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Veröffentlicht: 14.04.2017, 08:33 Uhr

Neoreaktion im Silicon Valley Wenn Maschinen denken

Ist künstliche Intelligenz rassistisch? Im Silicon Valley programmieren Neoreaktionäre die Menschheitsgeschichte aus dem Geist der Computer um.

von
© Mark Chang Was geht in diesem computergenerierten Hinterkopf vor, der sich auf der Website „Post-Anathema“ für „neoreaktionäre Ästhetik“ findet?

Die sogenannte Alternative Rechte („Alt-Right“), die für den radikalen Überbau der Regierung Trumps und vor allem seines Chefberaters Bannon sorgt, wird nicht bloß von Konservativen alter Schule gestützt – Leuten also, die gegen Multikulti, Gendertheorie und Silicon Valley wieder eine von der Natur vorgegebene Ordnung zur Geltung bringen wollen. In einem Überblick, den im vergangenen Jahr das Zentralorgan der AltRight-Bewegung gab, die Website „Breitbart“, findet sich neben regelrechten Neonazis natürlich auch diese traditionalistische Strömung noch; sie wird da unter der Überschrift „Natural Conservatives“ geführt, als eine überwiegend von weißen, männlichen und mittelalten Amerikanern bevölkerte Spezies, die aus purem „Instinkt“ die Interessen ihres eigenen demographischen Stamms hochhalte und daher im Unterschied zum republikanischen Establishment den Markt weniger wichtig finde als Autorität, Homogenität und Familie.

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Doch als viel spezifischer erscheint in dem Text eine zuerst im Silicon Valley aufgetauchte Gruppe relativ junger Intellektueller, die sich selbst den Titel „Neoreaktionäre“ oder „NRx“ gibt. Entscheidend ist bei ihnen, dass Traditionen für sie keine Rolle spielen und sie jegliche „Natur“ nicht weniger für ein kulturelles und gesellschaftliches Konstrukt halten als die linken und liberalen Theoretiker, die angeblich den von ihnen so verhassten Mainstream prägen. Der Unterschied ist, dass sie diesem Denkmuster eine neue Füllung geben, eine unverhohlen rassistische und autoritäre nämlich. Sie erheben den Anspruch, die Rationalität, die als emanzipatorisches Fortschrittsprojekt angetreten war, neu zu programmieren.

Korrektur unserer mentalen Bewegungen

Ein Hauptideengeber ist der in San Francisco lebende Software-Ingenieur Curtis Yarvin, der unter seinem Blogger-Namen Mencius Moldbug schreibt: „Bei UR“ – gemeint ist sein Blog „Unqualified Reservations“ – „kümmern wir uns nicht um Tradition. Wir akzeptieren nichts Gegebenes, dienen keinem Idol. Im Gegenteil – wir scheißen auf sie.“

Nicht zufällig waren die Keimzellen der sich auf diversen Websites artikulierenden Ideologie Blogs wie „Overcoming Bias“ oder „Less Wrong“, die sich mit künstlicher Intelligenz befassen und mit der Vorstellung, mit Hilfe von Computertechnik ewiges Leben erlangen zu können („Transhumanismus“). Bei der dort geübten „Kampfkunst der Rationalität“ geht es in den Worten des Computerforschers Eliezer Yudkowsky nicht zuerst darum, mit Hilfe des menschlichen Verstandes die Maschinen klüger zu machen, sondern vielmehr darum, mit der antizipierten Maschinenintelligenz die menschliche Vernunft zu verändern: „Wir müssen die Wissenschaft auf unsere Intuitionen anwenden, müssen das abstrakte Wissen dazu nutzen, unsere mentalen Bewegungen zu korrigieren.“

Neudefinition als technoplastische Wesen

Yudkowsky hat sich persönlich von den Neoreaktionären distanziert, doch der Ansatz, die Logik der Computer zum Richtmaß für das menschliche Denken zu machen, erwies sich als Schlüsselmethode der neuen Ideologie in ihrem Bestreben, sich von der im liberalen Mainstream gipfelnden bisherigen Geistesgeschichte radikal zu entfernen.

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