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Ökonomie der Überwachung : Daten, die das Leben kosten

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Der Schritt zur maschinellen Entscheidung über Leben und Tod: die Drohne Taranis, benannt nach dem keltischen Gott des Donners. Bild: AP

Die digitalen Supermächte sind dabei, jedem ein Preisschild anzukleben. Es geht um eine gesellschaftliche Neuordnung. Über die Tricks der Mitspieler: die City of London Inc. hat ein paar richtig fiese im Angebot.

          Wie kann man ernsthaft einen neuen Internetoptimismus fordern, der doch wieder enttäuscht würde? Oder, schlimmer: sich womöglich nochmals als naiv erwiesen? Die Antwort: Der Preis erneuter Enttäuschung ist gering, es gibt keine sinnvolle Alternative zu einem neuen Netzoptimismus. Zu einem, der Kritik ernst nimmt und integriert, statt mit Spott zu reagieren oder gar nicht. Sein Ziel wäre, die digitale Vernetzung der Gesellschaft zu menschenwürdigen Bedingungen voranzutreiben und ohne wesentliche Werte der Aufklärung in einem Klosett in Langley herunterspülen zu lassen.

          Die konkreteste Gefahr ist gezielte Tötung

          Der Schlüsselsatz aus Martin Schulz’ kämpferischem Debattenbeitrag zur digitalen Vernetzung in dieser Zeitung lautet: „Wenn der Bürger nur zum Wirtschaftsobjekt degradiert wird und der Staat ihn unter Generalverdacht stellt, kommt es zu einer gefährlichen Verbindung von neoliberaler und autoritärer Ideologie.“ Das ist nachvollziehbar, neoliberal und autoritär, die Singapurisierung Europas kann niemand wollen.

          Weil aber das Vage die Debatte zur digitalen Sphäre vergiftet, ist es für das Verständnis des kommenden Kampfes essentiell, der konkreten Gefahr nachzuspüren, statt sie diffus zu beschwören. Am besten beginnt man bei der radikalsten Konsequenz der Datensammlung: der gezielten Tötung.

          Seit 2011 sind die sogenannten Signature Strikes der Vereinigten Staaten bekannt, ferngesteuerte Exekutionen per Drohne. Betroffen sind Personen und Gruppen, die nicht verurteilt oder auch nur angeklagt wurden. Oft genug trifft es zufällig Danebenstehende. Der republikanische Senator Lindsey Graham, der der Übertreibung um des Friedens willen unverdächtig ist, sprach Anfang 2013 von bis dahin 4700 Drohnentoten.

          „Ich habe nur Befehle ausgeführt“

          Noch scheint die Tötungsentscheidung von Menschen getroffen zu werden – spitzenwiderlich, und doch nur das Vorspiel künftiger Perversionen. Die Drohne „Taranis“ des britischen Rüstungsunternehmens BAE Systems – Großlieferant der amerikanischen Regierung – wurde im Februar 2014 vorgestellt. Gesteuert wird sie durch ein „fully autonomous intelligent system“, ein schwiemeliger Euphemismus für den kybernetischen Horrorklassiker: Die Drohne kann autonom identifizieren, wen sie wo und wann tötet. Eine digitale Todesschwadron, bei der aus einem Bug ein Zufallsmord werden kann.

          „Es lohnt sich zu kämpfen, weil ein positiver Ausgang möglich ist“, schreibt Sascha Lobo und fordert einen neuen Internetoptimismus.
          „Es lohnt sich zu kämpfen, weil ein positiver Ausgang möglich ist“, schreibt Sascha Lobo und fordert einen neuen Internetoptimismus. : Bild: dpa

          Laut BAE muss stets der Mensch einen Angriff prüfen und genehmigen, technisch zwingend wäre es mit Taranis nicht mehr. Und die Institutionen, die diese Drohne einsetzen werden, sind bisher nicht unbedingt durch begeisterte Einhaltung rechtsstaatlicher Regeln aufgefallen. Sondern durch maßloses Ausschöpfen jeder technischen Machbarkeit. Der Blick in das Funktionskonzept dieser automatisierten Mordtechnologie offenbart die zivilisatorische Kälte einer datengetriebenen Ideologie. Es ist eine dunkle Ideologie der vermeintlichen Alternativlosigkeit: „Ich habe nur Befehle ausgeführt“ im Maschinengewand.

