28.03.2006 · Aus Glückskindern wurden Reformverlierer: Die Generation der heute Dreißigjährigen erwartete früher alles vom Staat - und erhofft heute nichts mehr von ihm. Dennoch bleiben Proteste gegen die Sozialreformen in Deutschland aus. Warum?
Von Sandra KegelWer heute um die Dreißig ist, gehörte einst einer glücklichen Generation an, deren größte Probleme darin bestanden, ob man mit Geha oder Pelikan schreibt und ob man zur Schule Ranzen trug oder Koffer. Wer in den achtziger Jahren in Westdeutschland groß wurde, konnte kaum anders, als sorglos in die Zukunft zu blicken.
Alle Schichten der Gesellschaft waren umhüllt von einem unsichtbaren Staat, mit dem sich keiner identifizierte und der doch als deus ex machina stets zur Stelle war, wenn man ihn brauchte. Den Eltern zahlte er die Eigenheimzulage, der Oma die Kur, und die Kinder besuchten staatliche Schulen und kostenlose Universitäten, ohne daß die Eltern deshalb ein schlechtes Gewissen geplagt hätte - denn Pisa war damals eine Stadt in Italien.
Niemand hätte gedacht, daß die Glückskinder jener traumverlorenen Republik heute, in ihren besten Jahren, zu Reformverlierern mutieren würden - eine Vokabel, die für die zwischen 1960 und 1980 Geborenen freilich nur ungern verwandt wird. Wohl weil es frecher klingt, nennt man die von Alt und Jung gleichermaßen in die Zange Genommenen lieber „Sandwich-Generation“.
Als hätte es die Vokabel „Pillenknick“ nicht gegeben
Verlierer sind wir dennoch, Opfer eines umlagefinanzierten Rentensystems, das Politiker wie Norbert Blüm Anfang der neunziger Jahre ungestraft als „sicher“ bezeichnen durften, als hätte es die Vokabel „Pillenknick“ damals noch nicht gegeben. Daß die Politiker es schon schaukeln würden, war ja lange Zeit auch das Grundgefühl der meisten von uns, nicht zuletzt, weil die Regierungen, ob links oder rechts, das Rundum-sorglos-Paket stetig wachsen ließen. Daß damit irgendwann Schluß sein würde, hatten sie nicht verraten. Nun ist es soweit.
Die wirtschaftliche, demographische und soziale Lage - schwacher Arbeitsmarkt, sinkende Geburtenrate, steigende Lebenserwartung - haben zu einer Situation geführt, die mit aller Härte ihren Tribut fordert. Das ist jenen Politikern der siebziger bis neunziger Jahre zu verdanken, die um des kurzfristigen Wahlsiegs willen die langfristigen Herausforderungen ausgesessen haben - wissend, daß sie davon nie betroffen sein würden.
Wir haben verloren, was wir noch bezahlen müssen
Aber was wir wissen, ist, daß wir nichts mehr zu verlieren haben. Schlimmer noch: Wir haben schon verloren, was wir erst noch bezahlen müssen. Wir werden im Alter nicht nur deutlich weniger Geld vom Staat bekommen als die heutigen Rentner - in fünfundzwanzig Jahren dürfte jeder zweite Rentner kaum mehr als den heutigen Sozialhilfesatz erhalten, prophezeit der altgediente Mahner Meinhard Miegel. Zugleich werden wir steigende Rentenbeiträge zu bezahlen haben. Darüber hinaus sollen wir uns um die eigenen Kinder, die eigenen Eltern und die eigene private Vorsorge kümmern - wenn es dazu noch reicht. Was diese Generation die längste Zeit so gar nicht interessierte - Wirtschaftspolitik, soziale Sicherungssysteme, demographische Entwicklung -, ist nun gerade für sie existentiell geworden.
Aber damit umzugehen hat uns niemand gelehrt. Wer ein Schüler- und Studentenleben lang erzählt bekommt, alles sei gut und werde es auf immer auch bleiben, erschrickt nicht einmal angesichts geradezu gespenstischer Zahlen; etwa dieser: Während heute hundert Erwerbstätige vierundvierzig Rentner finanzieren, werden im Jahr 2050 auf hundert Arbeitende wohl achtundsiebzig Menschen im Rentenalter kommen. Früher wohnte ja sogar dem Gedanken, eine Zeitlang arbeitslos zu sein, eine gewisse Attraktivität inne, als hätte man bezahlten Langzeiturlaub nehmen dürfen. Denn die Furcht, je beim Sozialamt zu landen, kannten wir nicht. Heute wissen wir: Nichts ist unmöglich. Armut ist kein Exklusivphänomen mehr für bildungsferne Schichten und Schulverweigerer. Dennoch bleiben wir gelassen.
