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Wissenschaft im Datennebel : Das wusste unser Lehrer aber besser

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Nur errechnet, nicht erdacht: fraktale Struktur Bild: Picture-Alliance

Computer sollten nur mitdenken – höchstens. Die Theoriebildung darf man ihnen auf keinen Fall überlassen. Doch eine vom Datennebel schon ganz benommene Wissenschaft ist drauf und dran, die Tugend des Nachdenkens zu verlernen. Ein Gastbeitrag.

          Ein echter Denker weiß, wie man einen perfekten Spickzettel schreibt“: Gunther Hoske war am Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium in Wuppertal eine Legende. Als der Lehrer auf dem Bahnsteig des Elberfelder Bahnhofs, vom Schlag getroffen, tot zusammenbrach, standen an unserer Schule die Uhren still. Hoske sprach zehn Sprachen und war in Leipzig Assistent von Ernst Bloch gewesen, bevor er in den Westen kam. Wer das Glück hatte, von dem freundlichen Mann in Philosophie unterrichtet zu werden, zehrte davon ein Leben lang.

          Besonders die Spickzettellektion war eindrücklich: Für ernsthafte Denker gebe es keine schwierigere, anspruchsvollere Aufgabe, als einen Wust von Informationen auf die essentiellen hin zu verdichten. Das Wesentliche vom Unwesentlichen zu scheiden, Wissen immer weiter zu komprimieren, bis man es gedanklich fest in der Hand hält, um dann im Umkehrverfahren den gesammelten Stoff aus dem Kondensat wieder zu entfalten, war nach Hoske die Königsdisziplin des Denkens. Wie wahr! Wenn sich Goethe für die Länge seines Briefes bei Schiller entschuldigte, weil er zu wenig Zeit fand, sich kurz zu fassen, dann schlug er in dieselbe Kerbe. Alles Denken ist Verdichten.

          Vor dem Tod das Gehirn einlesen

          Auch in den Naturwissenschaften und in der Mathematik war dieser Standpunkt ein unbestrittener Allgemeinplatz: kein Physiker, der nicht von einem ehrwürdigen Schauer ergriffen wird, wenn er die Maxwellschen Gleichungen betrachtet - nur vier Formeln, die die gesamte nicht-relativistische Elektrodynamik beschreiben: Radiowellen, die durch den Äther jagen, Turbinen, die Strom erzeugen, der Hufeisenmagnet in der Hand des neugierigen Kindes, das Eisenspäne auf dem Papier bewegt. Das gesammelte Panoptikum elektromagnetischer Phänomene ist in den magisch anmutenden Gleichungen geronnen. Und kein Mathematiker, der sich nicht am nur wenige Zeilen langen Euklidschen Beweis erfreut, der zeigt, dass es unendlich viele Primzahlen gibt.

          Elementare Prinzipien zu finden, eine beinahe unüberschaubare Gesamtheit beobachtbarer Phänomene aus wenigen, überschaubaren Gesetzen zu entwickeln war lange Inbegriff gedanklicher Eleganz und Schönheit. Aber jetzt mehren sich kritische Stimmen. Das traditionelle Wechselspiel von theoretischer Spekulation und harten experimentellen Fakten, das die wissenschaftliche Revolution erst möglich machte, wird für einige Apologeten des digitalen Wandels zum alten Hut. Unsere Zeit hat ihre eigenen Propheten. Und die verkünden Erstaunliches: Chris Anderson, der ehemalige Chefredakteur des Magazins „Wired“, hat öffentlichkeitswirksam den „Tod der Theorie“ ausgerufen: Verdichtende Erkenntnis sei von gestern, das Wechselspiel von Induktion und Deduktion habe ausgedient, heute reichten gigantische Datenwolken und von ungeheurer Rechenpower angetriebenes algorithmisches Durchforsten, um Korrelationen herauszudestillieren. Das Magazin „Wired“ ist oft für phantastische, aber nicht immer sorgfältig begründete Spekulation zu haben. Unlängst wurde ernsthaft erörtert, wie man sein Gehirn vor dem Tod ins Netz einlesen kann, um dort als digitaler Wiedergänger ewig weiterzuexistieren – das World Wide Web als virtueller Garten Eden. Aber auch ernsthaftere Zeitgenossen wie der Informatiker und Mathematiker Stephen Wolfram, den man in Princeton lange für den neuen Einstein hielt, sprechen von einer „new kind of science“.

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