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Polyphonie der Musik Europas : Wir Wunderkinder des Wettbewerbs

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Der Komponist Georg Friedrich Händel und der englische König Georg I. während einer Aufführung der „Wassermusik“ auf der Themse – kolorierter Stahlstich nach einem Gemälde von Edouard Hamman aus dem 19. Jahrhundert Bild: Picture-Alliance

Ihre größte Blüte erreichte die europäische Musik zwischen 1650 und 1750 dort, wo der politische Wettbewerb am schärfsten war: Ein Gastbeitrag über kulturellen Reichtum und den Geist der Konkurrenz.

          Europa ist der Kontinent, der den Rechtsstaat, die moderne Wissenschaft, Technik und Industrie und schließlich das allgemeine Wahlrecht – die Demokratie – hervorgebracht hat. Vergleicht man ihn mit dem Rest der Welt, so war es ein „Sonderweg“, der zu Europa führte. Der englische Wirtschaftshistoriker Eric Jones spricht vom europäischen Wunder“ (The European Miracle, 1981).

          Ein Wunder ist eigentlich etwas, das sich nicht erklären lässt. Aber es gibt Erklärungsversuche. David Hume (1742), Charles Montesquieu (1748) und Immanuel Kant (1784) sahen das Erfolgsgeheimnis Europas im politischen Wettbewerb. Hume schreibt in einem seiner Essays: „Nichts ist günstiger für die Entwicklung zivilisierter Umgangsformen und das Lernen als eine Anzahl benachbarter und unabhängiger Staaten, die durch Handel und politische Beziehungen miteinander verbunden sind. Der Wettbewerb, der naturgemäß zwischen solchen benachbarten Staaten entsteht, ist eine offensichtliche Quelle des Fortschritts. Was ich aber vor allem betonen möchte, ist die Beschränkung, die solche nicht zu großen Länder der Macht und der Autorität auferlegen“.

          Montesquieu führt den europäischen „Genius für die Freiheit“ darauf zurück, dass die Erfindung des Handelswechsels die Kaufleute in die Lage versetzte, ihr Kapital ungehindert ins Ausland zu transferieren und auf diese Weise vor den Herrschern in Sicherheit zu bringen. Kant greift diese Gedanken auf: „Jetzt sind die Staaten schon in einem so künstlichen (wir würden sagen: kunstvollen) Verhältnisse gegeneinander, dass keiner in der inneren Kultur nachlassen kann, ohne gegen die anderen an Macht und Einfluss zu verlieren. ... Bürgerliche Freiheit kann jetzt auch nicht sehr wohl angetastet werden, ohne den Nachteil davon in allen Gewerben, vornehmlich dem Handel, dadurch aber auch die Abnahme der Kräfte des Staates im äußeren Verhältnisse zu fühlen“.

          Politischer Wettbewerb längerfristig erfolgreich

          Die Bürger – gerade die kreativen und die vermögenden Eliten – konnten problemlos abwandern, oder sie erhoben Protest, wenn ihre eigene Regierung schlechter funktionierte als die Regierungen der Nachbarländer. Politischer Wettbewerb findet nicht in einem Land, sondern auch zwischen den Regierenden und politischen Institutionen der verschiedenen Länder statt. Trotz der vielen Kriege war dieser zwischenstaatliche politische Wettbewerb langfristig überaus erfolgreich und verhinderte auch nicht ein Gefühl der kulturellen und religiösen Zusammengehörigkeit. Ähnlich war es im antiken Griechenland gewesen, das Hume ausdrücklich als Vorbild hinstellt.

          Wie ist es zu erklären, dass der europäische Kontinent wettbewerblich organisiert war, während in anderen Hochkulturen wie China, Indien und dem osmanischen Raum festgefügte Großreiche entstanden? Hume sieht die Ursache in der zerfaserten Geographie des europäischen Kontinents: „Wenn wir den Globus betrachten, so ist Europa von allen Erdteilen derjenige, der am stärksten durch das Meer sowie Flüsse und Gebirge unterbrochen ist“. Der Ärmelkanal, die Nord- und Ostsee, die Alpen, Pyrenäen, Karpaten und ihre Ausläufer sowie der Rhein sind natürliche Grenzen, die die politische Fragmentierung begünstigt haben. Politische Fragmentierung und Wettbewerb bedeuten Vielfalt. Was beschreibt Europa besser als seine enorme kulturelle, politische und sprachliche Vielfalt? Sie ist tief in das Bewusstsein der Menschen eingedrungen.

          Das beste Beispiel ist die europäische Musik. Auch sie grenzt an ein Wunder. Wie konnte es zu ihr kommen? Im Bereich des Komponierens gab es bis weit ins neunzehnte Jahrhundert hinein keinerlei Urheberrechte. Ohne Eigentumsrechte konnte kein funktionierender Markt entstehen. Mit dem Malen von Bildern konnte man schon früh viel Geld verdienen, denn Gemälde waren private Güter. Der Besitzer konnte jeden Anderen von ihrer Betrachtung ausschließen. Partituren dagegen konnten beliebig abgeschrieben werden und wurden tatsächlich eifrig kopiert. Für die Komponisten war es daher wichtig, von einem Mäzen, einer reichen Stadt oder der Kirche gefördert zu werden. Die potentesten Mäzene waren die Fürsten, und davon gab es in Europa viele.

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