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Sängerin Roxanne de Bastion : Kein Platz für alte weiße Männer

  • -Aktualisiert am

Roxanne de Bastion im Dezember 2013 in der Junction Bar in Kreuzberg Bild: @Sebaso, CCBYSA3.0

Das große Musikgeschäft mit seinen Stereotypen macht es Frauen schwer. Roxanne de Bastion erzählt davon auf der re:publica – und von den Freiheiten der Indie-Szene und dem Nutzen des Netzes.

          Mutig hätten sie schon viele genannt, erzählt Roxanne de Bastion. Vermittlungsagenten etwa, als sie vor einigen Jahren allein durch Europa reiste, um ihre Lieder zu spielen. Was daran besonders mutig sein soll, versteht die junge Frau zwar bis heute nicht. Aber sie kann sich den Grund denken für dieses herablassende Lob: ihr Geschlecht.

          Seit 2013 führt die gebürtige Berlinerin ein Leben als Vollzeit-Musikerin. Dafür war sie zunächst eigens in ihre gefühlte musikalische Heimat gezogen, nach England. In London hielt sie sich lange mit Gelegenheitsjobs über Wasser, bis sie schließlich den Schritt ins Künstlerdasein wagte. Der Sexismus in ihrer Branche beschäftigt sie, seit sie ihn am eigenen Leib erfuhr, als Veranstalter sie als „female Singer/Songwriter“ angekündigten. „Das war eines der Dinge, die mich total aufgeregt haben“, erzählt de Bastion. „Female is not a genre“ heißt ihr Vortrag auf der re:publica, der sich der Gleichberechtigung der Geschlechter im Musikgeschäft widmet. Die Stuhlreihen vor der Bühne sind zunächst spärlich besetzt.

          Ein ganzes Festival ohne Musikerinnen

          Roxanne de Bastion trägt rote Stiefel, die an Cowboy Boots erinnern, ihre rot geschminkten Lippen betonen den Kontrast zwischen ihrem hellen Teint und den dunklen Haaren. „Schneewittchen hat die Zügel in der Hand“, so oder so ähnlich würden die Leute, die damals ihre geschlechtliche Identität für betonenswert hielten, ihre Rede vielleicht zusammenfassen. Viel zu oft werden Frauen auf ihr Erscheinungsbild reduziert, das verhält sich in der Musikwelt nicht anders als in anderen Teilen der Gesellschaft. „Ja, wie sollte es denn auch anders sein?“, möchte man zurückfragen. Schließlich wartet die Künstlerin nicht nur auf den Musenkuss: „Klar, man lebt mit diesem Mythos, dass Musiker nur Musik machen. Aber du bist auch dein Manager, dein Label, dein Booking Agent, dein Accountant, organisierst Touren, buchst die Fahrten.“

          Hinter de Bastion steht kein Major-Label, lediglich ein Agent und ein Verleger. Dass sie zu der Szene unabhängiger Künstler gehört, bedeutet für die junge Frau aber keinen Frust, sondern vor allem Freiheit, etwa von den Stereotypen des Mainstream, wo es nur Raum für Diven wie Adele, bad gals wie Rihanna und Mädchen von Nebenan wie Taylor Swift zu geben scheint. Und wo Musikfestivals tendenziell männliche Künstler buchen. Das diesjährige Coachella-Festival verzichtete gleich komplett auf weibliche Musikerinnen. Gleiche Zugangsvoraussetzungen und gerecht verteilte Sichtbarkeit sieht anders aus.

          „Die old white boys der Musikindustrie sind das Problem“, meint de Bastion. Frei ist die Sängerin nämlich auch von den Vorgaben finanzkräftiger Musikverlage und deren Managern. Ganz im Gegensatz zum Popstar Kesha: Unter #freeKesha startete eine Fanpetition, um die Sängerin aus ihrem restriktiven Vertrag mit Sony zu kriegen. „Heutzutage ist der Künstler das Herz des Geschäfts“, erklärt de Bastion ihr Arbeitsumfeld, „und der holt dann Leute rein für bestimmte Dienstleistungen, rather than signing your life away to a major label“ – anstatt seine Seele an die Industrie zu verhökern.

          Mehr Indie, mehr Gleichberechtigung?

          Dass es in der unabhängigen Musikszene mehr Diversität gebe, begründet die 1987 geborene Roxanne de Bastion damit, dass ihre Generation – im Gegensatz zu den „old white boys“ – einfach daran gewöhnt sei, Frauen mit Instrumenten zu sehen. „In der Independent-Szene geht es den Leuten mehr um das Miteinander, um Diversität. Man macht die Musik ja selbst.“

          Eine große Chance, die sexistische Strukturen in der Musikbranche zu unterwandern, sieht die Wahl-Londonerin in der Dezentralisierung durch das Internet. Dadurch vereinfachen sich nicht nur Produktions- und Absatzwege. Dezentralisierte Technologien wie Blogchain ermöglichen den Schutz von Musiktiteln: Einmal hochgeladen und mit konkreter Information zu Copyright, Mitwirkenden und vielem mehr versehen, kann die Datei nicht mehr verändert werden. Und jede wiederum wird online vermerkt, gezahlt wird per Bitcoins.

          Offener für Diversität und Gleichberechtigung

          Und noch einen Vorteil berge das Internet. Der von der Industrie geschürte Konkurrenzdruck weiche einer angenehmeren Atmosphäre, wenn sich Gleichgesinnte leichter vernetzen und austauschen können, so de Bastion. In diesem freundschaftlichen digitalen Betriebsklima sei es auch einfacher, Sexismus anzuprangern. Zum Beispiel mit einem Twitteraufruf, entsprechende Erfahrungen zu teilen, wie es Musikjournalistin Jessica Hopper im vergangenen Sommer tat.

          Roxanne de Bastion hält die Techszene ohnehin offener für Themen der Diversität und Gleichberechtigung. Zum Ende ihres Vortrags haben sich dann auch die Stuhlreihen vor der Bühne gefüllt. Es ist zwar nicht so voll wie bei dem vorangegangenen Thema „Was man alles mit Virtueller Realität machen kann (zum Beispiel Pornos)“. Aber immerhin.

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