http://www.faz.net/-gqz-95cb6

Faschismus und Männlichkeit : Die weiße Scharia

Männer? Milchgesichter? Neo-Nazis! Bild: Reuters

Neue Rechte und Alt-Right wollen, dass Männer endlich wieder männlich sein dürfen. Denn Schuld an allem Übel sei der Feminismus, weil er die Frauen wider ihre Natur vom Herd getrennt hat.

          „Ich will als Mann auch mal das Recht haben zu weinen“, sagt Martin Sellner und grinst: „Scherz beiseite.“ Nein, weinen will er natürlich nicht – er ist als Mann schließlich zu anderem geboren. Im Gegensatz zur Frau, wie Sellner, Videoblogger und Chefstratege der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ in Österreich, auf Youtube erklärt. Er interviewt eine Kollegin von den Identitären, die bestätigen soll, was er eh schon weiß: dass Frauen von Natur aus emotionaler sind als Männer. Dass sie sich deshalb als Politikerinnen nicht eignen. Und vielleicht nicht einmal als Wählerinnen. Denn sie würden sich durch Bilder von Flüchtlingskindern manipulieren lassen. Deshalb würden sie dann die Parteien wählen, die „die Grenzen aufreißen“, was dazu führe, dass sie „vergewaltigt werden und Schleier tragen müssen“. Hätten Frauen nicht mitgewählt in Europa in den vergangenen zwanzig Jahren, gäbe es keine „Masseneinwanderung“, keine „Islamisierung“. Schuld an allem Übel ist also der Feminismus, weil er die Frauen wider ihre Natur vom Herd getrennt hat – das ist die Quintessenz von Sellners Videos zur „Frauen-Frage“. Das ist die Ansicht, die er mit seinen Verbündeten in Deutschland und Amerika teilt, mit Politikern und Aktivisten von der AfD und der Alt-Right-Bewegung.

          Carolin Wiedemann

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es zeigt sich immer deutlicher, dass Sexismus und Frauenverachtung Triebkräfte der Neuen Rechten sind. Dass der Hass auf Feminismus und den vermeintlichen „Gender-Wahn“ all jene verbindet, die sich im „Kulturkampf“ wähnen. Genauso wichtig wie die Schließung der Grenzen scheint der AfD die Abschaffung der Gender Studies zu sein, die die kulturelle Bedingtheit von Männlichkeit und Weiblichkeit erforschen. „Männlichkeit ist kein soziales Konstrukt“ lautete einer der Wahl-Slogans, und auf dem Plakat war eine Ritterrüstung zu sehen: Der Mann ist stählern, unzerstörbar. Er soll endlich wieder seiner Natur entsprechen dürfen, das fordert auch Björn Höcke, wenn er ruft: „Wir brauchen mehr Männlichkeit.“

          Eine Einstiegsdroge in rechtsnationale Weltanschauungen

          Dazu muss die Frau ebenfalls wieder auf den Platz, den die Natur ihr zuweist: Auf dem Plakat wiegt sie ein Baby im Arm. In dieser Ordnung ist klar, wer das Sagen hat. Deshalb findet Frauke Petry auch die Kampagne #MeToo falsch: Die Frau sei nun mal von Natur aus das schwächere Geschlecht. Sie habe sich zu fügen und zur Verfügung zu stehen. Das ist auch die Haltung in der Szene der Pick-up-Artists, die mit den Rechten eng verwoben ist. Pick-up-Artists bringen anderen Männern in Workshops bei, „männlicher“ zu werden, das heißt: Frauen ins Bett zu kriegen, wann immer ihnen danach ist. Die Soziologin Franziska Schutzbach schreibt, das Phantasma einer Wiederaneignung dominanter Männlichkeit in der Pick-up-Szene wirke wie eine Einstiegsdroge in rechtsnationale Weltanschauungen. Männer, die sich vom angeblich grassierenden Feminismus klein gehalten fühlen, folgern, dass die Verweichlichung des westlichen Mannes zur Schwächung nationaler Souveränität und zur baldigen Machtübernahme durch Muslime führe.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Wenn Sie mehr davon lesen wollen, testen Sie die F.A.S. doch einfach als digitale Zeitung. Wie es geht, erfahren Sie hier ...

          Mehr erfahren

          Dass faschistische Männer Frauen mit Fluten und Strömen assoziieren, mit all dem, was die Nation und die männliche Identität gefährdet, hat Klaus Theweleit schon vor vierzig Jahren in seinem Buch „Männerphantasien“ belegt. In mehr als 250 Romanen und Schriftstücken aus den zwanziger Jahren analysierte er die furchterregenden Frauenbilder und Männlichkeitsphantasien faschistischer Freikorpssoldaten. Ein Pendant zu den Männlichkeitsübungen der Soldaten von damals findet sich heute im digitalen Raum, wo sich deutschsprachige Nazis nach militärischer Hackordnung organisieren und ihre misogynen Gewaltphantasien ausleben, auf „Reconquista Germanica“ etwa, aber auch in diversen Facebook-Gruppen. „Diese Nutte gehört totgebumst und zerhackt“, hieß es da über die Bundessprecherin der Linksjugend; zum Bild einer Frau mit einem vermeintlichen Migranten: „Negernutte“, „abartig“, „Verräterin der weißen Rasse“.

