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Die EU und die digitale Revolution : Ich bin nicht naiv, und Europa darf es auch nicht sein

  • -Aktualisiert am

In diesem beispiellosen Epochenwandel steht alles auf dem Spiel: Neelie Kroes Bild: picture alliance / dpa

Was ist eigentlich so schlimm daran, dass ich ein Armband trage, das meine Daten ans Netz sendet? Die Frage ist, welche Antworten die Europäische Union auf die digitale Revolution geben kann. Wir stehen vor einer beispiellosen Herausforderung an die europäische Politik, denn wir erleben gerade, wie ein neues Menschenbild geschaffen wird.

          Als ich in der Öffentlichkeit mein schwarzes Armband zeigte, mit dem ich auf elektronischem Weg meine täglichen Übungen überwache, hatte ich keine Ahnung, dass es Frank Schirrmacher zu der Behauptung veranlassen würde, die Europäische Kommission sei naiv gegenüber der digitalen Revolution und blind gegenüber deren Folgen für unser soziales und industrielles Gefüge. Ich bin ganz anderer Meinung. Ein einheitlicher Telekommunikationsmarkt, eine Politik der digitalen Revolution und Innovationen sind unsere Chance, das europäische Sozialmodell zu retten. Ich sehe sehr wohl die Gefahr, dass die Technologie Recht und Demokratie überholt, und ich bin stolz, mit 72 Jahren das Potential digitaler Innovation zu erkennen und am Aufbau jenes „digitalen Europa“ mitzuwirken, das Kanzlerin Merkel gerne sähe.

          Im digitalen Zeitalter stehen wir vor einem Dilemma. Wir wissen, dass die Technologie voranschreiten muss und dass wir jeden Tag die Vorzüge und die Produktivität neuer Geräte und Dienstleistungen genießen, aber in unserem Herzen bleiben Fragen.

          Europa hat weder Wirtschaft mit niedrigen Kosten noch Kultur mit hoher Risikobereitschaft. So sind wir denn ängstlich und verwundbar angesichts gigantischer amerikanischer Innovatoren und unermüdlicher asiatischer Fabriken. Wir wissen auch, dass unser Leben vor dem Internet schön war. Wo aber sind Romantik und Luxus in einem auf Pixeln gründenden Leben? Warum die Verschmelzung von öffentlichem und privatem Leben und die plötzlich akzeptierte Anwesenheit von Mobiltelefonen am Esstisch? Kann es richtig sein, dass wir neben unseren digitalen Geräten schlafen, als wären wir mit ihnen verheiratet? Wie viele Millionen fragen sich heute, ob ihr intimstes Denken und Tun ausspioniert wird?

          Was entgeht uns, wenn wir nur auf die Risiken schauen?

          Auch ich habe meine Ängste. Ich denke, unsere technischen Fähigkeiten haben sich schneller entwickelt, als die Gesetzgebung und Demokratie mithalten können. Ich glaube, dass die jüngsten Spionageskandale das Band zwischen Technologie und Demokratie durchtrennt haben. Außerdem sehe ich gefährliche Parallelen zwischen der nicht durch Wahlen legitimierten und niemandem verantwortlichen Macht der Banker vor 2008 und der Macht unserer heutigen Technologie- und Sicherheitsgemeinschaften.

          In gewisser Weise sind Snowdens Enthüllungen die Lehman-Pleite des Internets, und dies sollte uns zu intensivem Nachdenken veranlassen. Aber der Fall Snowden ist nicht mit der Bankenrettung vergleichbar, an der ich 2008 und 2009 als Europäische Wettbewerbskommissarin beteiligt war. Es stimmt zwar, das wichtigste Element, das in diesem Sturm verloren ging, ist das Vertrauen, und die Politiker müssen rasch und entschlossen handeln, um es wiederherzustellen. Aber die Bewertung von Identität und die Definition von Souveränität oder die Schaffung unüberwindlicher Sicherheitssysteme sind sehr viel schwieriger als die Festsetzung eines Zinssatzes oder der Verkauf einer Bank. Und welche gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Chancen entgehen uns, wenn wir nur auf die Risiken einer Technologie schauen?

          Größer als der Beitrag jedes anderen Wirtschaftszweig

          Aus meiner täglichen Arbeit mit Unternehmern und Forschern kenne ich auch die Wunder der digitalen Welt. Ja, ich kann nicht endlose Telefongespräche im Flugzeug führen und verhandle lieber von Angesicht zu Angesicht als über einen Bildschirm, und dennoch bin ich in Hinblick auf die digitale Technologie weiterhin optimistisch. Wenn ich als eine zweiundsiebzigjährige Frau, die in vierzig Jahren öffentlichen Lebens ständig überwacht und gehackt worden ist, eine digitale Botschafterin sein kann, dann kann zweifellos jeder an diesem Transformationsprozess teilnehmen.

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