Wir brauchten keine Helden. Es ging uns doch gut
Warum aber bleibt jeglicher Protest in dieser Generation aus - immerhin zwanzig Millionen Betroffene. Nirgends werden Barrikaden aufgebaut. Nicht einmal Mißstimmung macht sich breit. Und es war keineswegs eine Initiative junger Menschen, sondern die „Bild“-Zeitung, die auf die Idee gekommen ist, Norbert Blüm zu verklagen.
Liegt es nur daran, daß wir es früh satt hatten, unseren älteren Geschwistern zu lauschen, wenn sie wie trunken vor Begeisterung von ihren Achtundsiebzigerdemonstrationen erzählten, in Brokdorf oder im Hüttendorf an der Startbahn West? Oder daran, daß wir von den Achtundsechzigern der Lehrerschaft auf eine Weise politisiert werden sollten, die nicht viel anders war als die Erzählungen der Großeltern vom Krieg? Heldentaten allenthalben. Aber wir brauchten keine Helden. Es ging uns doch gut. Viel lieber pflegten wir unsere Vorstadtneurosen im Hier und Jetzt.
Auch ohne an 2037 zu denken: von Drohkulissen umgeben
Daß wir aber keinen Visionen folgten, versperrte uns den Blick in die Zukunft, genauer noch: Es fehlte uns ein Bewußtsein dafür, das eigene Leben als langfristig angelegten Plan zu betrachten. Wie also könnten wir reagieren auf Beschlüsse, die zwanzig Jahre zurückliegen - und wie auf Erkenntnisse, deren Auswirkung uns erst in dreißig Jahren mit angekündigter, aber eben nicht vorstellbarer Wucht treffen werden? Zumal ausgerechnet jetzt, in der Mitte unserer Existenz, das Leben so kompliziert geworden ist - mit neuen Verantwortungen und unerwarteten Verbindlichkeiten -, daß wir froh sind, uns einigermaßen erfolgreich von einem Tag zum nächsten durchzuhangeln.
Nun, da das Wort Planungssicherheit zur Utopie geworden ist, wird es unmöglich, einen Zeitraum von dreißig Jahren abzuschätzen. Und man muß weder Historiker sein noch Kenner der Science-fiction, um zu prophezeien, daß die Welt sich in diesem Zeitraum mehrmals neu erfinden wird - vielleicht ja nicht zum Guten, und vielleicht ist unsere Rente dann das geringste Problem. Auch ohne an das Jahr 2037 zu denken, sind wir umgeben von Drohkulissen - ob wir den Arbeitsplatz behalten werden, ob wir zugleich die Kinder vernünftig erziehen, ob wir uns die Vogelgrippe einfangen oder ob uns die Veränderung des Wetters nicht nur einen Strich durch den nächsten Urlaub, sondern vielleicht durch das halbe Leben macht. Und sollen wir nun unser Geld in eine Immobilie investieren, oder stehen schon heute viel zu viele Häuser leer? Ausgerechnet vom demographischen Wandel hingegen bekommen wir nichts mit, im Gegenteil: Mindestens zweimal im Monat sind wir zu einem Kindergeburtstag eingeladen, auf dem stets eine neue Horde Zwei- und Dreijähriger zeigt, was selektive Wahrnehmung bedeutet.
Warum man es sich mit uns verscherzen kann
Wir sind also nicht ohnmächtig vor Wut, sondern wiederum gefangen in der Gegenwart, wenn wir bloß mit den Schultern zucken angesichts der Ungerührtheit, mit der uns - und nur uns - Politiker die Last ihrer eigenen Verfehlungen aufbürden. Die Älteren läßt man in Ruhe, weil man es sich nicht mit zwanzig Millionen aktiven Wählern verderben will. Die Jüngeren hingegen haben Zeit, sich auf die neue Situation einzustellen: in einem Staat zu wohnen, der immer mehr nimmt - und immer weniger gibt. Mit uns kann man es sich verscherzen, weil die Politik darauf spekuliert, daß kurzfristige Reaktionen auf langfristige Einbußen ausbleiben.
