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Die neuen soften Väter Spielt nicht mit den Wickelvätern

07.11.2008 ·  Die neuen Väter sind überall. Sie reden vom Kuchenbacken, vom idealen Kindergartenalter, sie reden nicht nur, sie schreiben auch ständig, um ihre Rollenunsicherheit loszuwerden. Was heißt das für ihre Kinder und die Literatur, die diese einmal machen werden? Sie wird vermutlich harmlos ausfallen.

Von Edo Reents
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Sie sind überall. Man kann kein Fahrradgeschäft mehr betreten, ohne dass sie sich dort mit ihren gewaltigen Kinderanhängern breitmachen; nicht mehr Zug fahren, ohne mitanhören zu müssen, wie sie ununterbrochen auf ihre Kinder einreden; keinen Spaziergang mehr machen, ohne dass man mitbekommt, wie sie ihren Kindern jeden Grashalm erklären. Die neuen, soften Väter sind überall.

Doch damit geben sie sich nicht zufrieden. Sie haben eine gewaltige Räsoniermaschine angeworfen und schreiben, was das Zeug hält, Zeitungsartikel oder gleich ganze Bücher darüber, wie es ist, Vater zu sein. Was früher allenfalls Gegenstand privater Mitteilungen war, wird nun in der Öffentlichkeit ausgeplaudert: gemeinsames Kuchenbacken, die Anschaffung von Haustieren oder das richtige Alter für den Kindergartenbesuch. Mit diesem Mitteilungsdrang erwecken die Väter den Anschein, als erführen ihre Kinder schon dadurch eine besondere Zuwendung. Liest man aber nach, was sie schreiben, dann bekommt man den Eindruck, als diente ihnen der Nachwuchs vor allem als Medium der Selbsterfahrung; sie reden nur von sich.

Was heißt das für die Literatur?

Diese Beobachtungen sind milieuabhängig. Man wird auch andere machen können, beispielsweise in Ostdeutschland, wo Kinder meistens (nur) von Frauen erzogen werden. Hier geht es um die Väter aus einem kulturell aufgeschlossenen, linksliberalen, leseaffinen Milieu. Und da schießt man aus allen Rohren: Die Journalisten-Brüder Stephan und Andreas Lebert haben ein bemerkenswertes Buch geschrieben, aus dessen Titel hervorgeht, wie groß die Unsicherheit gegenüber der eigenen Rolle ist: „Anleitung zum Männlichsein“. Die Unsicherheit kommt wohl auch daher, dass in dem dauernden Austausch von Erfahrungen und Ratschlägen der eigene Kompass durcheinandergerät. Die „Zeit“ fragt aktuell „Wie viel Papi darf ein Mann sein?“, die „Süddeutsche Zeitung“ hat zwei Magazine extra zu dem Thema.

Wir sind also bestens darüber informiert, was diese Väter, die oft Journalisten sind, über ihre Kinder denken. Aber was ist mit den Kindern? Die Frage, ob sie das alles überhaupt verkraften können, werden Psychologen und Therapeuten zu beantworten haben. Interessant wird es sein, was literarisch dabei herauskommt, denn es ist ja zu erwarten, dass schreiberische Ambitionen weitergegeben werden. Wird auf die Väterliteratur irgendwann eine Kinderliteratur folgen? Und wie wird sie aussehen?

Erfahrungen, die Literatur initiieren

Sie wird vermutlich sehr harmlos sein. Schon den heute Dreißig- bis Fünfzigjährigen wird vorgeworfen, sie hätten nichts erlebt. Werden ihre Kinder eines Tages von ihren Vätern erzählen wollen, dass schon die nichts erlebt haben? Wer sich seine eigenen, prägenden literarischen Erfahrungen vergegenwärtigt, der wird feststellen, dass diese oft mit Büchern zu tun haben, in denen es um ganz andere Dinge geht: soziale und materielle Entbehrungen, abwesende oder sehr strenge, vielleicht sogar brutale oder sadistische Väter; dazu Empfindungen, die nicht nur mit Vätern etwas zu tun haben, bei denen sich neuerdings aber statt der Mütter die Väter nach Kräften bemühen, sie von ihren Kindern fernzuhalten: Langeweile, innere Leere, unbefriedigte Bedürfnisse, ungestillte Sehnsüchte, Angst und Verzweiflung.

Nichts davon würde man Kindern wünschen wollen; und es wäre verfehlt, einen Katalog literaturfähiger Erfahrungen aufzustellen oder monokausale Zusammenhänge zu postulieren, nach denen eine literarische Phantasie in Gang gesetzt wird. Goethe hatte „Dichtung und Wahrheit“ mit dem Motto überschrieben: „Der nicht geschundene Mensch wird nicht erzogen.“

Die Produktivität von Vater-Sohn-Konflikten

Aber worüber sollen Kinder schreiben, die nicht zuletzt dank der soften Väter eine in jeder Hinsicht behütete, aus lauter Liebe und Anregung bestehende Erziehung genossen haben? Die Furcht vor dem Vater, die Suche nach ihm waren für Generationen ein Thema. Die Kulturgeschichte ist voll von Topoi wie dem saufenden, rohen oder flüchtenden Vater; die Bluesmusik etwa wäre sonst gar nicht denkbar. Die „Zeit“ lässt aktuell Randy Newman über seine Versagensängste nachdenken: „Vielleicht ist mein Vater schuld, der mich nie gelobt hat.“

Der Vater-Sohn-Konflikt ist eines der großen Themen der Literatur. Er hat sicherlich auch eine Menge Pathos hervorgebracht; man denke nur an die Dramen von Tennessee Williams oder Steinbecks „Jenseits von Eden“. Aber es könnte sein, dass uns diese Stoffe so ungenießbar vorkommen, weil wir sie nicht mehr verstehen, denn es gibt die Konflikte in dieser Form nicht oder kaum mehr.