          Bei Anruf Mord

          Die Entscheidung, wer zu töten sei, folgt einem neuen Paradigma der Datenverarbeitung namens „Patterns of Life Analysis“, grob zu übersetzen mit Verhaltensmuster-Analyse. Vereinfacht erklärt, basiert es auf Profilen und Wahrscheinlichkeiten. Für sich genommen, ist dieses Paradigma weder gut noch schlecht. Allerdings erfordert es einen ständigen Datenstrom, denn solche Wahrscheinlichkeiten altern schnell.

          Im Fall der Drohnenmorde werden anhand der SIM-Karten in Mobiltelefonen Profile angelegt und per Überwachung angereichert, hauptsächlich mit den sogenannten Metadaten. Die Abkürzung ABI (activity-based intelligence) steht dafür, dass jede ausspionierte Aktivität in die Berechnung einfließt: SMS an besondere Adressaten, die Anwesenheit des Handys am falschen Ort zur falschen Zeit, Anrufe bei einer bestimmten Nummer. Es ergibt sich nach den Patterns of Life eine Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei einem Profil um einen Terroristen handeln könnte.

          Berechnete Wahrscheinlichkeiten entscheiden über Leben und Tod

          Irgendwann wird durch die Akkumulation einer Vielzahl von Datenströmen – Accumulo heißt das dabei verwendete Datenbanksystem der NSA – ein willkürlich gesetzter Wert überschritten. Die Person zum Profil wird dann nicht mehr als wahrscheinlicher Terrorist betrachtet, sondern als Terrorist. Das ist ihr Todesurteil.

          Und die Berechnungsmethode ist der Grund, weshalb regelmäßig Leute ermordet werden, deren Name nicht einmal bekannt ist, wie das „Wall Street Journal“ enthüllte. An diesem Punkt schlagen die Patterns of Life um in die Patterns of Death, der tödlichen Gewissheit eines Datenmodells, verdichtet zu einer horriblen Ideologie. Ihr Kern: Nach willkürlichen Kriterien berechnete Wahrscheinlichkeiten werden als Realität angesehen. Dann wird danach gehandelt, selbst wenn das bedeutet, einen glasklaren Mord zu verüben.

          Der Glaube an die endgültige Berechenbarkeit der Welt

          Das ist das ideologische Fundament für den Spähwahn der Geheimdienstmaschinerie: die Überzeugung, zur eindeutigen Wahrheit zu gelangen, wenn man die Maschine bloß mit ausreichend vielen Daten füttert. Der Soziologe Dirk Baecker gab im November 2013 einen Hinweis darauf, wie diese geheimdienstliche Realitätskonstruktion zurückwirkt auf die Politik: „Geheimdienste arbeiten nur dann stabil und damit unter politischer Kontrolle, wenn sie jede ihrer Informationen für instabil halten müssen. Denn nur unter der Bedingung instabiler Informationen müssen sie deren Bewertung der Politik überlassen. Im Falle aller eindeutigen Informationen behalten sie das Deutungsmonopol und können darauf ihre Autonomieansprüche und ihren Einfluss begründen.“

          Der Glaube an die endgültige Berechenbarkeit der Welt wird gestützt von einem Apparat, dessen Macht ins schier Unendliche wächst, wenn die Politik auch daran glaubt. In diesem Fall aber werden immer weniger Einzelentscheidungen gebraucht, sondern immer mehr und mehr Daten. Das ist das Gruseligste an dieser Ideologie: Sie konstruiert aus einem Wust von Daten eine vermeintliche Realität, in der keine persönliche Verantwortung mehr für maschinell getroffene und ausgeführte Entscheidungen übernommen werden muss.

          Die Virtualisierung der Verantwortung

          Diese datengetriebene Ideologie zielt auf eine Entpolitisierung der Macht, auf die Virtualisierung der Verantwortung. Und damit auf die Aushöhlung der Demokratie. Und es handelt sich nicht um ein isoliertes Phänomen der Terrorbekämpfung.

          Denn der Fortschritt selbst – die sozialen Medien mit neuen Datenkategorien, die Beherrschbarkeit großer Datenmengen, die Robotik – hat nebenbei die Bereitschaft erhöht, mehr und wichtigere Entscheidungen der Maschine zu überlassen. Je komplexer die Aufgaben, die Maschinen sichtbar bewältigen, desto mehr unterstellt man eine Lösungsintelligenz. Die muss aber gar nicht vorhanden sein, ein Staubsaugerroboter hat nicht die geringste Ahnung vom Staubsaugen, er kann es bloß. Schon gar nichts weiß er über Hygiene.

