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Die Fiktion der Einreise : Wer würde wirklich kommen, wenn alle Grenzen offen wären?

Dass die meisten Menschen lieber zu Hause bleiben, ist mehr als eine wilde Spekulation. Bild: Andreas Ross

Stimmt es überhaupt, dass alle Welt nach Deutschland will? Auch andere Menschen haben eine Heimat, die sie lieben. Was unseren Heimatschützern, Heimatbeschwörern und Heimatministern entgeht.

          Man muss, um das Absurde auszumessen, sich nur kurz vorstellen, dass irgendwo, in einer abgelegenen deutschen Provinz vielleicht, das Gerücht aufkäme, wonach die Erde eine Scheibe sei – und wer etwas anderes behaupte, sei bloß auf die Falschmeldungen der Lügenpresse und die Propaganda der korrupten Eliten hereingefallen. Ziemlich bald formierte sich eine Partei, welche die Interessen jener, die sich fürchteten, vom Rand der Welt herunterzufallen, lautstark artikulierte. Und spätestens, wenn es diese Partei in den Bundestag schaffte, würden auch Markus Söder, Horst Seehofer und Sahra Wagenknecht fordern, dass man die Sorgen der Menschen gefälligst ernst nehmen müsse. Und dass deshalb der Bau einer Mauer an den Rändern der Erde erwogen werden sollte.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nein, diese Analogie stimmt nicht ganz – in Bayern, nur zum Beispiel, wissen die Leute ganz gut, was ihre wahren Sorgen sind. In der dritten Juniwoche, als der Streit darüber, ob man gewisse Migranten gar nicht erst ins Land lassen solle, seine maximale Schärfe und scheinbare Dringlichkeit fast schon erreicht hatte, ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa, dass die Mehrheit der Bayern auf die Frage nach dem größten Problem des Freistaats geantwortet habe: das sei die CSU.

          Ordnung und Kontrolle

          Trotz aller Streitereien über Mittel und Methoden schienen sich aber CSU und CDU, auch SPD, FDP, Teile der Grünen und der Linken sowie natürlich jene, die moderierend oder kommentierend den Streit begleiteten, einig darüber zu sein, was das Ziel aller Anstrengungen sei. Die Ordnung müsse wiederhergestellt, die Kontrolle zurückgewonnen, die Handlungsfähigkeit des Staats wiederhergestellt werden. Und zwar so schnell wie möglich.

          Das klang, als näherten sich schon Invasionstruppen, zumindest aber eine Völkerwanderung von Südosten her. Und es klang insofern nicht ganz absurd, als das kollektive und kulturelle Gedächtnis noch ein Bewusstsein davon hat, dass die Bedrohung Mitteleuropas seit mehr als 1500 Jahren aus dieser Richtung kam. Die Hunnen, die Ungarn, die Mongolen. Als, vor 335 Jahren, zum (bislang?) letzten Mal die Invasion aus dem Südosten drohte, als das osmanische Heer die größte Stadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation belagerte und der Kaiser aus Wien schon geflohen war: Da wurde das Abendland von einer Koalition gerettet, die heutigen Bündnissen erstaunlich ähnelte. Es waren die Bayern, die Sachsen, die Kaiserlichen und ein starkes polnisches Heer, die die Türken schlugen und vertrieben.

          Fünf Asylsuchende, die große Invasion

          Es musste aber, im politischen Streit des Sommers 2018, erst die „Fiktion der Nichteinreise“ erfunden werden, dass endlich offenbar wurde, dass die ganze Politik der Migrantenabwehr auf der Fiktion der Einreise beruhte. Man muss den semantischen Winkelzügen des Kompromisses, auf den sich die Koalitionsparteien endlich geeinigt haben, gar nicht folgen wollen: Interessanter ist ja, dass die Regelung, wie immer sie verwirklicht wird, für etwa fünf bis sechs Asylsuchende pro Tag gelten wird. Das ist also die große Invasion, der Strom, die Flut, wovor sich angeblich alle fürchten – und das in einer Zeit, da Wladimir Putin, der Held fast aller Ausländerfeinde in Europa, seinen Schützling Baschar al Assad kräftig unterstützt dabei, noch weitere Teile Syriens unbewohnbar zu machen und Hunderttausende Syrer zu vertreiben aus Häusern und Wohnungen, in denen sie lieber geblieben wären.

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