Eingelullt im Känguruhbeutel

Der wohl bekannteste Fall, bei dem das Schreiben vom Vater mit in Gang gesetzt wurde, ist Franz Kafka. Die Erzählungen „Das Urteil“ und „Die Verwandlung“ sind nur die offensichtlichsten Belege für ein Trauma, über das der „Brief an den Vater“ imponierend klare Auskunft gibt: „Mein Schreiben handelte von Dir, ich klagte dort ja nur, was ich an Deiner Brust nicht klagen konnte.“ Ausgiebig bemüht Kafka die Fremdheit gegenüber dem Vater: „dass Du außerdem ganz an das Geschäft gebunden warst, kaum einmal des Tages Dich mir zeigen konntest und deshalb einen um so tieferen Eindruck auf mich machtest, der sich kaum je zur Gewöhnung verflachte.“

Die Zeiten, in denen der Anblick des Vaters Seltenheitswert hatte, sich dann aber desto tiefer einprägte, sind vorbei; heute liegen die Kinder stundenlang auf nackten Vaterbäuchen und werden wie in einem Känguruhbeutel durch die Gegend getragen. Kafka dagegen fühlte sich gegenüber seinem Vater „schon niedergedrückt durch Deine bloße Körperlichkeit“. Obwohl Kafka hier wenig von seiner Schriftstellerei spricht, lässt er deren Zusammenhang mit dem Vater nicht aus dem Auge. Er spricht von dem „Gefühl der Nichtigkeit“, das ihm der Vater eingeflößt habe, setzt aber in verräterischen Klammern hinzu, dass dies „ein in anderer Hinsicht allerdings auch edles und fruchtbares Gefühl“ ist - nämlich, sofern es sich literarisch äußert.

Ein Leben jenseits des Risikos

An die Stelle der Fremdheit und Furcht ist eine oft etwas betulich inszenierte Vertrautheit getreten, die in dieser Form kaum möglich wäre, wenn nicht gleichzeitig die Lebensbereiche von Erwachsenen und Kindern eine immer größere Schnittmenge bildeten. Nicht nur, dass Kinder heute überall dabei sind und oft genug im Mittelpunkt stehen, was ihnen die Möglichkeiten zu Einsamkeits- und Außenseitererfahrungen beschneidet; auch die Väter, die sich in ihren Väterbüchern schon wie zeitgenössische Helden vorzukommen scheinen, nur weil sie sich so um ihre Kinder kümmern, übernehmen für sich selbst übervorsichtige Verhaltensweisen, als wäre der Alltag eine einzige lebensgefährliche Expedition. Sobald das erste Kind da ist, wird ein riesiges Auto angeschafft, das wie ein Panzer von allen Seiten schützt; mit dem Fahrrad fahren sie auch bei Schrittgeschwindigkeit nur noch mit Helm, das Licht oft schon am helllichten Tag eingeschaltet.

Die Kinder von heute, die Schriftsteller von morgen werden also andere Erfahrungen und Empfindungen verarbeiten, in Kafkas Kategorien: fruchtbar veredeln müssen. Sie wachsen unter Vätern auf, die ängstlich darum bemüht sind, ihnen in jeder Hinsicht Enttäuschungen zu ersparen, und insofern Verhaltensweisen übernommen haben, die man früher für genuin weiblich hielt. Kafka zitiert seinen Vater mit einer Bemerkung, die viel über dessen Männlichkeitsbegriff verrät: „So hast Du mir zum Beispiel vor kurzem gesagt: ,Ich habe Dich immer gern gehabt, wenn ich auch äußerlich nicht so zu Dir war, wie andere Väter zu sein pflegen, eben deshalb, weil ich mich nicht verstellen konnte wie andere.'“ Die Verstellung ist nach Schopenhauer, den Kafka schätzte, eine Spezialität der Frauen, denen der Philosoph attestiert hatte, dass sie zeitlebens „große Kinder“ sind: „Man betrachte nur ein Mädchen, wie sie, Tage lang, mit einem Kinde tändelt, herumtanzt und singt, und denke sich, was ein Mann, beim besten Willen, an ihrer Stelle leisten könnte.“

Die Probleme der Wickelväter

Wie sehr sich die Dinge gewandelt haben, ist nachzulesen in dem Magazin, das die „Süddeutsche Zeitung“ gerade herausgebracht hat und das schon mit dem Titel anzeigt, wie durchlässig die elterlichen und kindlichen Lebensbereiche inzwischen sind: „Wir“. Früher hätte es geheißen „Eltern“ oder „unser Kind“, heute spricht man mit einer Stimme. Was dort zu lesen ist, bestätigt die vorstehenden Beobachtungen. Da gibt es ein Interview mit drei Vätern - ein Discjockey und Eventmanager, ein Medientechniker und ein Programmierer, also alle aus dem kulturell offenen Milieu -, die zugeben, dass der Rollenwandel, der familienpolitisch ja nur begrüßen ist, zu Lasten ihrer Autorität geht: „Wenn ich jetzt meinem kleinen Sohn den Popo abwische, dann verliere ich natürlich viel Autorität.“ Einer ergänzt: „Wir sind ganz klar die Wickelväter, die von Anfang an dabei sein können. Darüber kann man lächeln, aber das ist ein Fortschritt.“

Kafka hat seinen Brief nie abgeschickt. Vielleicht wird ein anderer Vater irgendwann Post gekommen, in der dann folgendes drinstehen könnte: Ich wäre gern Schriftsteller geworden, aber du ließest mich nicht; ich musste alles an deiner Brust klagen.

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Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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