          Bei der Übertragung von Entscheidungsgewalt an die Maschine spielt auch die Erkenntnis von Joseph Weizenbaum eine Rolle, nach der Menschen dazu neigen, berechnete Ergebnisse eines Computers absonderlich ernst zu nehmen, eine Schwester von Horkheimers instrumenteller Vernunft.

          Datenschutz als größter Feind von Google & Co.

          Mit maschinell produzierter Gewissheit in einer ungewissen Welt drängt sich die Ideologie in alle Lebensbereiche, indem sie Wahrscheinlichkeit als Wahrheit verkauft samt zwingender Handlungsanweisung. Weil dafür persönliche Daten benötigt werden, ist Datenschutz ihr erster und größter Feind. Die Suche nach weiteren Schlachtfeldern dieser Ideologie führt deshalb nach Brüssel und Straßburg, wo lange die Europäische Datenschutz-Grundverordnung verhandelt wurde, die im Jahr 2014 beschlossen werden soll.

          Eine Reihe Lobbygruppen haben sich dabei eingebracht. Der Markt rund um Daten ist so groß, dass sich diese teuren Investitionen schon lohnen, wenn am Ende bloß ein Geschäfte erschwerender Halbsatz wegfällt. Das hat nicht zwingend mit der beschriebenen Ideologie zu tun, natürlich lassen sich Daten ebenso positiv nutzen.

          Mehr noch, die gesamte Ökonomie transformiert sich zur Datenökonomie, die digitale Vernetzung und ihre Datenflüsse sind das Nervensystem der kommenden Wirtschaft. Und doch lohnt ein Blick auf die Datenschutzgegner in Brüssel. Wenig überraschend finden sich darunter Facebook, Google, Microsoft. Ebenso deutsche Adresshändler, die Zeitschriften- und die Marketingbranche. Zu den aggressivsten aber gehört die Gemeindeverwaltung der Londoner Innenstadt, die City of London Corporation. Huch?

          Die Entmachtung der Bürger in Londons Innenstadt

          Als gewählte Instanz kann sie wesentlich besser politischen Einfluss nehmen, manchmal agiert sie sogar mit dem Mandat der britischen Regierung. In Wahrheit ist die City of London ein Monstrum. Ihre wichtigste Mission laut Website: „Wir unterstützen und fördern die City of London als weltweit führend in der internationalen Finanzwirtschaft.“ Das ist kein Zufall. Denn bei der Wahl der Gemeindevertreter können auch Unternehmen abstimmen. Nach der Zahl ihrer Mitarbeiter. 2009 hatten deshalb rund 8000 Bürger jeweils eine Stimme. Die ansässigen Unternehmen konnten 24000 Stimmen abgeben.

          Die Gemeindeverwaltung der Londoner Innenstadt wird faktisch von Finanzkonzernen bestimmt, eine einzigartige Pervertierung der Demokratie. Schön und gut oder vielmehr schlimm und schlecht – aber was hat das mit der Ideologie hinter Patterns of Life und der künftigen Entwicklung des Internets zu tun?

          Der individuelle Wert eines jeden Kunden

          Leider alles. Denn die Aggression der Politik gewordenen Bankenlobby gegen die Datenschutz-Grundverordnung markiert den Kampf um einen zukünftigen Markt im Netz: „Das größte Geschäft mit privaten Daten werden die Risikoabschätzung und die individualisierte Berechnung des Werts eines Kunden sein“, sagt Jan-Philipp Albrecht, grüner Europaparlamentarier und eine der treibenden Kräfte hinter der Datenschutz-Grundverordnung.

          Mit diesem Markt beginnt die dunkle, deterministische Datenideologie spürbar auch in das Leben des deutschen Durchschnittsbürgers einzugreifen. Und nicht nur in das von jemenitischen Hochzeitsgesellschaften wie der zwölfköpfigen, deren Auslöschung per Drohne im Dezember 2013 durch ein datenbasiertes Versehen geschah.

