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Veröffentlicht: 05.03.2016, 13:24 Uhr

Überwachungskapitalismus Wie wir Googles Sklaven wurden

Staatliche Kontrolle ist harmlos im Vergleich zu dem, was Google macht: Der Konzern schafft einen beispiellosen Überwachungskapitalismus. Ist dagegen denn gar kein Kraut gewachsen? Ein Gastbeitrag.

von Shoshana Zuboff
© ddp images Hinter dem Angriff, den wir gerade erleben, steckt der außergewöhnliche Hunger einer gänzlich neuen Art von Kapitalismus: Überwachungskapitalismus

Unlängst überflügelte Google Apple erstmals seit 2010 als höchstbewertetes Unternehmen der Welt. Damals hatten beide Unternehmen einen Wert von jeweils 200 Milliarden Dollar; heute werden sie mit mehr als 500 Milliarden Dollar bewertet. Zwar behielt Google diese Führungsposition nur ein paar Tage lang, doch der Erfolg des Unternehmens hat Konsequenzen für alle Menschen. Warum? Weil Google der Ground Zero einer gänzlich neuen Unterart des Kapitalismus ist, bei dem die Gewinne aus der einseitigen Überwachung und Veränderung menschlichen Verhaltens stammen. Was sind die Geheimnisse dieses neuen Überwachungskapitalismus, und wie produzieren solche Unternehmen derart atemberaubende Reichtümer?

(English Version: „The Secrets of Surveillance Capitalism“ by Shoshana Zuboff)

„Den meisten Amerikanern ist klar, dass es zwei Gruppen gibt, die bei ihren Bewegungen im Land regelmäßig überwacht werden. Die erste Gruppe wird gegen ihren Willen auf der Grundlage eines Gerichtsbeschlusses überwacht, der sie zum Tragen einer elektronischen Fußfessel verpflichtet. Die zweite Gruppe umfasst alle anderen.“ Einige werden sagen, diese Aussage sei zweifellos wahr. Andere werden befürchten, dass sie wahr werden könnte. Manche halten sie vielleicht für lächerlich. Sie ist kein Zitat aus einem dystopischen Roman, auch keine Bemerkung eines Managers im Silicon Valley und nicht einmal eines Vertreters der NSA. Es handelt sich um die Aussage eines Beraters der Kfz-Versicherungsbranche über die Vorteile der „Kraftfahrzeugtelematik“ und die erstaunlich weit reichenden Überwachungsmöglichkeiten dieser angeblich vorteilhaften Systeme, die heute schon eingesetzt werden oder sich in Entwicklung befinden.

Verkauf des Zugangs zum Echtzeitfluss des Lebens

Diese Branche ist berüchtigt für ihr ausbeuterisches Verhältnis zu ihren Kunden und hat allen Grund, sich wegen der Auswirkungen der Einführung selbstfahrender Automobile auf ihr Geschäftsmodell Sorgen zu machen. Jetzt aber verwandeln sich Daten darüber, wo wir sind, wohin wir fahren, wie wir uns fühlen, was wir sagen, wie auch über unser Fahrverhalten und den Zustand unseres Fahrzeugs in lauter Einnahmequellen, die neue geschäftliche Aussichten eröffnen. Nach der Branchenliteratur lassen sich diese Daten für eine dynamische Echtzeitbeeinflussung des Fahrverhaltens durch Strafen oder Belohnungen nutzen: in Echtzeit vorgenommene Erhöhung oder Senkung der Versicherungsprämie, finanzielle Strafen oder Gutscheine, Sperrstunden und Motorsperren oder goldene Sterne für zukünftige Vorteile.

In diesem Spiel geht es um den Verkauf eines Zugangs zum Echtzeitfluss unseres alltäglichen Lebens mit dem Ziel, unser Verhalten direkt zu beeinflussen, zu verändern und daraus ein Geschäft zu machen. Es ist das Tor zu einer neuen Welt geschäftlicher Möglichkeiten: Restaurants, die unser Fahrziel sein möchten; Werkstätten, die unsere Bremsbeläge austauschen wollen; Geschäfte, die uns wie die legendären Sirenen anlocken. Da kann es kaum verwundern, dass Google kürzlich ankündigte, Google Maps werde in Zukunft nicht nur die gesuchte Fahrtroute anzeigen, sondern gleich auch Ziele vorschlagen.

