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Jaron Lanier im Gespräch : Warum wollt ihr unseren Quatsch?

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Das Internet könnte auch anders aussehen: Jaron Lanier sieht die Machtasymmetrie in der Struktur des Netzes angelegt Bild: Picture-Alliance

Online-Konzerne wie Facebook, Amazon und Google sind Großmächte geworden und fordern die Welt heraus. Wieso unterwerfen wir uns ihnen auch noch freiwillig? Ein Gespräch mit Jaron Lanier über die freundliche und unheimliche Macht von Silicon Valley.

          Herr Lanier, das Internet wird zusehends beherrscht von gigantischen globalen Konzernen, Google, Amazon, Facebook, Apple. Wie gefährlich sind diese Mächte?

          Gegenwärtig werden diese Konzerne überwiegend von Menschen geleitet, die es irgendwie gut meinen mit der Welt. Sie sind jung und teilen die Werte vieler ihrer jugendlichen Nutzer.

          Geschichte lehrt uns, dass dies nicht so bleiben muss.

          Leider. Wenn eine kleine Gruppe Macht akkumuliert, selbst wenn die Leute ganz nett sind, dann sind es doch häufig ihre Erben nicht. Die Bolschewiken waren zum Beispiel sympathischer als Stalin. Die Machtkonzentration ist also ein Problem. Zweitens: Es gibt einen negativen ökonomischen Effekt. Die Gesellschaft gerät aus dem Gleichgewicht. Normale Menschen müssen hohe Risiken auf sich nehmen, um sich durchzuschlagen. Die Mittelschicht gerät unter Druck, während die wenigen Erfolgreichen extrem belohnt werden und in kürzester Zeit zu Stars, zu Multimillionären und Milliardären aufsteigen. Das ist der Effekt der informationellen Asymmetrie. Dennoch können digitale Unternehmungen derzeit behaupten, sie seien die Guten, weil sie Daten vor den Überwachungsapparaten der Regierungen schützen. Es ist also eine subtile Situation, keine klare Sache, es gibt kein klares Gut und Böse.

          Werden die Gründer der Tech-Konzerne wirklich noch von einem Drang zur Weltverbesserung geleitet?

          Zumeist. Wenn ein Fürst gut ist, aber jung, dann kann es manchmal Probleme geben, weil Jugend nun einmal leidenschaftlich ist, ungestüm. Alles in allem aber sind sie derzeit eine ganz angenehme Clique. Das Silicon Valley hat die freundlichste und gutmütigste Diktatoren-Klasse in der Geschichte der Menschheit. Das hilft uns aber nur wenig. Facebook wird von 1,4 Milliarden Menschen genutzt, aber von einer einzigen Person kontrolliert. Es ist eine extrem außergewöhnliche Konzentration von Macht. Irgendwann wird der Gründer sterben. Und was dann kommt, wissen wir nicht, und wir können es auch nicht kontrollieren.

          Wie soll eine Gesellschaft so erfolgreiche Firmen in den Griff bekommen? Die Konzerne haben sich ihren Platz erobert, beschäftigen Zehntausende Menschen in der ganzen Welt. Hunderte von Millionen nutzen die Dienste täglich, wollen auf sie nicht mehr verzichten.

          Das stimmt. Plötzlich ist es jung, hip und gar rebellisch, sein Leben von einer weit entfernten Firma im Silicon Valley steuern zu lassen. Und der Firma eine Menge Autorität zu überlassen: mit wem man sich befreundet, mit wem man ins Bett geht, welchen Job man annimmt. Es ist eine sehr merkwürdige Situation, und es wird einstmals von Historikern beschrieben werden als ein besonders bizarrer Moment in der Menschheitsgeschichte.

          Weil immer mehr Individuen immer mehr Entscheidungsmacht aufgeben und sich ohne Not machtvollen Konzernen unterwerfen?

          Ich habe das einmal digitalen Maoismus genannt. Ich möchte diese Metapher indes nicht zu stark beanspruchen, weil durch die Kulturrevolution Millionen umgekommen sind, durch die digitale natürlich nicht. Aber es gibt eine interessante Gemeinsamkeit. Dieser Wunsch, sich zu identifizieren mit einer Organisation, so dass diese Identifikation ein Emblem von Jugendhaftigkeit und Rebellion wird. Wobei es doch in Wahrheit ein Emblem des Konformismus ist. Diese Verwechslung von Rebellion und Konformismus prägte China zur Kulturrevolution. Und in Deutschland gab es das zu finsteren Zeiten auch.

          Der einzelne Nutzer nimmt das ganz anders wahr. Für ihn sind seine Aktionen in sozialen Netzwerken Ausdruck seines Individualismus, manche nutzen die Plattformen als regelrechte Propagandainstrumente des Individuums.

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