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Bedingungsloses Grundeinkommen : Die Angst vor der Vierzig-Stunden-Pause

  • -Aktualisiert am

Zeit fürs Wesentliche soll das bedingungslose Grundeinkommen schaffen. Bild: dpa

Wagniskapitalgeber aus dem Silicon Valley plädieren überraschend deutlich für das bedingungslose Grundeinkommen. Das ist mehr Kalkül als Zufall.

          In den Fabrikhallen der Automobilhersteller drehen Roboter Schrauben fest, in Krankenhäusern assistieren Pflegeroboter dem Personal bei der Essensausgabe. In der Nachrichtenagentur Associated Press generieren Softwareprogramme Finanz- und Sportberichte, und bei der Fastfood-Kette Pizza Hut liefert ein Roboter Pizzen aus. Nehmen uns Roboter die Arbeitsstellen weg?

          Verschiedene wirtschaftswissenschaftliche Studien rechnen vor, dass bis 2030 die Hälfte aller Arbeitsplätze durch die Automatisierung vernichtet werden könnte. Das muss Menschen nicht zwangsläufig in die Arbeitslosigkeit treiben, weil auch viele neue Jobs entstehen werden. Bei denen könnte es sich allerdings um prekäre Beschäftigungsverhältnisse handeln. Zukunftsforscher sagen voraus, dass man in einer automatisierten Arbeitswelt vier oder fünf Jobs benötigen wird, um finanziell über die Runden zu kommen.

          Wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen also nicht ein geeignetes Mittel, um dem von Maschinen ins Abseits gedrängten Arbeitnehmer unter die Arme zu greifen? Es würde ihn vom Zwang befreien, für Geld arbeiten zu müssen. In Finnland will man das System im nächsten Jahr mit tausend Probanden testen. Die Schweizer haben den Vorschlag, ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen, dagegen gerade in einem Volksentscheid mit großer Mehrheit abgelehnt. In den Vereinigten Staaten jedoch findet die Idee neue Befürworter: Wagniskapitalgeber aus dem Silicon Valley.

          Die Tech-Konzerne fürchten Aufstände

          Mit Marc Andreessen, Aufsichtsratsmitglied bei Facebook und Twitter-Investor, und dem Kapitalgeber Tim Draper haben sich zwei der berühmtesten Vertreter der Tech-Elite für ein bedingungsloses Grundeinkommen ausgesprochen. Die Beratungsfirma „Y Combinator“, die sich vor allem um Start-ups kümmert, will gespeist von Wagniskapital in einem auf zehn Jahre ausgelegten Modellversuch sechstausend Kenianer mit einem bedingungslosen Grundeinkommen versorgen. Das überrascht insofern, als die Entrepreneure für ein libertäres Wirtschaftsmodell streiten und so wenig Staat wie möglich wollen. Warum nun diese Parteinahme für den Staat?

          Animation : Was ist dran am Grundeinkommen?

          Die Motive dürften wenig uneigennützig sein. Der Internetkritiker Evgeny Morozov brachte in einem Beitrag für den „Guardian“ eine interessante Erklärung ins Spiel: Das Eintreten für ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte darin begründet liegen, dass die Tech-Konzerne Aufstände befürchten, wenn immer mehr Menschen durch die Automatisierung ihre Jobs verlieren oder in prekären Beschäftigungsverhältnissen landen. Solche Unruhen gab es in der Geschichte bereits. Im frühen 19. Jahrhundert setzten Maschinenstürmer in England Fabriken in Brand, um sich gegen die industrielle Mechanisierung zu wehren. Die Regierung schlug die Proteste damals gewaltsam nieder. 1812 wurde in England auf die Zerstörung einer Maschine sogar die Todesstrafe gesetzt.

          Ihre wichtigste Ressource

          Die Frage, ob die Digitalisierung und Automatisierung der Gegenwart die soziale Frage neu stellt, treibt nicht nur Wissenschaftler um, sondern auch die Strategen im Silicon Valley. Sollte sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnen, könnten Facebook und Google im großen Maßstab Kunden verlieren. Daher sprechen sie sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen aus. Denn gäbe es für jeden eine solche Grundsicherung, riefe wohl niemand mehr nach einem anderen, für die Tech-Konzerne schmerzhaftem Modell: dass die Konzerne den Nutzer für seine Datenlieferung entlohnen müssten und es einen fairen Handel mit Daten gäbe, wie ihn der Journalist und Netzökonom Hannes Grassegger in seinem Buch „Das Kapital bin ich“ fordert.

          Doch dafür müssten die Konzerne richtig Geld in die Hand nehmen. Und zwar mehr als die 48 Dollar pro Nutzer, die ein durchschnittliches Facebook-Profil wert ist; vorausgesetzt, es wäre juristisch eindeutig geregelt, wem die Daten gehören, die Nutzer generieren, und ob diese nicht Anteilseigner sind. Solche Eigentümerrechte sind in der Praxis schwer durchzusetzen, schon allein weil sich Facebook auf die Kapitalisierung dieser Daten wie kein Zweiter versteht und dem einzelnen Nutzer nichts anderes übrig bliebe, als seine Daten für ein paar Cent zu verscherbeln. Also wünschen sich die Netzkonzerne einen Staat, der mit Transferleistungen in die Bresche springt und über den Umweg des bedingungslosen Grundeinkommens den datengesteuerten Kapitalismus subventioniert.

          Der Staat finanzierte den Müßiggang, und die Bürger hätten alle Zeit der Welt, nicht, wie Karl Marx über das Leben in der klassenlosen Gesellschaft schrieb, morgens jagen und nachmittags fischen zu gehen, sondern noch mehr Stunden auf Facebook zu verbringen. Für die Internetkonzerne, die ohnehin kaum Steuern zahlen, wäre das die optimale Lösung. In die Freizeit entlassene Bürger könnten dem Internet mehr Zeit schenken, die wichtigste Ressource der Aufmerksamkeitsökonomie. Das hätte den netten Nebeneffekt, dass Facebook-Nutzer in der Filterblase depolitisiert werden könnten. Zur Automatisierung der politischen Willensbildung wäre es dann auch nicht mehr weit.

          Quelle: F.A.Z.

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