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Flucht und Vertreibung : Wer kommt alles aus dem Bullenkloster?

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Ein Kind ist mit seiner Puppe auf der Flucht aus Ostpreußen. Doch auf das Thema gibt es mehr als nur die deutsche Perspektive. Bild: dpa

Der „Stiftung Flucht, Vertreibung und Versöhnung“ fehlt immer noch ein Direktor. Ausgerechnet in Zeiten weltweiter Flucht verschläft sie eine historische Chance.

          Peter Gnaudschun floh im Sommer 1944 als Fünfjähriger mit seiner Mutter, Großmutter und zwei Geschwistern aus Schirwindt, der östlichsten Stadt des Deutschen Reichs. Noch am Tag des ersten sowjetischen Luftangriffs auf Ostpreußen setzte seine Mutter den fertig gepackten Fluchtwagen in Bewegung. Schirwindt (russisch Kutusowo) war schon 1914, als zu Beginn des Ersten Weltkriegs die deutsch-russische Frontlinie mehrmals durch die kleinste Stadt Ostpreußens ging, vollständig zerstört worden. Gnaudschuns Mutter weigerte sich genau dreißig Jahre später, auf Befehl der NSDAP-Funktionäre weiter am Ort auszuharren, und floh Ende Juli Richtung Königsberg. Schirwindt wurde am Ende des Zweiten Weltkrieges wieder zerstört und nicht wieder aufgebaut.

          Peter Gnaudschun lebt heute im Ruhrgebiet und arbeitet als Lokalhistoriker an einer Ortschronik von Oberhausen. Wie mehr als zehn Millionen andere Deutsche aus Mittel- und Osteuropa hatte er einen schweren Start als Flüchtling im Deutschland der Nachkriegszeit. „Im Erzgebirge, da haben sie uns normal behandelt, sie waren genau solche armen Socken wie wir. Doch die Mutter wollte auf keinen Fall unter russischer Herrschaft bleiben. Sie konnte sich noch an die Flucht von 1914 erinnern.“

          Integration war keine Selbstverständlichkeit

          Die Familie zog weiter nach Niedersachsen und erlebte, was es damals hieß, Flüchtling in Deutschland zu sein. Sie erfuhr Missgunst, Neid, Ablehnung als Fremde, weil die Alteingesessenen gezwungen wurden zu teilen: „Nach einer Zwangseinquartierung erklärte die Eigentümerin ihrem Sohn, er möge uns notfalls mit Stangen und Fäusten daran erinnern, wer Herr im Hause ist.“ Damals sagte man „Pollacken“ zu den Neuankömmlingen aus dem Osten; und das, was wir heute Integration nennen, war keine Selbstverständlichkeit – auch bei ethnischen Deutschen.

          Bürger einer Stadt, die es nicht mehr gibt: Ein litauendeutscher Bauer in Schirwindt.
          Bürger einer Stadt, die es nicht mehr gibt: Ein litauendeutscher Bauer in Schirwindt. : Bild: Perckhammer, Heinz von/SZ Photo/

          Peter Gnaudschun erklärt das so: „Sobald ein Neuer in die Umgebung eindringt, wird er beäugt. Ja, der hat es nicht leicht.“ Gnaudschun erinnert sich noch gut daran, wie man im Ruhrgebiet auf Heime für junge Männer blickte – er ging als Fünfzehnjähriger nach Oberhausen, wo er in einem Berglehrlingsheim wohnte: „Die Ansässigen nannten damals die Ledigenheime ,Bullenkloster‘. Auf der Tanzdiele schwiegen wir darüber, wo wir wohnten, denn die Mädchen hatten Scheu vor Männern aus den Heimen“, erinnert sich Gnaudschun.

          „Wir helfen, so viel wir können“

          Nachdem die evangelischen Gemeinden der Oberhausener Ortsteile Königshardt und Schmachtendorf 1997 fusioniert wurden, stand eine der zwei Kirchen leer. Gnaudschun gehörte zur großen Mehrheit in der Gemeinde, die sich 2015 für eine Unterbringung von fünfzig Flüchtlingen aus Syrien in dem leerstehenden Gebäude einsetzte. Für ihn ist der Zusammenhang zwischen Menschen, die 1945 fliehen mussten, und denen, die heute als Flüchtlinge nach Deutschland kommen, offenkundig: „Wir helfen, so viel wir können, manchmal ist es sogar ein bisschen zu viel, so begeistert sind die Leute im Ruhrgebiet bei der Sache.“

          Parallel zu seinen Oberhausener Aktivitäten pflegt Gnaudschun seit dem Ende des Kalten Kriegs auch die Erinnerung an das untergegangene Schirwindt. Er unterstützte den Aufbau einer Schirwindter Stube, die 1998 auf litauischer Seite in Kudirkos Naumiestis in Sichtweite der zerstörten Stadt entstand. Er besuchte den heutigen Truppenübungsplatz Kutusowo im Kaliningrader Gebiet, um sein Geburtshaus zu suchen. Er unterstützt die Heimatstube der Kreisgemeinschaft Schlossberg/Pillkallen in Winsen. Vom zentralen Museum, das in Berlin errichtet werden soll, hat er als engagierter Vertriebener schon lange nichts Positives gehört. Als 2014 der Beginn des Ersten Weltkriegs diskutiert wurde, fiel ihm auf: Die vor hundert Jahren völlig zerstörten Städte Ostpreußens, die erste große moderne Fluchtwelle auf deutscher, aber auch auf russischer Seite, waren kein Thema.

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