Dies ist nur ein Guckloch in eine einzige Ecke einer einzelnen Branche, doch diese Gucklöcher vermehren sich wie Küchenschaben. Es gibt zahllose Beispiele für die neue Logik, von smarten Wodkaflaschen bis hin zu internetgestützten Rektalthermometern - und buchstäblich alles dazwischen. Der Angriff auf Verhaltensdaten ist derart durchschlagend, dass er sich nicht länger mit dem Begriff der Privatsphäre und ihres Schutzes umschreiben lässt. Hier handelt es sich um eine Herausforderung anderen Kalibers, die den existentiellen und politischen Kanon der modernen liberalen Ordnung bedroht, jener Ordnung, die auf Prinzipien der Selbstbestimmung basiert, deren Herausbildung Jahrhunderte oder gar Jahrtausende gebraucht hat.

Daten werden nicht einfach unschuldig geboren

Früher machten wir den Staat und seine Sicherheitsdienste für diesen Angriff auf Verhaltensdaten verantwortlich, später dann auch die betrügerischen Praktiken einer Handvoll Banken, Datenhändler und Internetfirmen. Manche schreiben den Angriff einem unabwendbaren Big-Data-Zeitalter zu, als könnten Daten rein und unschuldig geboren werden und an einem himmlischen Ort schweben, an dem Fakten sich in Wahrheiten verwandeln.

Hinter dem Angriff, den wir gerade erleben, steckt in weitem Maße der außergewöhnliche Hunger einer gänzlich neuen Art von Kapitalismus, einer systemisch zusammenhängenden neuen Logik der Akkumulation, die ich als Überwachungskapitalismus bezeichne. Der Kapitalismus ist von einem lukrativen Überwachungsprojekt usurpiert worden, das die mit seinem historischen Erfolg verbundenen „normalen“ Entwicklungsmechanismen und jene Einheit von Angebot und Nachfrage untergräbt, die über Jahrhunderte für eine Abstimmung mit den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen und Gesellschaften sorgte und dadurch die fruchtbare Ausdehnung der Marktdemokratie ermöglichte.

Der Überwachungskapitalismus ist eine neue ökonomische Mutation, hervorgegangen aus der heimlichen Verbindung der gewaltigen Macht des Digitalen mit der radikalen Gleichgültigkeit und dem angeborenen Narzissmus des Finanzkapitalismus und dessen neoliberaler Vision, die das Wirtschaftsleben vor allem in den angelsächsischen Volkswirtschaften beherrscht.

Ein Markt, der im rechtsfreien Raum gedeiht

Es handelt sich um eine beispiellose Form von Markt, die im rechtsfreien Raum wurzelt und gedeiht. Sie wurde von Google entdeckt, konsolidiert, dann von Facebook übernommen und verbreitete sich rasch im ganzen Internet. Der Cyberspace war deshalb ihr Geburtsort, weil er - wie der Vorstandsvorsitzende von Google/Alphabet Eric Schmidt und sein Mitautor Jared Cohen auf der ersten Seite ihres Buchs über das digitale Zeitalter voller Stolz erklären - „kaum durch Gesetze beschränkt“ wird und daher „der größte unregulierte Raum der Welt“ ist.

38893035 © AFP Vergrößern Der Vorstandsvorsitzende von Google/Alphabet: Eric Schmidt

Der Überwachungskapitalismus nutzt die invasiven Kräfte des Internets als Quelle der Kapitalbildung und der Schaffung von Reichtum und ist nun im Begriff, auch die Geschäftspraxis in der realen Welt zu verändern. Der Überwachungskapitalismus nutzt eine abhängige Bevölkerung für seine Zwecke, deren Mitglieder weder ihre Kunden noch ihre Arbeitskräfte sind und denen seine Vorgehensweisen weitgehend unbekannt bleiben.

Einst suchten wir Trost und Lösung unserer Probleme im Internet, da unser Versuch eines erfolgreichen Lebens fern vom zunehmend skrupellosen Wirken des Kapitalismus im späten zwanzigsten Jahrhundert vereitelt wurde. Inzwischen fand die BBC heraus, dass 79 Prozent der Menschen in 26 Ländern den Internetzugang für ein fundamentales Menschenrecht hielten. Hier liegen Skylla und Charybdis unserer Misere: Es ist nahezu unmöglich, sich soziale Teilhabe ohne Internetzugang und Knowhow vorzustellen, obwohl diese einstmals blühenden Netzräume inzwischen einem neuen und sogar noch ausbeuterischeren kapitalistischen Regime unterworfen sind.

