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Veröffentlicht: 23.03.2015, 18:13 Uhr

Sharing Economy und Europa Die Vorteile der Nachzügler

Das Beispiel von Uber zeigt, warum sich europäische Unternehmen von der amerikanischen Konkurrenz nicht zu viel abschauen sollten. Auf Bedürfnisse von Kunden und Dienstleistern Rücksicht zu nehmen, lohnt sich.

von Shoshana Zuboff
© AFP Widerstand allerorten: Taxifahrer in Brüssel demonstrieren Anfang März gegen das Unternehmen Uber.

Sind Deutschland und Europa im Blick auf digitale Zersetzung - „Zersetzung“ hier verstanden als zerstörerische Durchdringung aller Lebensbereiche - hinter dem Mond? Unlängst sagte Volkmar Denner, Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH, gegenüber der „Financial Times“: „Uber ist keine revolutionäre Technologie, sondern ein neues Geschäftsmodell. Und darin sind wir noch nicht gut genug. Dort sehe ich die größten Gefahren.“ Auch die Europäische Kommission spricht gerne von der Notwendigkeit größerer digitaler Zersetzung in Europa. Hat Volkmar Denner recht? Sollten Deutschland und Europa das Uber-Modell nachahmen? Wird dieses Modell Wirtschaftsgeschichte schreiben? Wird es den Wohlstand unserer Gesellschaften mehren? Wird es sie demokratischer machen?

(English version: „Disruption's Tragic Flaw“ by Shoshana Zuboff)

Was sagt die amerikanische Erfahrung zu diesen Fragen? Betrachten wir zunächst einmal die treibenden Kräfte hinter der digitalen Zersetzung. An erster Stelle wären da fundamentale Veränderungen im Konsum zu nennen, die eine Verschiebung von der Masse hin zum Einzelnen signalisieren. Wir leben in einer neuen Gesellschaft von Individuen, deren Bedürfnisse und Forderungen jahrzehntelang enttäuscht wurden.

Das ist kein bloßer Kohorteneffekt. Heute erwarten die meisten von uns psychologische Selbstbestimmung - das Gefühl, dass wir uns selbst hervorbringen. Generationenübergreifend sind wir der Überzeugung, dass wir unser Leben selbst gestalten: das Familienleben, das Arbeitsleben, Glaube, Sexualität, Gemeinschaft, was wir essen, wie wir uns kleiden - die Liste ist lang. Wir gehen nicht mehr schlichtweg davon aus, diese Dinge wären durch Tradition oder Konvention vorgegeben. Wenn diese Erwartungen sich als falsch erweisen, fühlen wir uns schlecht. Wir sehnen uns nach vertrauenswürdigen Zugängen zu diesen Ressourcen, werden in aller Regel jedoch enttäuscht.

Eine zweite treibende Kraft ist der gesamte Komplex neuer digitaler Möglichkeiten. Nur diese Technologien vermögen letztlich neue Marktformen hervorzubringen, die es dem Einzelnen erlauben, seine Bedürfnisse zu einem erschwinglichen Preis zu befriedigen.

Drittens suchen die meisten Menschen einen passenden Zugang zu den Ressourcen, die sie für ihr Leben benötigen. In Amerika führen heute viele ein äußerst aufreibendes, hektisches Leben. Familien mit zwei Einkommen sind die Regel. Die meisten Familien haben Probleme mit der Ausbildung ihrer Kinder, der Gesundheitsversorgung und der Sicherheit ihrer Arbeitsplätze.

Die vierte treibende Kraft ist die Notwendigkeit, angesichts stagnierender Einkommen und einer Beschränkung der Konsumentenkredite nach erschwinglichen Möglichkeiten zu suchen. Die Reallöhne der amerikanischen Arbeiter sind seit 1979 niedrig. Ein beträchtlicher Rückgang des gewerkschaftlichen Organisationsgrads, die Auslagerung der Produktion im Rahmen der Globalisierung und die Verringerung des Anteils der Arbeitseinkommen sind Faktoren, die zu dieser Stagnation beigetragen haben.

Fünftens gibt es ein auf Abruf verfügbares Arbeitskräftepotential. In Amerika sind 37 Prozent der arbeitenden Bevölkerung, also 92 Millionen Menschen, ohne dauerhafte Beschäftigung und scheinen die Suche nach Vollzeitjobs aufgegeben zu haben. Daneben gibt es viele andere, die von einem einzigen Job nicht leben können.

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