          Schon 2011 sicherte sich Google, übrigens Inhaber einer weltweiten Bankenlizenz, ein Patent auf das sogenannte Dynamic Pricing. Dabei wird in Online-shops kein gleichbleibender Preis für eine Ware angezeigt, sondern ein individuell berechneter, den genau dieser Kunde zu zahlen bereit sein könnte. Das geschieht, natürlich, über Profilbildung und Wahrscheinlichkeit, und obwohl die konkreten Formeln nicht bekannt sind, könnte alles einfließen, was das Unternehmen über einen Nutzer weiß, die Suchhistorie, der Wohnort, die abgeschätzte Kreditwürdigkeit, das Kaufverhalten im Android Appstore oder das Bewegungsprofil des Smartphones – Verhaltensmuster eben. Laut Googles Patentschrift könnten bestimmte Kunden überzeugt werden, für ein Produkt bis zu viermal mehr zu bezahlen als andere.

          Der Missbrauch von Kundendaten ohne deren Wissen

          Beim Online-Einkaufen automatisch über den Tisch gezogen zu werden ist zweifellos schöner, als beim Heiraten automatisch von einer Drohne zerfetzt zu werden. Der ideologische Ansatz dahinter ist derselbe: Die persönlichen Daten eines Individuums werden automatisiert und ohne sein Wissen zu seinem Schaden missbraucht.

          Ob man bestimmte Produkte überhaupt noch angezeigt bekommt, ob man eine Flugreise antreten darf, ob man einen Job bekommt, ob man als Mieter einer Wohnung taugt – das Modell kann quer durch die digitale Gesellschaft angewendet werden, der Konsument oder Bürger wird, den Wahrscheinlichkeiten folgend, in seiner Handlungsfreiheit beschnitten. Ohne dass er sich substantiell wehren könnte oder auch nur Einblick in die Profile und Berechnungen bekäme, die sein Leben bestimmen.

          „Wer hat, dem wird gegeben.“

          Die City of London treibt einen tiefen Finanzmarkt der Zukunft voran, in dem persönliche Daten zusammengeführt werden, um zum Beispiel das Wertschöpfungspotential einer Person zu berechnen. Daraus ergibt sich, wie viel ein Unternehmen maximal in einen Rabatt investieren könnte, um den Interessenten zum Kunden zu machen. Ebenso ließe sich für jede Person in jeder Situation vermeintlich bestimmen, wie hoch das Risiko eines Zahlungsausfalls ist, welche Produkte zu welchen Preisen mit welchen Zahlungsmethoden und welcher Finanzierung man ihr anbieten kann und welche nicht.

          Die ultraneoliberale Seite dieser Ideologie offenbart sich hier. Wer arm ist und sich ein Produkt nur mit Mühe leisten kann, bekommt es teurer angeboten. Wer reich ist und damit ein potentiell attraktiver Kunde, bekommt das gleiche Produkt in berechenbarer Erwartung zukünftiger Umsätze verbilligt, „Wer hat, dem wird gegeben.“ Um diesen Schatz zu heben, versuchen Internetkonzerne, Informationsdealer und Investmentbanken im Verein, die Mitbestimmung der europäischen Bürger über ihre Daten auszuhebeln.

          „Wir wissen mehr oder weniger, woran Sie denken.“

          Seine passgenaue Ergänzung findet dieser zukünftig größte Markt im Internet im derzeit größten Markt im Internet, der Werbung. Der überwiegende Teil heutiger Internetwerbung hat nichts mehr zu tun mit den romantischen Kreativitätsmythen von „Mad Men“ bis „39,90“. Onlinewerbung ist zum privatwirtschaftlichen Arm der digitalen Totalüberwachung mutiert, nur dass es hier um Kauf- und nicht um Killwahrscheinlichkeit geht.

          Bezogen auf Smartphone-Ortung und Suchhistorie, sagte Google-Aufsichtsrat Eric Schmidt 2010: „Wir wissen, wo Sie sind. Wir wissen, wo Sie waren. Wir wissen mehr oder weniger, woran Sie denken.“ NSA-Chef Keith Alexander hätte es kaum anders formulieren mögen.

          Schmidt sagt solche beängstigenden Sätze, weil die Werbeindustrie Werbung für effizienter hält, wenn man die Zielgruppe so präzise wie irgend möglich kennt. Bis in die intimsten, womöglich kaufentscheidenden Details der Patterns of Life hinein.