Ein verschleierter Prozess

Alles geschah sehr schnell und ohne unser Verständnis, unsere Zustimmung. Denn die schlimmsten Nachteile lassen sich nur schwer erkennen und theoretisch erfassen - wegen ihrer extremen Geschwindigkeit, aber auch wegen ihrer Verschleierung durch teure, nicht zu entschlüsselnde Rechenoperationen, geheime betriebliche Praktiken, rhetorisch meisterhafte Irreführung und bewusste kulturelle Veruntreuung.

Voraussetzung für die Zähmung dieser neuen Kraft ist eine genaue Benennung, ein genaues Verständnis. Wir greifen gerne auf Modelle, Vokabularien und Instrumente zurück, die wir bei früheren Katastrophen entwickelt haben. Ich denke da etwa an die totalitären Albträume des zwanzigsten Jahrhunderts oder an die monopolistische Ausplünderung im Goldenen Zeitalter des Kapitalismus. Doch die Impfstoffe beispielsweise, die wir gegen frühere Bedrohungen gefunden haben, reichen für die Herausforderungen, vor denen wir heute stehen, nicht mehr aus oder versagen sogar vollständig. Es ist, als schleuderten wir Schneebälle auf eine Marmorwand und sähen nur, dass sie an der Fassade hinabgleiten und dabei nichts als eine feuchte Spur hinterlassen - eine Gebühr hier, ein operativer Umweg dort.

Natürlich ist der Überwachungskapitalismus nicht die einzige aktuelle Form des Informationskapitalismus und auch nicht das einzig mögliche Modell für die Zukunft. Die rasche Kapitalakkumulation, die er ermöglicht, und die schnelle Institutionalisierung machen ihn jedoch zum Standardmodell des Informationskapitalismus. Folgende Fragen möchte ich stellen: Wird der Überwachungskapitalismus zur vorherrschenden Akkumulationslogik unserer Zeit werden, oder stellt er eine evolutionäre Sackgasse dar - ein mit Zähnen versehener Vogel auf dem langen Entwicklungsweg des Kapitalismus? Und wie könnte ein wirksamer „Impfstoff“ aussehen?

Wahrsagen und Verkaufen: ein altes Handwerk

Eine Heilung hängt von zahlreichen individuellen, sozialen und rechtlichen Anpassungen ab; aber ich bin der Überzeugung, dass die Bekämpfung einer „Krankheit“ nicht ohne ein neuartiges Verständnis jener neuartigen Mechanismen möglich ist, auf deren Grundlage der Überwachungskapitalismus so erfolgreich Investitionen in Kapital verwandelt. In unserer Zeit ist Google für den Überwachungskapitalismus das, was Ford und General Motors vor einem Jahrhundert für die Massenproduktion und den Managerkapitalismus waren: Entdecker, Erfinder, Pionier, Vorbild, führender Umsetzer und Verbreiter. Insbesondere ist Google Mutterschiff und Idealtypus einer neuen ökonomischen Logik, die auf Wahrsagen und Verkaufen basiert: einem alten und ewig lukrativen Handwerk, das seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte die Konfrontation des Menschen mit der Ungewissheit ausbeutet.

Paradoxerweise ist die Gewissheit der Ungewissheit zugleich eine dauerhafte Quelle von Ängsten und eine unserer fruchtbarsten Tatsachen. Sie brachte das universelle Bedürfnis nach sozialem Vertrauen und sozialem Zusammenhalt hervor, die Systeme sozialer Organisation, familiärer Bindungen und legitimer Macht, den Vertrag als formale Anerkennung wechselseitiger Rechte und Pflichten sowie die Theorie und Praxis des sogenannten freien Willens. Wenn wir die Ungewissheit beseitigen, verlieren wir die menschliche Ressource, die in der Herausforderung liegt, angesichts einer stets unbekannten Zukunft Vorhersagbarkeit zu behaupten, und an deren Stelle tritt die Leere einer ständigen Bereitschaft, sich den Plänen anderer Leute zu unterwerfen.

