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Veröffentlicht: 20.01.2016, 16:01 Uhr

Internet der Dinge Der Mensch, das programmierbare Wesen

Im Internet der Dinge, wo vom Auto bis zur Zahnbürste alles miteinander vernetzt ist, muss umgedacht werden. Die Frage lautet nicht mehr, ob Maschinen menschenähnlich werden, sondern ob der Mensch maschinenähnlich wird.

von Adrian Lobe
© dpa Menschliches Vorbild: Roboter „Felix“ ahmt Grimassen nach, die Philipp Horst ihm schneidet. Horst ist Projektleiter der Ausstellung „Die Roboter“ in Dortmund.

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen zu Hause in der Wohnstube. Plötzlich ertönt ein Klingeln, das signalisiert, dass sich Ihre Frau oder Ihr Mann zehn Kilometer entfernt von der Wohnung entfernt befindet. Je nachdem, ob er oder sie sich nähert, verändert sich die Tonhöhe.

Das gibt es nicht? Gibt es schon: Inspiriert von den Harry-Potter-Romanen, in denen Molly Weasley auf einer magischen Küchenuhr ablesen kann, wo sich ihre Familienmitglieder befinden („bei der Arbeit“, „unterwegs“, „in Lebensgefahr“), hat der Entwickler David Rose den Prototyp der „Google Latitude Doorbell“ vorgestellt – eine Klingel, die immer dann läutet, wenn sich ein Familienmitglied nähert.

Emotionen als Aktienkurs

Die Doorbell kann Auskunft geben über den Standort der Nutzer und sogar ihren Gemütszustand. Es wäre das perfekte Kontrollsystem. In seinem Buch „Enchanted Objects: Design, Human Desire, and the Internet of Things“ schreibt Rose: „Nehmen Sie zum Beispiel an, Sie hätten in Ihrer Küche eine Zauberwand, die über bunte Lichtgraphiken Trends und Muster der Stimmung Ihrer Liebsten anzeigt. Wenn man verstehen könnte, dass Ihr Ehepartner, Kind oder Elternteil ein regelmäßiges Emotionsmuster an den Tag legt und Sie zu sehen beginnen, wie Sie mit Ihrer Umwelt verbunden sind...,wie würde das das Beziehungsgeflecht in Ihrem Haushalt verändern? Würde es aus Ihnen einen aufmerksameren Partner machen? Einen effektiveren Pfleger? Einen bewussteren und verständnisvollen Partner?“

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Es sind rhetorische Fragen, die der Autor stellt. Die Annahme dieses Modells ist, dass, wenn die Stimmungen der Partner transparent und sichtbar gemacht werden, die Welt eine bessere und ehrlichere wäre. Man könnte sich dem Partner besser widmen, wenn man anhand von Echtzeit-Graphen erfährt, wann dieser ein Stimmungstief hat. Die Emotionen sollen in einer Art Fieberkurve wie ein Aktienkurs dargestellt werden. Moralische Baisse am Abend bedeutet mehr Aufmerksamkeit am Abend. Es ist das Wesen der Aufmerksamkeitsökonomie, dass heutzutage alles immer börsenähnlicher wird. Die Google Latitude Doorbell geht weit hinaus über eine zentralisierte Koordination von Statusmeldungen („Bin gerade auf dem Heimweg“). Das Ziel ist, den Menschen vollständig auszulesen.

C-3PO und R2-D2 Wachsfiguren - München © dpa Vergrößern Die berühmtesten Roboter: Die Droiden C-3PO und R2-D2 aus den „Star-Wars“-Filmen. Hier als Wachsfiguren im Englischen Garten in München.

