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Die Türkei unter Erdogan : „Schluss mit dieser Regierung!“

Lasst uns unsere Freiheit! Schreibt uns nicht unser Leben vor! Mischt euch einfach nicht ein! Das ist der Protestruf der Demonstranten in Istanbul Bild: REUTERS

Die Proteste in Istanbul gegen Ministerpräsident Erdogan sind der verzweifelte Versuch, das immer stärkere Vordringen des türkischen Staates in das Privatleben der Bürger zu stoppen. Ihr Widerstand könnte ein Signal sein.

          Den Stadtteil Besiktas kennen die meisten Menschen nur wegen des gleichnamigen Fußballklubs. Neunmal ist der Verein türkischer Pokalsieger geworden, und bisher haben Fans der anderen großen Istanbuler Vereine gut daran getan, sich nicht als solche zu erkennen zu geben, wenn sie dort unterwegs waren. Seit Sonntag Nacht ist das anders. Sonntag Nacht zogen die Fans aller Clubs ihre T-Shirts an, versammelten sich in Besiktas und riefen ihre Schlachtrufe gemeinsam, allerdings durchsetzt mit Slogans gegen Ministerpräsident Erdogan, diesen „Hurensohn“ , der verschwinden solle.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Im ganzen Land spricht man vom mutigen Protest des Stadtteils und von dessen zähem Kampf gegen die Polizei. Denn so wie die Fußballfans ihre Wut auf Erdogan in das einbetteten, was sie am besten können, nämlich Stimmung machen, machten auch alle übrigen Stadtteilbewohner das, was sie gerade am besten können für die Unterstützung der Demonstranten: Die ältere Frauen und Mütter mit Kindern standen an Fenstern und auf Balkonen und schlugen Kochtöpfe aneinander; die Besitzer der Tante-Emma-Läden hatten ihren Vorrat an Zitronen, Milch und Bier aufgestockt; Straßenverkäufer boten Atemmasken und T-Shirts mit Bildern von Staatsgründer Atatürk an; viele Bewohner schlossen die Eingangstore ihrer Häusern auf und hefteten Zettel daran, in welchem Stockwerk man an welcher Tür klingeln muss, wenn man sich für einen Moment in einem Sessel ausruhen will; junge Frauen gingen umher und verteilten Kekse; Lastwagenfahrer blockierten mit ihren Fahrzeugen die Straße und verhinderten so ein schnelles Vorrücken der Polizei; und über eine Menschenkette wurde Material für Straßensperren und Verpflegung für die jungen Männer weitergereicht. Sie standen ganz vorne in der Linie der Demonstranten. Auch der Journalistin gab man Milch und Essig, damit sie ihre Atemmaske besser gegen Tränengas präparieren konnte - die Leute sind froh, dass über ihren Protest berichtet wird, denn die regierungsnahen türkischen Fernsehsender verschweigen ihn nahezu.

          Erdogan ist Lichtjahre davon entfernt abzutreten

          Um zu verstehen, warum bei diesem Protest die Auseinandersetzung mit Polizisten so sehr im Mittelpunkt steht, muss man sich Folgendes vor Augen halten: In den elf Jahren seit seinem Amtsantritt hat Erdogan die Polizei zu seinem persönlichen Kettenhund gemacht. Brutal geht sie bei allen Demonstrationen von Regierungsgegnern vor, und es existieren Belege, dass Anklageschriften in Polizeistuben verfasst werden, wenn die Staatsanwaltschaft keine Anklagegründe gegen ins Visier genommene politische Gegner des Ministerpräsidenten findet. Zudem gelten große Teile des Polizeiapparates als Anhänger der weltweit agierenden Fethullah-Gülen-Bewegung, von der gesagt wird, sie strebe eine islamistische Weltordnung an. In den Augen der Demonstranten verkörpern die Polizisten diese Weltmachtsphantasien. Aber sie verkörpern eben auch die Regierung Erdogan, die sich mit ihren Moralvorstellungen und Gesetzen immer mehr in ihr Privatleben einmischt.

          Auch in der Hauptstadt Ankara wird protestiert

          Erdogan achtet bei seiner Gesetzgebung und seinen Bauprojekten fast nur noch darauf, wie der muslimisch-konservative Teil der Bevölkerung sich das Leben vorstellt. Und viele Türken nehmen das hin. Sie verweisen auf die wirtschaftlichen Erfolge des Landes: Griechenland ist am Boden, Spanien und Italien wackeln, bei Frankreich ist es vielleicht nur noch eine Frage der Zeit, die Türkei hingegen steht wirtschaftlich ausgezeichnet da. Fragt man, was sie von Erdogan und den Protesten halten, ist die Antwort meistens so wie die von jenem Taxifahrer, der als einer von wenigen in der Nacht auf Montag arbeitete: „Ich habe keine Zeit, über so etwas nachzudenken, ich muss Geld verdienen, damit zu Hause das Essen auf den Tisch kommt.“

          Das muslimisch-konservative Milieu, aus dem Erdogan die Masse seiner Wähler schöpft, hat nicht vergessen, wie sehr es von vorangegangenen, kemalistischen Regierungen benachteiligt und bisweilen gedemütigt wurde - nun ist es eben einmal umgekehrt. Und so sind sich die Demonstranten bewusst darüber, dass Erdogan bei einer heute stattfindenden Wahl wahrscheinlich mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt werden würde und Lichtjahre davon entfernt ist abzutreten.

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