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Veröffentlicht: 07.02.2014, 17:10 Uhr

Evgeny Morozov antwortet auf Martin Schulz Wider digitales Wunschdenken

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz plädiert für eine neue linke Bewegung. Doch dafür muss die Linke erst einmal lernen, die zahlreichen Schichten technologischer Mystifizierung zu durchdringen. 

von Evgeny Morozov
© Nora Klein Nachdenklich: Evgeny Morozov fordert eine gerechte Verteilung der Macht. Er hält die Diskussion über neue Technologien für einen Kampf mit Schatten, der verdrängt, was wirklich wichtig ist.

Wenn es eine neue Technologie einzuschätzen gilt, ob nun ein ausgefallenes System zur biometrischen Identifizierung oder eine App zur Prüfung unserer Gesundheit, erhalten wir in der Regel drei Reaktionen. Technopessimisten lehnen sie rundheraus ab – sie hassen Technik und alles, was sie mit sich bringt. Technooptimisten empfangen sie mit offenen Armen, weil sie den Fortschritt lieben – und wie könnte Technologie uns etwas anderes als Fortschritt bringen? Technoagnostiker schließlich verweisen darauf, dass jede Technik gut und böse sein könne. Mir erscheint der Agnostizismus die richtige Einstellung zu sein, und ich habe das Gefühl, dass auch Martin Schulz diese Haltung einnimmt.

(English Version: „Digital Thinking? Wishful Thinking!“)

Aber es gibt zwei Arten von Agnostizismus. Es gibt einen naiven Agnostizismus, einen Agnostizismus der Gleichwahrscheinlichkeit, der es für ebenso wahrscheinlich hält, dass eine bestimmte Technologie zu guten oder zu schlechten Zwecken eingesetzt wird. Diese Haltung erfordert offensichtlich einen ans Religiöse grenzenden Glaubenssprung. Wie ist solch eine intellektuelle Sicht möglich? Sie ist nur dann möglich, wenn wir vergessen, dass die Welt, in der diese Technologie zum Einsatz kommt – also unsere Welt –, von Ungleichheit (der Macht und des Geldes) geprägt und von Konflikten getrieben ist. Ja, in einer idealen Welt profitiert alles gleichermaßen von jeder Technologie. Aber in unserer Welt sind Nutzen und Schaden einer Technologie ungleich verteilt, und eine gerechtere Verteilung ist das wichtigste politische Projekt unserer Zeit.

Gesamtgesellschaftliche Betrachtung

Der Grund, weshalb ein naiver Agnostizismus dieser Art sich in unseren Köpfen hat festsetzen können, hängt mit unserem Hang zusammen, Technologie so zu behandeln, als bewegte sie sich in einem einzigartigen, autonomen Bereich und wäre gleichsam hermetisch vom schädlichen Einfluss der „Gesellschaft“ oder der „Wirtschaft“ abgeschlossen. Die Anhänger dieses naiven Agnostizismus leiden an einer perversen Form sozialer Amnesie. Wenn sie zur Einschätzung einer bestimmten Technologie aufgefordert werden, antworten sie mit der These, unser gesamtes – aus Geschichte, Politikwissenschaft, Ökonomie stammendes – Wissen über die Welt sei ungültig, und wir müssten unsere Analyse ganz von vorn beginnen, ohne irgendwelche Makrostrukturen zu unterstellen, ob nun Kapitalismus, Neoliberalismus oder den militärisch-industriellen Komplex.

Diese Tyrannei der Mikroperspektive schmuggelt intellektuelle Engstirnigkeit und die seichteste Form eines methodologischen Individualismus durch die Hintertür ein, so dass man uns am Ende sagt, alles hänge von unserer Entscheidung ab, wie wir eine bestimmte Technologie nutzen wollten – also von individuellen Akteuren, die jeweils ihre eigenen rationalen Ziele verfolgen, als bewegten diese Ziele sich nicht bereits in einem vorgegebenen Rahmen aus politischen, ökonomischen und Sicherheitserwägungen.

Mut zur Bewertung!

Zum Glück gibt es daneben auch den gutinformierten, radikalen Agnostizismus, der es ablehnt, Technologie als etwas außerhalb der Gesellschaft Stehendes zu begreifen. Das ist die von Martin Schulz in seinem Beitrag „Warum wir jetzt kämpfen müssen“ gewählte Sicht (F.A.Z. vom 6. Februar). Es ist eine Haltung, die unser vorhandenes Wissen über die Welt in den Dienst der edlen Aufgabe einer Voraussage stellt, ob eine bestimmte Technologie sich in den Rahmen des Emanzipations- oder in den des Versklavungsprojekts einfügt. Diese Einstellung verwehrt sich selbst den Luxus der sozialen Amnesie, denn sie weiß, dass es viel Böses in der Welt gibt, dass NSA und Wall Street keine Wohltäter sind, die den Vorteil des Zweifels verdienten, dass die meisten Unternehmen von Profitstreben getrieben sind und, sich selbst überlassen, nur zu gerne ihre Arbeiter wie Maschinen und die Gesellschaft insgesamt als Reservoir an kostenlosen Ressourcen behandelten, die es auszubeuten gilt.

Das ist die politische und ökonomische Umgebung, in die neue Technologien eingeführt werden. Es wäre naiv, wenn man meinte, diese neuen Technologien hätten nichts mit der Förderung oder Unterdrückung bestehender sozialer Zielsetzungen zu tun – denen des Staates, von Unternehmen, von sozialen Bewegungen. Wer zum Beispiel meint, ein ausgefallenes System zur biometrischen Identifizierung könne für gute und für schlechte Zwecke eingesetzt werden, und zwar mit gleicher Wahrscheinlichkeit für beide Szenarien, der gibt sich einem heimtückischen Wunschdenken hin und tut so, als wüssten wir nichts vom Expansionsstreben des Sicherheitsstaates, von der Behandlung der Migranten durch diesen Staat und von der Logik des Datensammelns, die die biometrische Industrie antreibt.

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