          Im Oktober 2013 wurde in der Werbefachzeitschrift „Adweek“ eine Studie besprochen, nach der bei Frauen montags die Wahrscheinlichkeit am höchsten sei, sich hässlich zu fühlen. Deshalb sei dies der richtige Zeitpunkt, um ihnen entsprechende Kosmetik anzupreisen. Die Autorin der Studie war Chefstrategin einer Agentur, die zu Publicis Omnicon gehört, der größten Werbeholding der Welt.

          Alle Daten analysieren bis sich Muster des Lebens ergeben

          Der Moment der Verzweiflung als Marktvorteil – es gibt kaum persönliche Daten, die nicht auf die ein oder andere Weise verwertbar wären. Hier ist der Kristallisationspunkt der digitalen Überwachung, alles sammeln, alles aggregieren, alles auswerten, denn alles kann wichtig sein, die Muster, die das Leben ergeben.

          Diese datensüchtige Ideologie ohne jeden Respekt vor der Würde des Einzelnen ist die Parallele zwischen staatlicher und privatwirtschaftlicher Überwachung, zwischen radikalisierten Geheimdiensten, skrupelloser Finanzwirtschaft und aggressiven Werbekonzernen. Weil die wesentlichen Prozesse im Verborgenen ablaufen müssen, um effizient zu funktionieren und Gegenmaßnahmen zu erschweren, ist neben Datenschutz auch Transparenz ein Feind dieser Ideologie.

          Die Abschaffung der digitalen Privatsphäre im Namen der Effizienz

          Natürlich ist ein Drohnenmord etwas völlig anderes als ein zum Zeitpunkt größten Unbehagens angebotenes Schminkset oder ein Job, den man nicht bekommt, weil irgendeine Profilberechnung eine geringe Erfolgswahrscheinlichkeit ergibt. Die Verbindung aber besteht in der Abschaffung der digitalen Privatsphäre zum Zweck der Effizienzsteigerung und in der Zuordnung einer Person zu einem Profil, ohne dass sie darauf den geringsten Einfluss hätte. Oder auch nur davon wüsste.

          Weil daraus am Ende lebens- und sterbensbestimmende Entscheidungen getroffen werden, handelt es sich um eine Ideologie im Marxschen Sinn, um „ein Gebäude, das zur Verschleierung und damit zur Rechtfertigung der eigentlichen Machtverhältnisse dient“. Diese selbstherrliche Ideologie begreift das Leben aller ausschließlich als Datenmodell und beraubt sie individualisiert nach rechnerisch konstruiertem Gutdünken ihrer digitalen Handlungsmöglichkeiten. In einer hypervernetzten Zukunft ist das nichts anderes als die Beschneidung der Freiheit. Gegen diese Ideologie anzukämpfen heißt deshalb, für eine freie und offene Gesellschaft zu kämpfen.

          Der Kampf um das gute Ende der digitalen Vernetzung

          Das aber kann nur mit der digitalen Vernetzung, mit dem Internet geschehen und nicht dagegen. Es geht nicht um die Ablehnung des Fortschritts, sondern um dessen Richtung. Deshalb braucht man – einen neuen Internetoptimismus. Die irreversible Verschmelzung der Netzwelt mit der Restwelt bedeutet, dass Netzoptimismus in seiner Wirkung identisch ist mit Gesellschaftsoptimismus: Es lohnt sich zu kämpfen, weil ein positiver Ausgang möglich ist. Der Weg dorthin beginnt damit, die Ideologie unwirksam zu machen, indem die Erhebung, Zusammenführung und Auswertung von Daten zu angereicherten Profilen nach präzise definierten Regeln geschieht, indem jeder Einsicht in und Kontrolle über seine Profile als Recht zugesprochen bekommt. Und indem man dem digitaldeterministischen Gesellschaftsbild entgegentritt, mit dem eine vollständig markt- und machtkonforme Welt erschaffen werden soll.

          Sascha Lobo, Jahrgang 1975, ist einer der bekanntesten Internet-Experten Deutschlands. Auf den Artikel von Martin Schulz „Warum wir jetzt kämpfen müssen“ antworteten bisher Evgeny Morozov, Juli Zeh, Shoshana Zuboff, Gerhart Baum , Christian Lindner und Christiane Benner.

          Quelle: F.A.Z.

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