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Gläserne Gesellschaft : Das Verschwinden des Geheimnisses

  • -Aktualisiert am

Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton privat. Oder auch nicht. Bild: AP

Nur Diktaturen fordern Transparenz von ihren Untertanen: Es ist fundamental für eine moderne Demokratie, dass nicht alle alles von allen wissen. Aber dieses Fundament ist bedroht.

          Das Geheimnis, das durch negative oder positive Mittel getragene Verbergen von Wirklichkeiten, ist eine der größten Errungenschaften der Menschheit; gegenüber dem kindischen Zustand, in dem jede Vorstellung sofort ausgesprochen wird, jedes Unternehmen allen Blicken zugängig ist, wird durch das Geheimnis eine ungeheure Erweiterung des Lebens erreicht, weil vielerlei Inhalte desselben bei völliger Publizität überhaupt nicht auftauchen könnten.“ So formulierte es Georg Simmel 1906, und er hat recht: eine geheimnislose moderne Gesellschaft lässt sich nicht denken.

          Es gibt Geschäftsgeheimnisse, Betriebsgeheimnisse, ärztliche und anwaltliche Schweigepflichten, vertragliche Verschwiegenheitspflichten und vieles mehr, was die notwendige Existenz von sozialen Räumen bezeichnet, die außenstehenden Personen nicht zugänglich sind. Daneben haben Eltern Geheimnisse vor Kindern und Kinder vor Eltern, Ehepartner vor ihren Partnerinnen, es gibt vielfältige Täuschungen, Camouflagen, Lügen unterschiedlichster Art, Vorspiegelungen, Schauspielerei, Hochstapelei und das Spiel mit Identitäten.

          Alles das zeigt, dass Menschen in modernen Gesellschaften viele Rollen spielen können und spielen können müssen und dass das Funktionieren sozialer Prozesse davon abhängt, dass diese Rollen auseinandergehalten werden, möglichst wenig interferieren und nicht verwechselt werden.

          Wir spielen multiple Rollen

          In modernen, funktional differenzierten Gesellschaften lernen die Menschen, wie sie flexibel zwischen unterschiedlichsten Rollen hin- und her wechseln und diese zugleich sorgfältig auseinander halten können. Von einem Vater wird nicht dasselbe Verhalten erwartet wie von einem Liebhaber, einem Skatfreund, einem Wissenschaftler, einem Patienten in der Sprechstunde beim Arzt, einem Festredner oder einem Freizeitsportler – alles dieses kann er aber ohne weiteres in einer Person sein. Die unterschiedlichen Rollen und ihre Wissensbestände und Inhalte bleiben jedoch nach Möglichkeit voreinander abgeschottet – ein Chirurg bringt keine Arbeit mit nach Hause.

          Erving Goffman hat sich zeit seines Lebens damit beschäftigt, wie Menschen in modernen Gesellschaften lernen, ihre multiplen Rollen einzunehmen und den damit verbundenen Anforderungen nachzukommen. Dabei können die Anforderungen der einen Rolle in völligem Widerspruch zu denen einer anderen stehen, ohne dass uns das größere Probleme machen würde. Goffman hat das „Rollendistanz“ genannt: man geht nicht in der jeweiligen Rolle auf, sondern kann gerade aus der einen Rolle heraus kritisch betrachten, was man in der anderen zu tun gezwungen ist.

          Der Begriff „Rolle“, der ja dem Theater entstammt, zeigt genauso wie der Begriff der Person, der ursprünglich „Maske“ bedeutet, an, dass soziales Leben immer eine performative Seite hat und soziale Wirklichkeiten immer vielstimmig und mehrdeutig sind.

          Schamanistische Praktiken

          Auch wenn moderne Gesellschaften an ihrer Oberfläche transparent und überschaubar erscheinen, hängt ihr Funktionieren immer auch von opaken Vorgängen ab, die gerade darum funktionieren, weil sie „nichtbeachtbar“ sind. Das Prinzip der „Nichtbeachtbarkeit“, dass also vieles nicht öffentlich sichtbar ist, ist eine zentrale zivilisatorische Errungenschaft: in vormodernen Verhältnissen, in denen Menschen weder Rollenwechsel noch Rollendistanz verfügbar sind, sie direkter Gewalt unterworfen und in unveränderliche Ordnungen eingebunden sind, sind Transparenz und Beachtbarkeit weitaus größer. Geheimnisse beschränken sich in solchen Gesellschaften auf priesterliche oder schamanistische Praktiken, Ehebrüche, Diebstähle und ähnliches, betreffen aber kaum die sozialen Verkehrsformen der Menschen untereinander.

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