Zu Beginn ein Nebenprodukt

Die meisten führen die Erfolge von Google auf das Werbemodell zurück. Doch die Entdeckungen, die zum raschen Wachstum der Einnahmen und der Marktkapitalisierung des Unternehmens führten, hängen nur zufällig mit der Werbung zusammen. Der Erfolg von Google basiert auf der Fähigkeit, die Zukunft vorauszusagen - und insbesondere die Zukunft des Verhaltens. Von Anfang an hatte Google die als Nebenprodukt anfallenden Daten zum Suchverhalten der Nutzer gesammelt. Zunächst wurden diese Datensammlungen als Abfall behandelt und nicht einmal sicher oder systematisch gespeichert.

Google Glasses of the Future © dapd Vergrößern Die Welt durch die Brille von Google betrachten: Die Brille „Google Glass“ macht es möglich.

Doch schließlich begriff das junge Unternehmen, dass es diese Datensammlungen nutzen konnte, um die eigene Suchmaschine durch einen ständigen Lernprozess zu verbessern. Das Problem war nur, dass die Belieferung der Nutzer mit erstaunlichen Suchergebnissen den gesamten Wert „aufzehrte“, den die Nutzer durch ihre Verhaltensdaten unbeabsichtigt beisteuerten. Es handelte sich um einen in sich geschlossenen Prozess, in dem die Nutzer den eigentlichen Endzweck darstellten. Der gesamte von den Nutzern generierte Wert wurde in Gestalt einer verbesserten Suche in die Nutzererfahrung zurückinvestiert.

In diesem Kreislauf blieb nichts übrig, das Google in Kapital hätte verwandeln können. Solange die Suchmaschine etwa im selben Maße auf Daten über das Verhalten der Nutzer angewiesen war wie die Nutzer auf die Suchmaschine, war es zu riskant, eine Gebühr dafür zu erheben. Google war cool, aber noch kein wirklich kapitalistisches Unternehmen, nur eines der vielen Internet-Start-ups, die Aufmerksamkeit erregten, aber keine Gewinne abwarfen.

Ein historischer Wendepunkt

Als die Dotcom-Blase im März 2000 platzte, erhöhte sich der Druck der Investoren. Damals wählten Inserenten bestimmte Suchbegriffsseiten für ihre Anzeigen aus, weshalb Google den Versuch unternahm, seine Einnahmen zu steigern, indem es seine bereits beträchtlichen analytischen Fähigkeiten auf die Aufgabe konzentrierte, die Nutzerrelevanz der Anzeigen und damit deren Wert für die Inserenten zu erhöhen. In operativer Hinsicht bedeutete dies, dass Google seinen wachsenden Vorrat an Verhaltensdaten auf ein neues Ziel ausrichtete. Nun nutzte man die Daten auch, um Anzeigen und Suchbegriffe aufeinander abzustimmen und dadurch eine Feinsteuerung zu gewährleisten, die das Unternehmen nur dank des Zugangs zu den Verhaltensdaten und dank seiner analytischen Fähigkeiten erreichte.

Heute wissen wir, dass dieser Wandel in der Verwendung von Verhaltensdaten einen historischen Wendepunkt darstellte. Die bislang unbeachteten Verhaltensdaten wurden als „Verhaltensüberschuss“ wiederentdeckt, wie ich dies nennen möchte. Der gewaltige Erfolg des Unternehmens bei der Abstimmung zwischen Anzeigen und Suchbegriffen demonstrierte das Veränderungspotential, das im Verhaltensüberschuss als Mittel zur Generierung von Einnahmen und letztlich zur Umwandlung von Investitionen in Kapital steckte.

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Dieser Überschuss war der alles verändernde kostenlose Aktivposten, den man in ein marktfähiges Produkt verwandeln konnte, statt ihn nur zur Verbesserung der angebotenen Dienstleistung zu verwenden. Entscheidend ist hier, dass dieser neue Markt nicht auf einem Austausch mit Nutzern basiert, sondern mit anderen Unternehmen, die es verstehen, mit Wetten auf das zukünftige Verhalten von Nutzern Geld zu verdienen. In diesem neuen Kontext wurden die Nutzer, die früher der eigentliche Zweck gewesen waren, zu einem Mittel der Gewinnerzielung auf einem neuartigen Markt, auf dem sie weder Käufer noch Verkäufer, noch Produkte darstellen. Die Nutzer sind die Quelle eines kostenlosen Rohstoffs für einen neuartigen Produktionsprozess.

