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Veröffentlicht: 01.04.2014, 18:37 Uhr

Ökonomie der Überwachung Daten, die das Leben kosten

Die digitalen Supermächte sind dabei, jedem ein Preisschild anzukleben. Es geht um eine gesellschaftliche Neuordnung. Über die Tricks der Mitspieler: die City of London Inc. hat ein paar richtig fiese im Angebot.

von Sascha Lobo
© AP Der Schritt zur maschinellen Entscheidung über Leben und Tod: die Drohne Taranis, benannt nach dem keltischen Gott des Donners.

Wie kann man ernsthaft einen neuen Internetoptimismus fordern, der doch wieder enttäuscht würde? Oder, schlimmer: sich womöglich nochmals als naiv erwiesen? Die Antwort: Der Preis erneuter Enttäuschung ist gering, es gibt keine sinnvolle Alternative zu einem neuen Netzoptimismus. Zu einem, der Kritik ernst nimmt und integriert, statt mit Spott zu reagieren oder gar nicht. Sein Ziel wäre, die digitale Vernetzung der Gesellschaft zu menschenwürdigen Bedingungen voranzutreiben und ohne wesentliche Werte der Aufklärung in einem Klosett in Langley herunterspülen zu lassen.

Die konkreteste Gefahr ist gezielte Tötung

Der Schlüsselsatz aus Martin Schulz’ kämpferischem Debattenbeitrag zur digitalen Vernetzung in dieser Zeitung lautet: „Wenn der Bürger nur zum Wirtschaftsobjekt degradiert wird und der Staat ihn unter Generalverdacht stellt, kommt es zu einer gefährlichen Verbindung von neoliberaler und autoritärer Ideologie.“ Das ist nachvollziehbar, neoliberal und autoritär, die Singapurisierung Europas kann niemand wollen.

Weil aber das Vage die Debatte zur digitalen Sphäre vergiftet, ist es für das Verständnis des kommenden Kampfes essentiell, der konkreten Gefahr nachzuspüren, statt sie diffus zu beschwören. Am besten beginnt man bei der radikalsten Konsequenz der Datensammlung: der gezielten Tötung.

Seit 2011 sind die sogenannten Signature Strikes der Vereinigten Staaten bekannt, ferngesteuerte Exekutionen per Drohne. Betroffen sind Personen und Gruppen, die nicht verurteilt oder auch nur angeklagt wurden. Oft genug trifft es zufällig Danebenstehende. Der republikanische Senator Lindsey Graham, der der Übertreibung um des Friedens willen unverdächtig ist, sprach Anfang 2013 von bis dahin 4700 Drohnentoten.

„Ich habe nur Befehle ausgeführt“

Noch scheint die Tötungsentscheidung von Menschen getroffen zu werden – spitzenwiderlich, und doch nur das Vorspiel künftiger Perversionen. Die Drohne „Taranis“ des britischen Rüstungsunternehmens BAE Systems – Großlieferant der amerikanischen Regierung – wurde im Februar 2014 vorgestellt. Gesteuert wird sie durch ein „fully autonomous intelligent system“, ein schwiemeliger Euphemismus für den kybernetischen Horrorklassiker: Die Drohne kann autonom identifizieren, wen sie wo und wann tötet. Eine digitale Todesschwadron, bei der aus einem Bug ein Zufallsmord werden kann.

Sascha Lobo © dpa Vergrößern „Es lohnt sich zu kämpfen, weil ein positiver Ausgang möglich ist“, schreibt Sascha Lobo und fordert einen neuen Internetoptimismus.

Laut BAE muss stets der Mensch einen Angriff prüfen und genehmigen, technisch zwingend wäre es mit Taranis nicht mehr. Und die Institutionen, die diese Drohne einsetzen werden, sind bisher nicht unbedingt durch begeisterte Einhaltung rechtsstaatlicher Regeln aufgefallen. Sondern durch maßloses Ausschöpfen jeder technischen Machbarkeit. Der Blick in das Funktionskonzept dieser automatisierten Mordtechnologie offenbart die zivilisatorische Kälte einer datengetriebenen Ideologie. Es ist eine dunkle Ideologie der vermeintlichen Alternativlosigkeit: „Ich habe nur Befehle ausgeführt“ im Maschinengewand.

Bei Anruf Mord

Die Entscheidung, wer zu töten sei, folgt einem neuen Paradigma der Datenverarbeitung namens „Patterns of Life Analysis“, grob zu übersetzen mit Verhaltensmuster-Analyse. Vereinfacht erklärt, basiert es auf Profilen und Wahrscheinlichkeiten. Für sich genommen, ist dieses Paradigma weder gut noch schlecht. Allerdings erfordert es einen ständigen Datenstrom, denn solche Wahrscheinlichkeiten altern schnell.

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