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Regeln für die digitale Welt : Holt euch die Macht zurück!

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Die digitale Welt als Baustelle: Im Frühjahr 2013 entsteht im belgischen Saint-Ghislain ein Datenzentrum Googles Bild: Picture-Alliance

Die Regeln für die digitale Welt werden in obskuren Gremien ausgehandelt. Europa darf es aber weder dem Staat noch den Unternehmen überlassen, die Regeln zu bestimmen. Deshalb brauchen wir dringend neue Institutionen!

          Geheimdienstauswerter kennen drei grobe Kategorien von Material: „Data“, „Information“ und „Intelligence“. „Data“ sind die Rohdaten, etwa Metadaten und Telefonprotokolle aus Abhörsystemen, Suchbegriffe der Internetnutzung, Webseitenbesuche, Lokationsdaten der Mobilfunknetze, Kreditkartenabrechnungen und Kontodaten, Datenbanken der Grenzübertritte, Flugbuchungen und all die digitalen Spuren, die wir nebenbei hinterlassen, während wir unserem Alltag nachgehen.

          Aus diesen Rohdaten, den Trillionen Bits der Überwachungssysteme, wird die zweite Kategorie „Information“ destilliert, etwa, dass sich jemand zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort aufhält oder sich für ein bestimmtes Thema interessiert. Für sich genommen ist diese Information meist wenig wert. Wird sie jedoch in einen Kontext gesetzt, etwa mit Archivbeständen und Informationen über andere Menschen und Ereignisse, wird daraus die dritte Kategorie „Intelligence“. Sie ist definiert als Informationen, die „actionable“ sind, aus denen sich also Handlungen und Anhaltspunkte für Einflussnahmen ableiten lassen, etwa Erpressung oder Infiltration.

          Diese Betrachtungs- und Arbeitsweise findet sich so oder ähnlich fast überall, wo Daten verarbeitet werden. Egal, ob in den Datenkatakomben eines Geheimdienstes oder in den Algorithmen, die einem Smartphone-Nutzer möglichst zielgerichtete Werbung zustellen wollen: Immer gibt es die Destillationskette, mit der aus den digitalen Lebensspuren, die wir überall hinterlassen, Sinn, Bedeutung, Handlungen werden.

          Haftungsregeln, Transparenz, Verantwortung

          Aus Syntax soll Semantik werden - zunehmend mit Hilfe von Algorithmen mit „künstlicher Intelligenz“. Hier liegt das Problem des derzeitigen Datenschutzansatzes. Natürlich ist es richtig, zuerst zu versuchen, die Speicherung und Nutzung der Rohdaten zu begrenzen, schon allein um durch den dadurch entstehenden „Sand im Getriebe“-Effekt mehr Zeit zum Nachdenken und Entwickeln neuer Umgangswege mit der digitalen Allgegenwärtigkeit zu gewinnen. Was sich zeigt, ist aber: Es wäre fatal und kurzsichtig, hier stehenzubleiben. Wir müssen den nächsten Schritt gehen und die Datendestillationskette in die Betrachtung einbeziehen. Doch wie ist hier regulierend einzugreifen?

          Aus der Geschichte können wir lernen, dass es erfolgversprechend ist, bestimmte Technikanwendungen und ihre Auswirkungen dadurch zu regulieren und zu beschränken, dass Haftungsregeln eingeführt werden, für Transparenz dessen gesorgt wird, was technisch geschieht oder unterbleibt, und die klare Benennbarkeit von Verantwortlichen erzwungen werden kann. Damit lässt sich Trends entgegenwirken, die zur Bildung von Monopolen oder Oligopolen führen und wodurch bereits bestehende daran gehindert werden, sich weiter zu etablieren.

          Auch negative Szenarien müssen bedacht werden

          Spezifische Technologien rein technisch zu regulieren gelingt nur selten, etwa wenn sie auf schwer herzustellende Materialien angewiesen sind oder nur Nischenmärkte betreffen - etwa im Bereich von Atomwaffen. Wenn es an die Folgen von Technik für die Gesellschaft, das Zusammenleben, die Märkte und die Struktur der Wirtschaft geht, hat der Gesetzgeber kaum eine andere Chance, als sich den Folgen bestimmter Anwendungen zum Zeitpunkt kurz nach ihrer Entstehung zu widmen. So ist es etwa wenig sinnvoll, Gen-Analysen prinzipiell zu verbieten, also unabhängig davon, welche Anwendungen entstehen werden. Sinnvoll ist hingegen, die Verwendung der Informationen daraus eng zu regulieren. Ein ähnlicher Ansatz ist wohl der einzige langfristig erfolgversprechende Weg, mit den Herausforderungen von Big Data, Künstlicher Intelligenz und Artverwandtem umzugehen.

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