Ein fremder Planet mit eigener Physik

Was da geschah, war die Entdeckung einer erstaunlich profitablen Geschäftsgleichung - einer Reihe gesetzmäßiger Zusammenhänge, die schrittweise zur eigenständigen ökonomischen Logik des Überwachungskapitalismus institutionalisiert wurden. Es war wie ein erstmals gesichteter Planet mit einer eigenen Physik der Zeit und des Raumes, einem siebenundsechzig Stunden langen Tag, einem smaragdgrünen Himmel, umgekehrten Gebirgszügen und trockenem Wasser.

Die Gleichung lautet: Erstens, die Suche nach immer mehr Nutzern und mehr Kanälen, Diensten, Geräten, Orten und Räumen ist unerlässlich für den Zugang zu einem ständig wachsenden Verhaltensüberschuss. Die Nutzer sind der menschliche Rohstoff, der dieses kostenlose Rohmaterial bereitstellt. Zweitens, der Einsatz maschinellen Lernens, künstlicher Intelligenz und der Datenwissenschaften zur ständigen Verbesserung der Algorithmen stellt ein äußerst teures, hochentwickeltes und exklusives „Produktionsmittel“ des 21. Jahrhunderts dar. Drittens, der Produktionsprozess verwandelt den Verhaltensüberschuss in Voraussageprodukte, die aktuelles und zukünftiges Verhalten vorhersagen sollen. Viertens, diese Voraussageprodukte werden auf einem Metamarkt verkauft, auf dem ausschließlich zukünftiges Verhalten gehandelt wird. Je besser (voraussagekräftiger) das Produkt, desto geringer das Risiko der Käufer und desto größer der Verkaufserfolg. Die Gewinne des Überwachungskapitalismus resultieren in erster Linie oder sogar vollständig aus solchen Märkten für zukünftiges Verhalten.

Nicht nur für Werbetreibende interessant

In der Frühgeschichte dieser neuartigen Märkte traten hauptsächlich Werbetreibende als Käufer auf; doch es gibt keinen zwingenden Grund, weshalb das so bleiben müsste. Schon jetzt geht der Trend dahin, dass jeder Akteur, der Interesse daran hat, probabilistische Informationen über unser Verhalten zu nutzen und/oder zukünftiges Verhalten zu beeinflussen, als Käufer auf einem Markt auftreten kann, auf dem das zukünftige Verhalten von Individuen, Gruppen, Körpern und Dingen vorausgesagt und für die Erzielung von Gewinnen genutzt wird. Und so hat sich der Kapitalismus unter unseren Augen verändert: einst Profite aus Produkten und Dienstleistungen, dann Profite aus Spekulation und nun Profite aus Überwachung. Die letztgenannte Veränderung könnte einer der Gründe sein, warum die Explosion des Digitalen bislang keinen wesentlichen Einfluss auf das Wirtschaftswachstum gehabt hat, weil nämlich so viele der daraus erwachsenen Möglichkeiten auf eine zutiefst parasitäre Form von Profit verwendet worden sind.

Die Bedeutung des Verhaltensüberschusses wurde bei Google und schließlich in der gesamten Internetbranche rasch verschleiert durch Etiketten wie „digitale Krümel“ und dergleichen. Diese Euphemismen für den Verhaltensüberschuss wirken wie ideologische Filter nach Art von Etiketten wie „Heiden“, „Ungläubige“, „Götzendiener“, „Primitive“, „Vasallen“ oder „Rebellen“, mit denen man auf den frühesten Karten des nordamerikanischen Kontinents ganze Regionen kennzeichnete. Durch solche Etikettierungen wurden die Ureinwohner, ihre Territorien und Ansprüche aus den moralischen und rechtlichen Gleichungen der Invasoren getilgt und ihr Landraub einschließlich der sonstigen Übergriffe im Namen von Kirche und König legitimiert.

Kaum noch Anspruch auf Selbstbestimmung

Wir sind jetzt die Ureinwohner, deren Ansprüche auf Selbstbestimmung stillschweigend von den Karten unseres eigenen Verhaltens verschwunden sind. Sie wurden getilgt durch einen verblüffenden, dreisten Akt der Enteignung durch Überwachung, der das Recht beansprucht, in seinem Hunger nach Wissen und Einfluss auf unsere Verhalten keinerlei Grenzen zu achten. Wer sich über den logischen Abschluss der Kommerzialisierungsprozesse wundert, dem sei gesagt, dass sie ihren Abschluss in der Enteignung unserer intimsten alltäglichen Realität finden, nun wiedergeboren als Verhalten, das es zu überwachen und zu verändern, zu kaufen und zu verkaufen gilt.