          „Die Argumentation geht bis zum Topos der Rassenschande“, sagt der Politologe Sebastian Dörfler, der zu Antifeminismus in der Neuen Rechten forscht. „Der Frau werden Eigenschaften als natürlich zugeschrieben, die sie zu einer permanenten Bedrohung für die innere Ordnung der Volksgemeinschaft machen.“ Zu einer Bedrohung für diejenigen, die an diese Ordnung glauben. Und für diejenigen, die von der patriarchal organisierten Familie als Keimzelle der Volksgemeinschaft profitierten, die etwa die Jobs noch unter sich aufteilen konnten, bevor die Frauen und die Migranten kamen. Ronald Reagan erklärte schon Anfang der Achtziger, dass an der zunehmenden Arbeitslosigkeit nicht so sehr die Rezession, sondern berufstätige Frauen schuld seien, die immer mehr Jobs wegnähmen.

          Gefährlich wie ein angeschossenes Tier

          Diese patriarchale Argumentation schafft es, zwei Gruppen zu vereinen, deren Interessen eigentlich entgegengesetzt sind: Neoliberale wie Trump, die auf die Freiheit und Verantwortung der Einzelnen setzen, die keine Steuern zahlen wollen, weil sie sich ihren Reichtum in ihren Augen selbst erkämpft haben, und Neokonservative, von denen einige einst links waren, die unter dem zunehmenden Abbau des Sozialstaats leiden, die Verantwortung aber nicht in einer neoliberalen Politik suchen, sondern in „Multi-Kulti“ und Feminismus. Dieser rechten Logik kommt auch Sigmar Gabriel nah, wenn er schreibt, die SPD habe sich zu sehr mit Fragen der Gleichstellung etwa von Homosexuellen beschäftigt statt mit den Arbeitern. Auch er spielt Klassenpolitik und Queer-Feminismus gegeneinander aus, statt den Menschen klarzumachen, dass sie gemeinsam um Teilhabe kämpfen müssten. Leichter ist es, in die populistische Klage einzufallen, gender-neutrale Toiletten seien schuld am vermeintlichen Zerfall der Gesellschaft.

          Um sich vor dem völkischen Flügel der AfD zu behaupten, muss Alice Weidel, die offen lesbisch ist, laut gegen den „Gender-Wahn“ hetzen. Einer der extremsten Antifeministen der Neuen Rechten ist ebenfalls homosexuell und behauptet, dass Schwulsein und Antifeminismus zusammengehören: Männerliebende Männer müssten aufhören, sich mit den schlimmsten Feinden der Männlichkeit, den Feministinnen, zu verbünden. So brüllt es Jack Donovan, ein ehemaliger Bodybuilder, der jetzt erfolgreich Bücher wie „Der Weg der Männer“ schreibt, den rechten Massen entgegen. Der amerikanische White Supremacist tourt um die Welt, damit alle weißen Männer werden wie er: Muskelbarbaren, die miteinander in Horden leben und mit Blut- und Jagdritualen ihre phallische Gemeinsamkeit feiern, um so über Frauen, Kinder, Schwarze, Schwächere zu herrschen. Manche der rassistischen Männerrechtler gehen sogar so weit, die „White Sharia“ zu fordern: „Wir wollen, dass Frauen wieder den Status haben, den sie im 19. Jahrhundert hatten, bevor der Feminismus unsere Zivilisation ruinierte“, heißt es etwa im „Daily Stormer“, einer Website der Alt-Right-Bewegung.

          Wie das angeschossene Tier ist auch das untergehende Patriarchat, so die Soziologin Franziska Schutzbach, womöglich gefährlicher als das Patriarchat selbst.

          Weitere Themen

          Urteil nach einem Tag Video-Seite öffnen

          WM-Flitzerin : Urteil nach einem Tag

          Schon einen Tag nach dem WM-Finale fällte ein Moskauer Gericht das erste Urteil gegen eine der Frauen, die am Sonntag in Polizeiuniform über das Spielfeld geflitzt war.

          Amerikas Rechte stehen hinter Trump

          Nach Treffen mit Putin : Amerikas Rechte stehen hinter Trump

          Donald Trump muss für sein Treffen mit Wladimir Putin Kritik von allen Seiten einstecken. Der rechte Teil seiner Basis steht hinter ihm – auch, weil viele Unterstützer der „Alt-Right“ eigene Verbindungen nach Russland haben.

          Trump will 2020 wieder zur Wahl antreten Video-Seite öffnen

          Laut Interview : Trump will 2020 wieder zur Wahl antreten

          Am Rande seines Besuchs in Großbritannien hat der amerikanische Präsident Donald Trump in einem Interview gesagt, er wolle sich 2020 abermals zur Wahl aufstellen lassen. Anhänger rechter Organisationen feierten ihn in London.

          Topmeldungen

          Moschee in Sachsen : Im Dienst für den IS

          Wurde in einer Moschee im sächsischen Plauen Gewalt gepredigt? Gegen einen 22 Jahre alten Syrer wurde am Freitag Haftbefehl erlassen. Er soll in enger Verbindung zu der Moschee stehen.

          Der Präsident als Einmischer : Wie Trump Unternehmen in die Knie zwingt

          Der Präsident stellt Unternehmen an den Pranger, damit sie sich seinem Willen beugen. Er hat damit Erfolg – auch, weil die sich den unberechenbaren Machtmenschen vom Leib halten wollen. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.