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Die funktionale Stadt : Hier sollte einmal das Glück Flügel bekommen

Als die Stadt noch jung war: Luftbild von Cergy-Pontoise aus dem Jahr 1972 Bild: AFP

Die Idee der funktionalen Stadt ist gescheitert - trotzdem breitet sie sich aus. Was mit der Psyche der Menschen geschieht, wenn Architektur keine Geborgenheit mehr vermittelt, kann man in Cergy-Pontoise bei Paris besichtigen.

          Manche Städte machen den Menschen krank. Den einen mehr, den anderen weniger, aber eben krank. Cergy-Pontoise ist so eine Stadt. Die Rate der Selbstmordversuche bei unter Vierzigjährigen ist hier beinahe doppelt so hoch wie im Rest Frankreichs: Auf 100.000 Menschen kommen 350 Selbsttötungsversuche, und die Trabantenstadt vor Paris ist nicht unschuldig am seelischen Unglück ihrer Einwohner, sie ist ja deren Zuhause, zumindest soll sie das sein. Aber ist sie es?

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Man fragt die Menschen in Cergy-Pontoise, was ihnen zu ihrer Stadt einfällt: „Industrie“, sagen sie, „modern“, „Schlafstadt“, „ein junger Ort“, „nichts“, „Langeweile“. Sie sagen auch: „ruhig“, „traurig“, „grün“ und dass man kann hier gut leben könne ohne Papiere. „Paris ist nah“, „es gibt keine Altstadt“. „Cergy-Pontoise“, sagen sie, „ist tot.“

          Auf den Kopf gestellt

          Die tote Stadt liegt dreißig Kilometer nordwestlich von Paris und schmiegt sich hufeisenförmig in die letzte Schleife der Oise. In den sechziger Jahren war Cergy ein überschaubarer Ort, der gut zweitausend Bewohner zählte, dann platzte Paris aus allen Nähten, und man gründete die neuen Trabantenstädte, les villes nouvelles, fünf insgesamt, eine davon war Cergy-Pontoise, wohin man die Menschen gewissermaßen outgesourct hat. Heute hat Cergy-Pontoise 200.000 Bewohner. Die Stadtplaner fanden es eine hervorragende Idee, die Stadt in drei Ebenen zu unterteilen. Auf der untersten Ebene verlaufen die Schienen, darüber fahren die Autos, weshalb die Menschen in der Innenstadt, die sich auf der obersten Ebene bewegen, nicht durch irgendeine Art von Verkehr gestört werden. Wer in Cergy-Pontoise mit dem Zug ankommt, muss also erst einmal die Rolltreppe nach oben nehmen. Wäre die Trabantenstadt ein Haus, die Besitzer würden ihre Gäste im Keller empfangen.

          Das architektonische Kernstück bildet eine vier Kilometer lange Achse, drum herum Beton im Überfluss, Asphalt, Geschäftsgebäude mit Glasfassaden, Einfamilienhäuser, Mehrfamilienhäuser, Wohnsilos, Plattenbauten und ein Universitätscampus, der so leergefegt ist, als hätte ihn eine Spezialeinheit aufgrund einer Bombendrohung geräumt. Wenn das neue Theater fertiggestellt ist, wird es wie ein überdimensioniertes, in Goldpapier verpacktes Geschenk vor einem stehen. Das Rathaus, ein großer Kasten, soll eine auf dem Kopf gestellte Pyramide darstellen, was man nur mit Mühe erkennt. Im Stadtteil Cergy-Saint-Christophe befindet sich die größte Bahnhofsuhr Europas, jedenfalls sagt das der Taxifahrer, man könne es im Internet nachlesen. Dort liest man allerdings, dass der Schweizer Ort Aarau diese Auszeichnung ebenfalls für sich beansprucht.

          Noch schlimmer als Hässlichkeit

          Damit sich die Einwohner von Cergy-Pontoise auch in ihrer Freizeit wohl fühlen, legte man 250 Hektar künstliche Seen und Grün an, es gibt einen Wald, man kann in Cergy-Pontoise schwimmen, Rad fahren, reiten, im Gras liegen, spazieren gehen, sich erholen. Man fragt im Rathaus, ob Cergy-Pontoise eine gelungene Stadt sei. Ein netter älterer Herr im etwas abgewetzten Anzug, der damals an der Planung beteiligt gewesen ist, antwortet: „Alles, was die Menschen brauchen, ist da.“ „Cergy-Pontoise“, sagt er, „ist wunderbar.“ Er selbst zog bereits vor zwanzig Jahren mit seiner Frau aus der Stadt fort, weit hinaus aufs Land.

          Nur mit Mühe kann man es erkennen: Das Rathaus soll eine auf den Kopf gestellte Pyramide darstellen
          Nur mit Mühe kann man es erkennen: Das Rathaus soll eine auf den Kopf gestellte Pyramide darstellen : Bild: AFP

          Es wäre ungerecht zu behaupten, Cergy-Pontoise sei ähnlich hässlich wie zum Beispiel St-Denis oder Noisy-le-Sec, wo sich die Wohnsilos gegenseitig zu erdrücken drohen. Als gewalttätige Jugendbanden randalierend durch die Banlieus zogen und das Land in Schrecken versetzten, waren die Bilder jener unwirtlichen Städte omnipräsent. Die Stadt an der Oise aber strahlt nur eine unfassbare Leblosigkeit aus, was womöglich noch schlimmer als Hässlichkeit ist.

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