Der Gründungsakt der Enteignung im Dienste einer neuen, auf Profiten aus Überwachung basierenden kapitalistischen Logik ermöglichte es Google, ein kapitalistisches Unternehmen zu werden. Tatsächlich genoss der Google-Gründer Sergey Brin im Jahr 2002 - dem ersten Jahr, in dem Google einen Gewinn erwirtschaftete - seinen Durchbruch in das „System“: „Ehrlich gesagt, als wir noch im Zeitalter des Dotcom-Booms waren, kam ich mir wie ein Trottel vor. Ich hatte ein Internet-Start-up - das hatten alle anderen auch. Ich machte keine Gewinne, wie alle anderen auch, und das war ganz schön hart. Aber als wir dann in die Gewinnzone kamen, hatte ich das Gefühl, dass wir ein echtes Unternehmen aufgebaut hatten.“

Der benötigte Verhaltensüberschuss steigt

Von Überwachungskapitalisten zu verlangen, sie sollten die Privatsphäre achten oder der kommerziellen Überwachung im Internet ein Ende setzen, wäre so, als hätte man Henry Ford dazu aufgefordert, jedes T-Modell von Hand zu fertigen. Solche Forderungen sind existentielle Bedrohungen, die das Überleben der betreffenden Entität gefährden, weil sie deren Grundmechanismen in Frage stellen. Wie könnten wir von Unternehmen, deren wirtschaftliche Existenz vom Verhaltensüberschuss abhängt, verlangen, sie sollten freiwillig auf das Sammeln von Verhaltensdaten verzichten? Nach den Erfordernissen des Überwachungskapitalismus brauchen Google und andere dagegen einen immer größeren Verhaltensüberschuss, den sie in die Entwicklung weiterer Überwachungstechniken stecken, für die Verbesserung der Vorhersage nutzen, auf exklusiven Märkten für zukünftiges Verhalten verkaufen und in Kapital verwandeln können.

Bei Google und seiner neuen Holding Alphabet zum Beispiel zielen alle Operationen und Investitionen darauf ab, den aus Menschen, Körpern, Dingen, Prozessen und Orten in der virtuellen wie auch realen Welt gezogenen Verhaltensüberschuss zu vergrößern. Das ist der Planet mit dem Siebenundsechzigstundentag und dem smaragdgrünen Himmel. Und nur eine soziale Revolte, die den mit der Enteignung des Verhaltens verbundenen Praktiken die kollektive Zustimmung entzieht, wird dem Überwachungskapitalismus die Grundlage entziehen können.

Worin besteht der neue Impfstoff? Wir müssen herausfinden, wie wir in die spezifischen Mechanismen der Erzielung von Überwachungsprofiten eingreifen und dabei der liberalen Ordnung im kapitalistischen Projekt des 21. Jahrhunderts wieder den Vorrang sichern können. Hier ist allerdings eines zu bedenken: Mit dem Vorwurf der Monopolbildung gegen Google oder andere Überwachungskapitalisten vorzugehen hieße, ein Problem des 21. Jahrhunderts mit einer Lösung des zwanzigsten Jahrhunderts anzugehen, die zwar immer noch bedeutsam bleibt, aber das Geschäftsmodell des Überwachungskapitalismus nicht wirklich trifft.

Der Verkauf unserer Berechenbarkeit muss reguliert werden

Wir brauchen neuartige Eingriffe, die zentrale Faktoren dieses Modells behindern, verbieten oder einer Regulierung unterwerfen, und diese zentralen Faktoren sind: Erstens, die Gewinnung des Verhaltensüberschusses; zweitens, die Nutzung des Verhaltensüberschusses als kostenloser Rohstoff; drittens, die exzessive und exklusive Konzentration der neuen Produktionsmittel; viertens, die Erzeugung von Voraussageprodukten; fünftens, der Verkauf von Voraussageprodukten; sechstens, die Verwendung von Voraussageprodukten zu Zwecken der Modifizierung, Beeinflussung und Kontrolle; und, siebtens, die Monetarisierung dieser Operationen. Das ist notwendig für die Gesellschaft, für die Menschen, für die Zukunft, aber es ist auch unerlässlich für eine gesunde weitere Entwicklung des Kapitalismus.

