Home
http://www.faz.net/-gqz-742uh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Die infantile Gesellschaft Aus Leuten werden Kinder

Hol’ dir die krassen Sachen, sofort, und lass’ es alle wissen: Digitalisierung und Wachstumswahnsinn beschleunigen eine regressive Entgrenzung, die das Erwachsensein zur Kindheit mit Kreditkarte pervertiert.

© DB In der aktuellen Werbung der Bahn ändert sich in 20 Jahren lediglich die Länge der Person

Zwei willkürlich aus dem Alltag herausgegriffene Beobachtungen: In Mannheim parkt ein Auto, das auf der Heckscheibe einen Aufkleber hat, „Opa&Oma 2012 - Diego Michael“. Offensichtlich sind die Fahrer gerade Großeltern geworden. Die vier Auspuffe des auch sonst stark aufgemotzten weißen Mercedes lassen eher auf hedonistische Halbstarke schließen. In einem Zug Richtung Berlin nehmen zwei Männer zwischen fünfzig und sechzig Jahren Platz, klappen ihre Laptops auf und beginnen, jeder für sich, aber sich gegenseitig und lautstark immer wieder ihres Vergnügens versichernd, mit ihren Computerspielen; ihre Uniformen weisen sie als Polizeibeamte aus.

Edo Reents Folgen:

Die Leute werden immer infantiler. An solchen Vorfällen ist natürlich nichts „schlimm“. Trotzdem sind sie alarmierend. Sie markieren eine gesellschaftliche Tendenz hin zu einem Verhalten, das man früher als kindisch bezeichnet hätte, das heute aber, weil es so verbreitet ist, kaum noch als solches auffällt: Mitteilungsdrang gegenüber Fremden, Indiskretion; ein gewisser Zeigestolz; der Hang, seinen Spiel- und Zerstreuungsbedürfnissen zu fast jeder Zeit und ohne Rücksicht auf die Umgebung nachzugehen.

„Wir amüsieren uns zu Tode“

Diesen Eigenschaften, die auf die fortlaufende Preisgabe des Privaten, Persönlichen hinauslaufen, ist etwas ausgesprochen Übergriffiges gemeinsam; man kann ihren Äußerungen nicht entkommen. Kindern muss man vor allem eines beibringen: Grenzen. Erst sie gewährleisten, über den Schutz nach außen, eine intakte Persönlichkeit. Diese Erziehung wird von einer immer indiskreter werdenden Öffentlichkeit rückgängig gemacht.

Unter „infantil“ wird jeder etwas anderes verstehen; einigen aber kann man sich vielleicht auf Zuschreibungen, die sich im Umkehrschluss aus denen ergeben, die Neil Postman vor dreißig Jahren für erwachsenes Verhalten vorgenommen hat: die „Fähigkeit zur Selbstbeherrschung und zum Aufschub unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung, ein differenziertes Vermögen, begrifflich und logisch zu denken, ein besonderes Interesse sowohl für die historische Kontinuität als auch für die Zukunft, die Wertschätzung von Vernunft und gesellschaftlicher Gliederung.“

Für seine These vom „Verschwinden der Kindheit“, wie sein neben „Wir amüsieren uns zu Tode“ bekanntester Buchtitel heißt, arbeitete Postman sich vor allem am Fernsehen ab, das seiner Ansicht nach dazu führte, dass die einstmals getrennten Sphären des Kindlichen und des Erwachsenen über die so gut wie nichts mehr aussparenden Fernsehprogramme miteinander verbunden werden und es keine Sphäre des Unwissens und der Unschuld, des Kindlichen eben, mehr gibt.

Mit den Enkeln auf Popkonzerte

Die Kinder wurden also durch Wissen, das ihnen noch gar nicht adäquat war, frühreif. Kinder und Erwachsene hatten dadurch eine viel größere Schnittmenge aus Informationen und Erlebnissen, Kindheit war nichts spezifisches, nichts spezifisch Unschuldiges mehr; deswegen „verschwand“ sie.

So lautete Postmans Diagnose. Heute stehen wir vor einem anderen Befund: Wir alle werden zu Kindern; die Sphäre der Erwachsenen, die von Vernunft, Selbstbeherrschung, Diskretion und allgemein von situativer Rücksicht gekennzeichnet ist, schwindet wie die Polkappen. Und zwar ist diese Infantilisierung, anders als früher, jetzt nicht mehr nur inhaltlich greifbar, sondern auch strukturell.

Es geht nicht mehr nur darum, dass sich unter den meistgelesenen Büchern und den meistgesehenen Filmen immer mehr solche für Kinder und Jugendliche finden, was schon bedenklich genug ist; oder, dass ältere Leute mit ihren Kindern und sogar Enkeln auf Popkonzerte gehen und mit ihrer Kleidung einen auf jugendlich machen. Es geht inzwischen um Verhaltensstrukturen und -muster, das Wie, nicht das Was.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Soziales Netzwerk Google degradiert Google+

Kehrtwende bei Google: Die Nutzer können bald bei Youtube auch Videos hochladen und Kommentare hinterlassen, ohne ein Google+-Profil zu haben. Der Schritt kommt einer Teilkapitulation gleich. Mehr Von Roland Lindner, New York

28.07.2015, 16:14 Uhr | Wirtschaft
Fahrerlos Google lässt selbstfahrendes Auto auf öffentliche Straßen los

Google lässt seine selbstfahrenden Autos jetzt auch auf öffentliche Straßen los. Das drollige Gefährt mit den großen Augen ist zunächst nahe dem Firmensitz in Kalifornien unterwegs. Für alle Fälle ist sicherheitshalber immer noch ein speziell geschulter Fahrer mit an Bord. Mehr

29.06.2015, 11:18 Uhr | Technik-Motor
Recht auf Vergessen Google widersetzt sich weltweitem Löschen von Einträgen

In Europa gelöschte Google-Ergebnisse werden auch weltweit nicht angezeigt? Nicht mit dem amerikanischen Suchmaschinen-Giganten. Der Streit zwischen dem Konzern und der französischen Datenschutzbehörde spitzt sich zu. Mehr

30.07.2015, 21:08 Uhr | Wirtschaft
Brüssel EU leitet weitere Untersuchung gegen Google ein

Die EU wirft dem Internetunternehmen Google Verfälschung von Suchergebnissen im Internet vor. In seiner Suchmaschine würde Google Treffer für eigene Dienste bevorzugen. Man habe auch eine kartellrechtliche Untersuchung gegen das Betriebssystem Android eingeleitet, teilte die Wettbewerbskommission in Brüssel mit. Mehr

16.04.2015, 11:57 Uhr | Wirtschaft
Jules Ratte von Peter Hacks Der Nager, der am Wissen knabbert

Was macht eine Schülerin, deren Bücher von einem nimmersatten, grauen kleinen Albtraum weggefressen werden? Im kurzen, sehr vergnüglichen Lehrgedicht Jules Ratte weiß Peter Hacks die Antwort. Mehr Von Dietmar Dath

22.07.2015, 12:47 Uhr | Feuilleton

Veröffentlicht: 03.11.2012, 14:49 Uhr

Glosse

Kampfansage mit Kultur

Von Jürg Altwegg

Paris rüstet sich mit der Attraktivität seiner Kulturinstitutionen für den europäischen Metropolenvergleich. Wer so gute Zahlen vorlegen kann, dürfte bei der Olympia-Bewerbung kaum zu schlagen sein. Mehr 0