mit dem Geldgeschäft handelnde Kapitalismus unendlich blamiert. Es war eine ansteckende Geistes- oder Charakterkrankheit, die aus Amerika herüberflorierte. Dass eine ganze Branche so ansteckbar war, bleibt beschämend. Das Kerngeschäft - solide Kredite für solide Projekte - wird zur Zeit übertönt von unglücksgeilen Kassandren. Und da treffe ich, lerne ich kennen Herrn Michael Ungethüm, Prof. Dr. Dr. Dr. h.c., und lerne lesen sein Buch „Verantwortung für das Ganze“. Das ist ein Titel, dessen Gutgemeintheit mich nicht sofort erobert. Es sind Reden und Vorträge von 1989 bis 2009. Und ich erfahre: Michael Ungethüm hat den Vater im Krieg verloren, hat Schlosser gelernt, dann das Abendabitur gemacht, dann studiert, promoviert in Ingenieurswissenschaft, habilitiert als Ingenieur im Fach Medizin, vor ihm lag eine akademische Karriere, „die Sicherheit einer Beamtenstelle mit unschätzbarer Freiheit in Forschung und Lehre“, aber er verlässt den „Elfenbeinturm der Wissenschaft“.

Von München nach Tuttlingen

Wie er diese Grenzüberschreitung selbst schildert, hat mich für ihn eingenommen. Die „Nagelprobe für die richtige Erkenntnis“ liegt „in deren praktischer Anwendbarkeit“. Das führt ihn, als er sechzig ist, zu der radikalen Formulierung: „Eine Zunahme des theoretischen Wissens ist zunächst einmal völlig belanglos.“ Damit hat er mich natürlich an Kierkegaard erinnert: „Wir haben zu viel zu wissen gekriegt und fangen zu wenig damit an.“ Er ist also aus dem brillanten München ins schlichtere Tuttlingen gezogen, zur Firma Aesculap; jetzt ist er dreißig Jahre bei Aesculap und hat den Umsatz um mehr als das Zwanzigfache gesteigert.

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Martin Walser, geboren 1927, veröffentlichte zuletzt den Roman „Ein liebender Mann“.

Quelle: Aus der gedruckten F.A.Z. vom 6.5.2009
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07.05.2009, 16:47 Uhr

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