http://www.faz.net/-hzj-7jmqp

Jürgen Renn, Historiker : Ein Qualitätssiegel für Informationen

  • -Aktualisiert am

Jürgen Renn Bild: vision photos

Weder Abschottung noch Monopolisierung sind in der momentanen Situation zielführend. Innovationen ermöglicht nur ein offenes und transparentes Internet.

          Nein, wir brauchen keinen provinziellen Nachbau von Google. Wir sollten aber etwas viel Wichtigeres schaffen: eine offene globale Wissensplattform, die wissenschaftliches Wissen und seine Überprüfung zu einem verlässlichen Bezugspunkt im wabernden Informationsmeer des Netzes macht.

          Europas Potential, technische Innovationen zu entwickeln und am Markt durchzusetzen, liegt weit hinter dem Amerikas zurück, auch weil die Musik immer noch im Silicon Valley oder am MIT spielt. Zugleich aber sollten wir nicht vergessen, dass Europas Vielsprachigkeit und kulturelle Vielfalt ein zukunftsweisendes Modell für ein globales 21.Jahrhundert sein könnten. Auch das Web wurde in Europa erfunden, am Cern in Genf, also in einer öffentlich finanzierten, föderalen Institution, die sich nicht am Markt, sondern an wissenschaftlichen Herausforderungen orientiert. Hier könnte der Ansatz liegen für seine Weiterentwicklung zu einem Netz des Wissens. Wir brauchen ein Epistemic Web als globale, offene und demokratisch legitimierte Plattform für die kooperative Erzeugung und Verbreitung von Wissen. Ohne eine solche Wissensplattform wird es uns auf die Dauer nicht gelingen, mit globalen Herausforderungen umzugehen. Voraussetzung ist eine transparente Kontrolle der Dynamik von Vernetzungsstrukturen und der Qualität des Wissens. Hier könnten innovative Modelle für die künftige Struktur des Webs entstehen. Dazu brauchen wir zuerst eine für die Anforderungen von Wissen, Bildung und Kultur optimierte Infrastruktur, ein Qualitätssiegel für Informationen und den Mut, Offenheit zu ertragen.

          Europa muss in Sachen Offenheit und Transparenz neue Wege beschreiten

          Mein Vorschlag ist einfach: Versuchen wir nicht, die Titanic nachzubauen oder uns auf eine Insel zurückzuziehen. Konzentrieren wir uns auf die Weiterentwicklungen des Netzes, die durch Transparenz und Offenheit neue wissenschaftliche Forschung ermöglichen und neue Wege für Kultur und Bildung eröffnen. Hier liegt, was Projekte wie die Europeana oder die Digital Public Library of America belegen, ein gewaltiges Innovationspotential, aber auch ein Potential für die Wiedergewinnung demokratischer Macht. Wir sollten die Möglichkeiten der Vernetzung nicht den dominanten Unternehmen oder Geheimdiensten überlassen.

          Es wird allerdings nicht gelingen, dieses Potential durch Abschottung oder gegen den Markt zu entwickeln. Innovationen entstehen weder unter Bedingungen eines staatlichen Protektionismus noch in einem von Monopolen dominierten Markt. Die Zivilgesellschaft ist vielmehr aufgerufen, das Netz gegen politische und kommerzielle Partikularinteressen als globalen, öffentlichen Kommunikationsraum zu erhalten. Ebenso wie demokratische Gesellschaften sich Freiräume für Bildung, Kultur und Wissenschaft geschaffen haben, geht es jetzt um Netzstrukturen, die diese Freiräume erhalten, nutzen und ausbauen. Ein wichtiges Beispiel ist die Forderung nach offenem Zugang zu wissenschaftlichem Wissen und zum kulturellen Gedächtnis, wie sie die Berliner Erklärung der Max-Planck-Gesellschaft formuliert. Hier geht es auch um wirtschaftliche und rechtliche Fragen. In erster Linie aber geht es darum, Innovationen möglich zu machen, die erst durch diesen offenen Zugang möglich werden. Dazu gehören die Schaffung eines Qualitätsraums für Informationen sowie neue Möglichkeiten ihrer Vernetzung und ihrer Sichtbarmachung, die ihrer Überprüfung und dem weiteren Erkenntnisgewinn dienen. Wir könnten sehen, wie ein Netz aussieht, in dem Nutzer nicht nur Klienten und Konsumenten bleiben, sondern in dem sie selbst mit der Verarbeitung von Informationen und ihrer Vernetzung so kreativ umgehen können, wie es bisher das Privileg von Google ist.

          Jürgen Renn ist Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Sein Institut beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage der Digitalisierung der Gesellschaft und dem offenen Zugang zu digitalen Daten und Wissen.

          Quelle: F.A.Z.

          Topmeldungen

          Schwierige Regierungsbildung : Die Verantwortung der SPD

          Die Sozialdemokraten stehen vor einem entscheidenden Wendepunkt. Solange Jamaika möglich war, sprach nichts gegen konsequente Opposition. Doch jetzt sieht die Lage anders aus. Ein Kommentar.

          Diskurs ist unverzichtbar : „Ein Populist ist ein Gegner der Demokratie“

          Populisten nehmen für sich in Anspruch, den wahren Willen des Volkes erkannt zu haben. Es gibt aber weder ein homogenes Volk, noch die absolute Wahrheit. Zwei Wege sind hilfreich als Rezept gegen Populismus. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.