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England : Die Labour Party und der Antisemitismus

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In London wird an diesem Donnerstag ein neuer Bürgermeister gewählt: Der Labour-Parteivorsitzende Jeremy Corbyn auf Wahlkampftour Bild: AP

England streitet derzeit über linken Antisemitismus. Eine Bemerkung des früheren Londoner Bürgermeisters führte zur Eskalation. Warum spielen Teile der Linken den Holocaust herunter?

          Was ist nur mit der Labour Party los, die in ihrer Geschichte bisher meist Antisemitismus bekämpfte und sich nun ständig mit dem Antisemitismus in den eigenen Reihen beschäftigen muss? Der Vorsitzende, Jeremy Corbyn, behauptet zwar, es gebe gar kein Problem. Warum musste er dann aber gleich zwei Untersuchungsausschüsse zum Thema ins Leben rufen? Auch wer Corbyn heute seine früher geäußerte Sympathie für die antisemitische Hamas und Hizbullah nicht mehr ankreidet, wird darüber irritiert sein, wie zögerlich er derzeit vorgeht. Die terroristischen Gruppierungen, die im Übrigen ebenso frauenfeindlich, homophob und antidemokratisch sind, hatte er einst als „Freunde“ bezeichnet.

          Wenn er sich zum aktuellen Eklat äußert, geschieht es zunächst in der Art eines Taschenspielertricks: Wir sind gegen Antisemitismus, so sagt er gebetsmühlenhaft, sein Leben lang habe er doch gegen „Rassismus“ gekämpft. Das ist insofern ein Trick, da es hier tatsächlich nicht um klassischen Rassismus geht - diesen kann Labour als Problem den konservativen Tories überlassen. Es geht um „linken“ Antisemitismus und dieser steht in einer besonderen gesamteuropäischen Tradition, die sich von Karl Marx’ Aufsatz „Zur Judenfrage“ aus dem Jahre 1843 über Stalins antisemitischen Verfolgungswahn bis hin zum Antizionismus der SED in Ostdeutschland erstreckt, dessen Überreste bis heute ihre Wirkung tun.

          Eine deprimierende Episode

          Eine Äußerung des ehemaligen Londoner Bürgermeisters, Ken Livingstone, der sich dabei auf eine drittklassige marxistische Darstellung über Hitlers angebliche Unterstützung für den Zionismus beruft, hat in der Debatte das Fass zum Überlaufen gebracht. Livingstone zündelte mit der Behauptung, Hitler habe, bevor er „mad“ geworden sei, die Sache der Zionisten unterstützt und Juden „nach Israel geschickt“. Dafür wurde er von seinem Parteikollegen John Mann vor laufender Kamera als „Nazi-Apologet“ beschimpft - was Mann wiederum eine Rüge der Parteiführung einbrachte. Dass man Historiker brauchte, um darauf hinzuweisen, dass Israel (Livingstone spricht nicht von Palästina) überhaupt erst nach dem Tod Hitlers gegründet wurde, ist nur ein Detail dieser insgesamt deprimierenden Episode. Kontakte zwischen dem NS-Staat und verzweifelten Zionisten gab es, als es um die Emigration verfolgter Juden aus dem nationalsozialistischen Deutschland ging. Daraus aber eine politische Unterstützung durch Hitler abzuleiten, der sich im Übrigen - anders als andere völkische Aktivisten und Antisemiten - nicht für einen jüdischen Staat ausgesprochen hat, ist übel. Jeder kann heute diese Zusammenhänge überprüfen, wenn er sich informieren will, und sei es, indem er in der nächsten Buchhandlung den neuen Bestseller „Mein Kampf“ kauft.

          Was tut nun Jeremy Corbyn, um die Lage nicht weiter eskalieren zu lassen? Er suspendiert Livingstone und beruft eine Kommission ein. Offenbar mag er nicht selber zwischen Kritik an Israel und Antisemitismus entscheiden. Diese Geschichte trifft im Kern das schwierige Verhältnis, das ein Teil der europäischen Linken zum Staat Israel hat. Die Ereignisse verdeutlichen die Notwendigkeit, sich der Geschichte der politischen Linken auf neue Weise zu nähern. Sie geben zugleich die Richtung vor, in der diese Auseinandersetzung stattzufinden hätte. Bei genauer Betrachtung streitet sich die Labour Party derzeit unausgesprochen über das Verhältnis des Holocaust zu anderen Verbrechen, namentlich denen des Kolonialismus. Das Bemühen, die Bedeutung der Massenvernichtung herunterzuspielen, mag auch jenem schlechten Gewissen geschuldet sein, das zum Erfolg der Postcolonial Studies beiträgt. Die Linke des Königreichs schwenkte erst spät zur Kritik des Kolonialismus um. Auch einige Labour-Wähler, die aus den früheren Randgebieten des Empire gekommen sind, dürften sich von den Relativierungen Livingstones und vieler linker Studentengruppen angesprochen fühlen: Der Holocaust scheint in Konkurrenz zur Erfahrung der Kolonialverbrechen zu stehen.

          Ken Livingstone umringt von Pressevertretern nach seiner Suspendierung

          Dennoch reichen die Gründe der Debatte noch tiefer. So scheinen einige Labour-Mitglieder auch deshalb darum bemüht zu sein, die Bedeutung des Holocaust abzuschwächen, weil das Ereignis die Grundfesten des Weltbildes der Arbeiterbewegung erschütterte. Die Vernichtung um der Vernichtung willen passte weder zum Fortschrittsglauben noch zur Vorstellung von der Ökonomie als zentralem Antriebsmoment der Geschichte. Eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Linken, die diese Erschütterung ernst nimmt, könnte die Debatte auf eine andere Ebene bringen.

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