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Zum „Recht auf Wissen“ Privatheit wird Diebstahl

Das „Recht auf Wissen“, das Google-Chef Eric Schmidt nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs verkündet hat, ist gefährlich. Zu Ende gedacht, heißt es: Geheimnisse sind Lügen. Teilen ist Anteilnahme. Regulierung ist Zensur.

© Röth, Frank Wie viel von mir muss im Nebel des Netzes verschwinden dürfen? Das EuGH fordert ein „Recht auf Vergessen“, Google-Chef Schmidt ein „Recht auf Wissen.“

Nach der jüngsten Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs über das „Recht auf Vergessenwerden“ hat Eric Schmidt ein interessantes Argument ins Feld geführt, um die aggressive Geschäftspraxis seines Unternehmens zu rechtfertigen: das „Recht auf Wissen“. Entsprechend dem Urteil des EuGH soll Google allen Nutzern die Möglichkeit einräumen, dass all jene Suchergebnisse, die „inadäquat, irrelevant oder nicht mehr relevant“ sind, aus den Trefferlisten entfernt werden. Mit dem Hinweis, es handele sich hier um einen Konflikt zwischen dem „Recht auf Vergessenwerden und dem Recht auf Wissen“, möchte Schmidt uns nun einreden, dass der Gerichtshof falsch entschieden hat, während die schlauen Jungs von Google die Sache von Anfang an richtig hinbekommen haben.

Aber was ist dieses „Recht auf Wissen“, von dem er spricht? Wer kann dieses Recht beanspruchen und wer nicht? Nehmen wir jedes beliebige andere Unternehmen, das nicht in der privilegierten Lage ist, unsere kollektive Begeisterung für digitale Technologie als Schutz vor staatlicher Kontrolle einzusetzen. Welches Unternehmen würde nicht gern mehr über potentielle Kunden oder Angestellte wissen wollen? Banken oder Versicherungen würden am liebsten alles über uns wissen - je mehr, desto besser ist es für ihr Geschäft.

Datenhunger Grenzen setzen, nicht nur bei Google

Mit dem Wissen etwa, dass Sie morgens lieber Kaffee statt frisch gepressten Gemüsesaft trinken, kann man vermutlich besser vorhersagen, ob Sie in den nächsten fünf Jahren einen Herzinfarkt erleiden werden - eine überaus relevante Information, wenn darüber entschieden wird, ob und zu welchen Bedingungen man Ihnen einen Kredit zur Verfügung stellt oder eine Versicherung anbietet. Herauszufinden, was wir zum Frühstück trinken, ist nicht besonders aufwendig - solche Informationen sind bei Facebook und Instagram ohnehin schon abrufbar. Und es gibt schon viele Unternehmen, die mit diesen Daten Geld verdienen. Douglas Merrill, der frühere Chief Information Officer von Google und Gründer von ZestFinance, einem Start-up, das mehr als 80 000 Indikatoren zur Bonitätsprüfung heranzieht, bringt es auf den Punkt: „Alle Daten sind Kreditdaten.“

Aus der Sicht von Finanzinstituten trifft das gewiss zu. Aber in einer Welt, in der alle Daten Kreditdaten sind, ist jede einzelne unserer Entscheidungen überschattet von Paranoia und Besorgnis, wie unsere Kreditwürdigkeit dadurch beeinflusst wird: Nur Banken und Geheimdienste würden in einer solchen Welt leben wollen. Und die sind die Letzten, die das „Recht auf Wissen“ für sich beanspruchen können - wenn man darunter den bedingungslosen und uneingeschränkten Zugang zu jeder Information versteht, die sie sich verschaffen können. Sonst würde ZestFinance nämlich 800 000 Indikatoren verwenden und nicht 80 000.

Sigmar Gabriel - Der Bundeswirtschaftsminister und SPD-Vorsitzende spricht mit Frank Schirrmacher im Wirtschaftministerium in Berlin über die aktuelle Lage der Großen Koalition. © Gyarmaty, Jens Vergrößern Evgeny Morozov: „Das ,Recht auf Vergessenwerden’ ist ein Schritt in die richtige Richtung.“

Genau deshalb wollen einige Länder verhindern, dass Geldinstitute Daten aus sozialen Netzwerken für ihre Kreditentscheidungen heranziehen. Solche Bemühungen sind aber nur dann erfolgreich, wenn die Bonitätsprüfung selbst strikter Kontrolle unterliegt. Wie soll ein Gesetz funktionieren, das es Arbeitgebern verbietet, sich darüber zu informieren, was potentielle Mitarbeiter in sozialen Netzwerken alles treiben? Am Ende kann man schließlich behaupten, dass die Entscheidung gegen einen Bewerber auf rein subjektiven Faktoren beruhte.

Das „Recht auf Vergessenwerden“ ist ein Schritt in die richtige Richtung. Statt zu hoffen, dass Unternehmen und Institutionen Daten nicht missbrauchen, haben die Bürger nun die Chance, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Dass sie bestimmte Informationen aus ihrem jetzigen oder früheren Leben aus Trefferlisten entfernen lassen, ist das mindeste, was man tun kann.

Wenn wir aber nichts dabei finden, dem Datenhunger von Banken und Versicherungen Grenzen zu setzen, warum sollten wir bei Suchmaschinen eine Ausnahme machen? Googles Modell ist nicht so furchtbar anders: Man sammelt möglichst viele Informationen, ordnet sie möglichst nutzbringend und profitabel und verdient Geld damit.

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Veröffentlicht: 20.05.2014, 11:19 Uhr

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