http://www.faz.net/-gqz-7ouim
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 30.04.2014, 12:27 Uhr

Die Google-Gefahr Schürfrechte am Leben

Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Wir erleben das Entstehen absoluter Macht. Die Internet-Giganten, Google an der Spitze, übertragen ihre radikale Politik vom Cyberspace auf die reale Welt. Sie werden ihr Geld damit verdienen, dass sie die Realität kennen, kontrollieren und in kleinste Stücke schneiden.

von Shoshana Zuboff
© AP Spricht von „Internet“, „Web“ und „Google“, als wären die die Wörter austauschbar: Googles Verwaltungsratschef Eric Schmidt

Erinnern Sie sich an die Fabel von den Fröschen, die glücklich in ihrem Märchenteich planschen? Fröhlich. Abgelenkt. Die Temperatur des Wassers steigt langsam an, aber die Frösche bemerken es nicht. Als das Wasser den Siedepunkt erreicht, ist es zu spät, um ans rettende Ufer zu springen. Wir sind die Frösche in den digitalen Gewässern, und Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE, warnte kürzlich in einem offenen Brief an den Google-Verwaltungsratschef Eric Schmidt (als Antwort auf dessen Artikel „Die Chancen des Wachstums“) vor der drohenden Gefahr: „Die Temperaturen steigen rasch.“ Falls dieser Alarmruf Sie beunruhigt, ist das gut. Die Gefahr, die er beschreibt, ist nicht auf die Verlagsindustrie beschränkt. Sie hat radikale Konsequenzen für alle anderen Industrien, Gesellschaften und Bürger. Warum?

(Unabridged English version: Dark Google by Shoshana Zuboff)

Erstens, weil uns dämmert, dass Google dabei ist, ein neues Reich zu errichten, dessen Stärke auf einer ganz anderen Art von Macht basiert – allgegenwärtig, verborgen und keiner Rechenschaft pflichtig. Falls das gelingt, wird die Macht dieses Reiches alles übertreffen, was die Welt bisher gesehen hat. Das Wasser ist nahe am Siedepunkt, weil Google diese Feststellung weitaus besser versteht als wir.

„Vertrauen Sie mir. Ich weiß es am besten“

Zweitens, weil der Zugang zum Web und dem übrigen Internet heute in weiten Teilen der Welt eine wesentliche Voraussetzung für eine effektive Beteiligung am sozialen Leben darstellt. Nach einer 2010 durchgeführten Meinungsumfrage der BBC hielten 79 Prozent der in 26 Ländern Befragten den Zugang zum Internet für ein fundamentales Menschenrecht. Wir sind heute für unsere Suchanfragen, unser Lernen, die Herstellung von Verbindungen, die Kommunikation und für unsere Transaktionen auf Google angewiesen. Die erschreckende Ironie liegt darin, dass wir das Internet für unser Leben brauchen, aber die Tools, die wir dort benutzen, drohen die Gesellschaft in einer Weise zu verändern, die wir nicht verstehen und für die wir uns nicht selbst entschieden haben.

29011336 © Russ Schleipman Vergrößern Ein neoabsolutistischer Machtanspruch: Shoshana Zuboff warnt vor Google

Wenn man Google mit einem Wort beschreiben könnte, dann mit dem Ausdruck „absolut“. Das Lexikon definiert „Absolutismus“ als ein System, in dem „die herrschende Macht keiner geregelten Kontrolle durch irgendeine andere Instanz unterworfen ist“. Im Alltagsleben ist Absolutismus eine moralische Einstellung, in der Werte und Prinzipien als unangreifbar und universell angesehen werden.

Vor sechs Jahren fragte ich Eric Schmidt einmal, welche Unternehmensinnovationen Google einsetze, um sicherzustellen, dass seine Interessen mit denen der Endnutzer übereinstimmten. Wäre Google bereit, deren Vertrauen zu missbrauchen? Die Antwort, die er mir damals gab, setzte mich in Erstaunen. Er und die Mitbegründer von Google hielten die Mehrheit der (stimmberechtigten) Stammaktien. So könnten sie Entscheidungen treffen, ohne auf den kurzfristigen Druck der Wall Street Rücksicht zu nehmen.

Was er nicht sagte: Natürlich befreite sie das auch von jeglichem anderem Einfluss. Man kämpfte nicht für die Schaffung eines transparenten Governance-Systems oder vertrauenswürdiger Feedback-Verfahren. Schmidts Antwort klang stattdessen wie der Inbegriff von Absolutismus: „Vertraut mir. Ich weiß es am besten.“ In diesem Augenblick war mir klar, dass ich da etwas Neues und Gefährliches vor mir hatte, dessen Auswirkungen weit über den ökonomischen Bereich hinaus- und tief ins alltägliche Leben hineinreichten.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Digitalisierung Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag

Die Potentiale der Digitalisierung sind enorm. Wenn wir jedoch Vertrauen und Sicherheit im Internet erhalten wollen, brauchen wir ein neues Regelsystem. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Carl Bildt

22.06.2016, 11:29 Uhr | Politik
Frankfurt Bundesliga-Vereine kassieren Rekordsumme für TV-Rechte

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat die Medienrechte für die Fußball-Bundesliga von der Saison 2017/18 bis zur Saison 2020/21 vergeben. Sie bekommt für diese vier Spielzeiten der ersten und zweiten Liga die Rekordsumme von 4,64 Milliarden Euro. Mehr

09.06.2016, 17:08 Uhr | Sport
Selbstfahrende Autos Eine kleine Firma hat Großes vor

Mobileye heißt ein kleines Unternehmen aus Jerusalem. Selbstfahrende Autos werden mit Kameras und Sensoren ausgestattet und auf Testfahrt geschickt. Das Interesse der Branchenriesen ist geweckt. Mehr

20.06.2016, 14:23 Uhr | Wirtschaft
Brexit Briten profitieren von EU-Arbeitsgesetzen

Die Briten verdanken es der EU, dass sie es als Arbeitnehmer heute besser haben als noch vor Jahren. Die Rechte der Arbeiter wurden gestärkt, die Arbeitsbedingungen wurden familienfreundlicher. Ein möglicher Brexit würde Vieles aufs Spiel setzen. Mehr

23.06.2016, 02:00 Uhr | Wirtschaft
Kehrseite des Wohlstands Googles Heimatstadt debattiert Mietpreisbremse

In Mountain View sind die Mieten in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen. Eine Bürgerinitiative kämpft nun für eine Regulierung. Selbst Google-Mitarbeiter machen mit. Mehr Von Roland Lindner, New York

23.06.2016, 07:29 Uhr | Wirtschaft
Glosse

Armer WDR!

Von Rose-Maria Gropp

Institution mit „Schwerpunkt auf Information und Kultur“? Wie der WDR, der einst verfemte Kunst rehabilitieren und ihr an einem öffentlichen Ort Raum geben sollte, sich selbst ad absurdum führt. Mehr 1 24

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“