Home
http://www.faz.net/-gsf-7pi70
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Zum „Recht auf Wissen“ Privatheit wird Diebstahl

Das „Recht auf Wissen“, das Google-Chef Eric Schmidt nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs verkündet hat, ist gefährlich. Zu Ende gedacht, heißt es: Geheimnisse sind Lügen. Teilen ist Anteilnahme. Regulierung ist Zensur.

© Röth, Frank Wie viel von mir muss im Nebel des Netzes verschwinden dürfen? Das EuGH fordert ein „Recht auf Vergessen“, Google-Chef Schmidt ein „Recht auf Wissen.“

Nach der jüngsten Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs über das „Recht auf Vergessenwerden“ hat Eric Schmidt ein interessantes Argument ins Feld geführt, um die aggressive Geschäftspraxis seines Unternehmens zu rechtfertigen: das „Recht auf Wissen“. Entsprechend dem Urteil des EuGH soll Google allen Nutzern die Möglichkeit einräumen, dass all jene Suchergebnisse, die „inadäquat, irrelevant oder nicht mehr relevant“ sind, aus den Trefferlisten entfernt werden. Mit dem Hinweis, es handele sich hier um einen Konflikt zwischen dem „Recht auf Vergessenwerden und dem Recht auf Wissen“, möchte Schmidt uns nun einreden, dass der Gerichtshof falsch entschieden hat, während die schlauen Jungs von Google die Sache von Anfang an richtig hinbekommen haben.

Aber was ist dieses „Recht auf Wissen“, von dem er spricht? Wer kann dieses Recht beanspruchen und wer nicht? Nehmen wir jedes beliebige andere Unternehmen, das nicht in der privilegierten Lage ist, unsere kollektive Begeisterung für digitale Technologie als Schutz vor staatlicher Kontrolle einzusetzen. Welches Unternehmen würde nicht gern mehr über potentielle Kunden oder Angestellte wissen wollen? Banken oder Versicherungen würden am liebsten alles über uns wissen - je mehr, desto besser ist es für ihr Geschäft.

Datenhunger Grenzen setzen, nicht nur bei Google

Mit dem Wissen etwa, dass Sie morgens lieber Kaffee statt frisch gepressten Gemüsesaft trinken, kann man vermutlich besser vorhersagen, ob Sie in den nächsten fünf Jahren einen Herzinfarkt erleiden werden - eine überaus relevante Information, wenn darüber entschieden wird, ob und zu welchen Bedingungen man Ihnen einen Kredit zur Verfügung stellt oder eine Versicherung anbietet. Herauszufinden, was wir zum Frühstück trinken, ist nicht besonders aufwendig - solche Informationen sind bei Facebook und Instagram ohnehin schon abrufbar. Und es gibt schon viele Unternehmen, die mit diesen Daten Geld verdienen. Douglas Merrill, der frühere Chief Information Officer von Google und Gründer von ZestFinance, einem Start-up, das mehr als 80 000 Indikatoren zur Bonitätsprüfung heranzieht, bringt es auf den Punkt: „Alle Daten sind Kreditdaten.“

Aus der Sicht von Finanzinstituten trifft das gewiss zu. Aber in einer Welt, in der alle Daten Kreditdaten sind, ist jede einzelne unserer Entscheidungen überschattet von Paranoia und Besorgnis, wie unsere Kreditwürdigkeit dadurch beeinflusst wird: Nur Banken und Geheimdienste würden in einer solchen Welt leben wollen. Und die sind die Letzten, die das „Recht auf Wissen“ für sich beanspruchen können - wenn man darunter den bedingungslosen und uneingeschränkten Zugang zu jeder Information versteht, die sie sich verschaffen können. Sonst würde ZestFinance nämlich 800 000 Indikatoren verwenden und nicht 80 000.