Im herkömmlichen Narrativ der Bedrohung unserer Privatsphäre ist die institutionelle Geheimhaltung gewachsen, während individuelle Datenschutzrechte erodiert sind. Diese Darstellung ist irreführend, Privatsphäre und Geheimhaltung sind keine Gegensätze, sondern Momente einer Folge. Geheimhaltung ist eine Wirkung, der Schutz der Privatsphäre die Ursache. Die Ausübung des Rechts auf den Schutz der Privatsphäre bringt Wahlmöglichkeiten hervor, das heißt, man kann wählen, ob man etwas geheim hält oder mitteilt. Aus dem Datenschutz ergeben sich Entscheidungsrechte, doch diese Entscheidungsrechte sind lediglich der Deckel auf der Büchse der Pandora unserer freiheitlichen Ordnung. Innerhalb der Büchse treffen politische und ökonomische Souveränität mit noch tieferen, subtileren Dingen zusammen und vermischen sich mit ihnen: mit der Idee des Individuums, der Entstehung des Ich, der Erfahrung des freien Willens.

Eine neue Dimension sozialer Ungleichheit

Der Überwachungskapitalismus führt zu keiner Erosion der Entscheidungsrechte - zusammen mit deren Ursachen und Wirkungen -, sondern zu einer Neuverteilung. Nun haben nicht mehr viele Menschen einige Rechte, vielmehr konzentrieren sich diese Rechte innerhalb des Überwachungsregimes und eröffnen damit eine neue Dimension sozialer Ungleichheit. Der Überwachungskapitalismus reicht über den herkömmlichen institutionellen Bereich des Privatunternehmens hinaus.

Er akkumuliert nicht nur Überwachungstechniken und Kapital, sondern auch Rechte. Diese einseitige Umverteilung von Rechten stützt ein privat verwaltetes Regime zur Sicherung von Folgebereitschaft durch Belohnung und Strafe, das sich nur schwer aufdecken oder sanktionieren lässt. Es arbeitet nicht mit sinnvollen Mechanismen der Zustimmung, und zwar weder nach dem traditionellen, mit Märkten verbundenen Muster von „Abwanderung, Widerspruch und Loyalität“ noch in Gestalt demokratischer Kontrolle nach dem Muster von Recht und Regulierung.

Die Menschen lassen sich ihre Souveränität nehmen

Im Ergebnis bringt der Überwachungskapitalismus eine zutiefst antidemokratische Macht hervor, die einem Putsch nahekommt, allerdings keinem coup d’état im herkömmlichen Sinne, der dem Staat gilt, sondern einem coup des gens, der den Menschen ihre Souveränität nimmt. Er stellt Prinzipien und Praktiken der Selbstbestimmung - im psychischen und sozialen Leben, in Politik und Regierung - in Frage, für die die Menschheit lange gelitten und große Opfer gebracht hat. Schon aus diesem Grunde sollte man diese Prinzipien nicht dem einseitigen Streben eines entstellten Kapitalismus opfern. Noch schlimmer wäre es indessen, wenn wir sie aus Unwissenheit, erlernter Hilflosigkeit, Unaufmerksamkeit, Bequemlichkeit, Gewöhnung oder Gleichgültigkeit aufgäben. Dies ist jedenfalls der Boden, auf dem unser Kampf um die Zukunft ausgetragen wird.

Die bloße Tatsache des Überwachungskapitalismus löst Empörung aus, weil sie die Würde des Menschen verletzt. Die Zukunft dieses Narrativs wird von den empörten Wissenschaftlern und Journalisten abhängen, die sich an diese Front begeben, von empörten Volksvertretern und Politikern, die begreifen, dass ihre Autorität in den Werten demokratischer Gemeinschaften gründet, und von empörten Bürgern, die in dem Wissen agieren, dass Effizienz ohne Autonomie nicht effizient, aus Abhängigkeit resultierende Folgebereitschaft kein Gesellschaftsvertrag und Freiheit von Ungewissheit keine Freiheit ist.

Glosse

Dumme Kinder

Von Kerstin Holm

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