Der Prozeß der Enteignung der mittleren Generation begann schleichend. Und auch das mag Grund dafür sein, daß es nie zu Rebellionen kam, wie man sie jetzt wieder in Frankreich von einer so zornigen wie revolutionserprobten Jugend erlebt. Als bei uns vor ein paar Jahren die Regierung beschloß, die Studienjahre erst zur Hälfte, dann sogar komplett vom Rentenanspruch zu streichen - mit dem Hinweis, Akademiker würden ohnehin viel verdienen -, kam es zu keinerlei Protest. Und auch dann nicht, als die ersten Briefe der BfA, die einem ins Haus flatterten, mit ihren Prognosen unmißverständlich zeigten: Wir werden ziemlich arm sein.
Wen auch sollte man angreifen?
Vielleicht gehört es zu den Eigenarten von Verlierern, schon so weit in die Defensive geraten zu sein, daß man gegen das eigene Schicksal nicht mehr aufbegehrt. Als fügte man sich den Göttern. Aber wen auch sollte man angreifen? Daß die sozialen Sicherungssysteme nicht mehr halten, hat inzwischen jeder begriffen. Deshalb müssen sie ja angepaßt werden. Den heutigen Rentnern, die Krieg und Nachkriegszeit durchlitten haben, wünscht man einen friedvolleren Lebensabend - schließlich sind es unsere Eltern und Großeltern. Was sie indes nicht davon abhält, sich über ihre Situation zu beschweren, und zwar zu Unrecht, wie soeben eine Studie belegt hat - den Senioren geht es weitaus besser, als sie glauben. Die verantwortlichen Politiker aber, die die notwendigen Entscheidungen jahrelang ausgesessen haben, was nun unser Problem ist, sind nicht mehr zu greifen; sie sind selbst längst im Ruhestand.
Der Freiburger Professor für Finanzwirtschaft Bernd Raffelhüschen sieht es sogar als eine Art Gerechtigkeit, daß wir, die heute Dreißig- bis Fünfzigjährigen, bei der Rente das traurigste Los gezogen haben: weil wir durch unsere freiwillige Kinderlosigkeit „die Ursache des Problems“ seien. Die ältere Generation, argumentiert er, habe ihre Pflicht getan, Kinder in die Welt gesetzt, Wachstum produziert und jahrzehntelang eingezahlt. Die zukünftige Generation hingegen soll entlastet werden. Daß wir bei allen Reformen - beim Nachhaltigkeitsfaktor, der Rente mit siebenundsechzig, bei den Vorschlägen zur Gesundheit oder zur Pflege - die stärksten Lasten aufgebürdet bekommen, findet Raffelhüschen deshalb richtig.
Selbst die Hoffnung, daß wir Reformverlierer all die finanziellen Einbußen eines Tages mit dem Erbe unserer Eltern wettmachen könnten, nimmt uns nicht allein die Aussicht auf ein neues Erbschaftsgesetz, sondern mehr noch die moderne Medizin. Die Rentner sind rüstiger denn je, worüber wir uns natürlich freuen, und wir müßten uns nicht wundern, wenn sie uns am Ende sogar überlebten - und mit ihnen ihre Art von Wertvorstellung. Der ewig frische Norbert Blüm etwa glaubt bis heute an sein Programm. „Ich kenne kein besseres System als die gesetzliche Rente, bei der die Jungen für die Alten zahlen“, sagte er kürzlich in einem Interview. Momentan ist er in China unterwegs und schult dort Regierungsbeamte im Umlagesystem.
Wir verdienen es nicht besser
Markus Müller-Dott (mmd1965)
- 27.03.2006, 20:55 Uhr
Sandwich-Generation, Reformverlierer... aber keine Romantiker mehr
T. Wellinger (tomwell)
- 27.03.2006, 21:04 Uhr
Ich, Mitglied der Sandwich-Generation
Stefanie Neubert (contactsteff)
- 27.03.2006, 23:13 Uhr
was ändert´s ?!
Dietmar Mohr-Schmidt (Diddl100)
- 27.03.2006, 23:42 Uhr
Identifizieren
Andreas Seidl (ASeidl)
- 28.03.2006, 00:40 Uhr