Sigmar Gabriel - Der Bundeswirtschaftsminister und SPD-Vorsitzende spricht mit Frank Schirrmacher im Wirtschaftministerium in Berlin über die aktuelle Lage der Großen Koalition. © Gyarmaty, Jens Vergrößern Evgeny Morozov: „Das ,Recht auf Vergessenwerden’ ist ein Schritt in die richtige Richtung.“

Genau deshalb wollen einige Länder verhindern, dass Geldinstitute Daten aus sozialen Netzwerken für ihre Kreditentscheidungen heranziehen. Solche Bemühungen sind aber nur dann erfolgreich, wenn die Bonitätsprüfung selbst strikter Kontrolle unterliegt. Wie soll ein Gesetz funktionieren, das es Arbeitgebern verbietet, sich darüber zu informieren, was potentielle Mitarbeiter in sozialen Netzwerken alles treiben? Am Ende kann man schließlich behaupten, dass die Entscheidung gegen einen Bewerber auf rein subjektiven Faktoren beruhte.

Das „Recht auf Vergessenwerden“ ist ein Schritt in die richtige Richtung. Statt zu hoffen, dass Unternehmen und Institutionen Daten nicht missbrauchen, haben die Bürger nun die Chance, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Dass sie bestimmte Informationen aus ihrem jetzigen oder früheren Leben aus Trefferlisten entfernen lassen, ist das mindeste, was man tun kann.

Wenn wir aber nichts dabei finden, dem Datenhunger von Banken und Versicherungen Grenzen zu setzen, warum sollten wir bei Suchmaschinen eine Ausnahme machen? Googles Modell ist nicht so furchtbar anders: Man sammelt möglichst viele Informationen, ordnet sie möglichst nutzbringend und profitabel und verdient Geld damit.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Freihandelsabkommen Niemand hört den Widerstand gegen TTIP

Auch nach der TTIP-Resolution wird der Widerstand gegen das Abkommen nicht abreißen. Dennoch spielen neoliberale Thinktanks Datenschutz gegen Wirtschaftswachstum aus. Die Proteste der Bürger werden nicht gehört. Mehr Von Evgeny Morozov

22.07.2015, 10:32 Uhr | Feuilleton
Brüssel EU leitet weitere Untersuchung gegen Google ein

Die EU wirft dem Internetunternehmen Google Verfälschung von Suchergebnissen im Internet vor. In seiner Suchmaschine würde Google Treffer für eigene Dienste bevorzugen. Man habe auch eine kartellrechtliche Untersuchung gegen das Betriebssystem Android eingeleitet, teilte die Wettbewerbskommission in Brüssel mit. Mehr

16.04.2015, 11:57 Uhr | Wirtschaft
Vor den Sommerferien Mit dem Navi mitten in den Stau

In der nächsten Woche beginnen in sechs Bundesländern die Sommerferien. Der Stau ist sicher. Navigationssysteme helfen da nicht - im Gegenteil. Mehr Von Dyrk Scherff

14.07.2015, 14:09 Uhr | Finanzen
Streit um Google Street View Die Angst vor Datensammlungen

In vielen europäischen Ländern ist es schon Realität: der Blick auf Häuser, Straße und in Gärten. Der Internetkonzern Google hat auch deutsche Städte fotografiert und möchte sie demnächst frei zugänglich ins Internet stellen. Bürger, Politiker und Datenschützer in Deutschland laufen Sturm dagegen, wollen ihre Wohnhäuser unkenntlich machen lassen. Die Diskussion um Google zeigt exemplarisch die große Angst der Deutschen vor Datensammlungen jeglicher Art. Mehr

21.05.2015, 16:24 Uhr | Politik
Ministerialentscheid Google-Aktionäre bekommen Steuern zurück

Ein Jahr lang hatten Google-Aktionäre gegen eine ihres Erachtens ungerechtfertigte Besteuerung eines Aktiensplits gekämpft. Jetzt stellte das Finanzministerium abschließend klar: Es gibt Geld zurück. Mehr Von Martin Hock

16.07.2015, 14:14 Uhr | Finanzen

Veröffentlicht: 20.05.2014, 11:19 Uhr

Glosse

Seuss süß-sauer

Von Andreas Platthaus

Fast ein Vierteljahrhundert nach dem Tod des Autors wird „What Pet Should I Get?“ mit einer Startauflage von einer Million Exemplaren veröffentlicht. Dr. Seuss stellt Harper Lee und E.L. James in den Schatten. Dabei hat auch sein Werk Schattenseiten. Mehr 3