Im Internet der Dinge, wo sämtliche Objekte, vom Auto bis zur Zahnbürste, miteinander vernetzt werden, soll auch der Mensch eine berechenbare Größe werden – so kalkulierbar wie der Stromverbrauch im „Smart Home“. Wenn Facebook uns mit 150 Likes besser kennt als unsere Eltern, wie eine Studie („Computer-based personality judgments are more accurate than those made by humans“) belegt, erscheint die Welt berechenbar. Und Berechenbarkeit bedeutet Kontrolle. Das Internet der Dinge, das uns von der Industrie als Komfort- und Intelligenzgewinn verkauft wird, ist als „programmierbare Welt“ modelliert, in der es darum geht, immer mehr Daten zu generieren und über den Einzelnen zu erfahren.

Der Mensch in Formeln erzählt

Der Mathematiker Alan Turing fragte, ob Maschinen dereinst menschenähnlich werden. Heute, schreiben Evan Selinger und Brett Frischmann in einem Artikel im „Guardian“, gehe es um den umgekehrten Turing-Test: Können Menschen maschinenähnlich und programmierbar werden?

 
Das Internet der Dinge passt den Menschen an Maschinen an (von Adrian Lobe)
 
Emotionen sollen so schematisch dargestellt werden wie ein Aktienkurs.
 
Das programmierbare Wesen: Wird unser Menschenbild immer maschinenähnlicher?

Es gibt Indizien, die dafür sprechen. Facebook hat bekanntlich in einem gigantischen sozialen Experiment 700000 Nutzer manipuliert: Sie bekamen ein verzerrtes Bild von der Stimmung ihrer Freunde vorgesetzt. Facebook schleift uns zu steuerbaren Einheiten, die auf den Gefällt-mir-Knopf drücken. Die Tech-Konzerne sind von der Idee beseelt, mit technosozialem „Engineering“ menschliches Verhalten zu „designen“. Der Verhaltenspsychologe Robert Epstein hat in einer Studie gezeigt, wie Ergebnislisten von Suchmaschinen das Wahlverhalten beeinflussen können. Wenn Google einen Präsidentschaftsbewerber ausbooten will, könnte der Konzern kurzerhand die Algorithmen modifizieren und so die Präferenzen programmieren. Der freie Wille wird in eine binäre Zahlenlogik kodiert, die auf ökonomische Verwertbarkeit ausgerichtet ist. Das Neue an der Politik, die einige schon als „Biopolitik“ bezeichnen, ist, dass Macht undurchschaubar wird.

Developer Week 2015  - Humanoider Roboter © dpa Vergrößern Wird als humanoid bezeichnet: Roboter „Roboy“ bildet die Knochen- und Muskelstruktur des Menschen in Teilen nach.

Der Mensch wird nicht mehr in Worten, sondern in mathematischen Formeln erzählt. Er wird zum laufend aktualisierten Internetprotokoll in einer Datenbank, vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche abrufbar. Der amerikanische Fitnessbandhersteller Jawbone kann herausfinden, in welcher Stadt die Menschen am spätesten ins Bett gehen (Moskau, 0.46 Uhr), am wenigsten schlafen (Tokio, im Durchschnitt fünf Stunden und 44 Minuten) und am spätesten aufstehen (wieder Moskau, im Schnitt um 8.08 Uhr). Noch können die Daten nicht weiter als auf das Stadtniveau heruntergebrochen werden, doch Big Data ist längst ins Schlafzimmer eingedrungen. Mit den kalten Daten schwingen Vorurteile mit: „Die“ Russen sind Langschläfer. Sie gehen zu spät ins Bett.

Das könnte Anlass dazu geben, die biologische Uhr der Nutzer durch entsprechende Anreize umzuprogrammieren. Das britische Start-up Bitwalking hat eine App lanciert, die die Schritte der Nutzer zählt und ihnen pro 10.000 gelaufene Schritte ein digitales Kilometergeld in Höhe von einem „Bitwalking-Dollar“ bezahlt. Das Individuum wird auf seine „Laufleistung“ reduziert. Als Laufleistung wird gemeinhin die Betriebsdauer technischer Geräte bezeichnet. Im Weltbild der Entwickler ist der Mensch die Maschine, die „laufen“ muss. Vielleicht sollten uns die künstliche Intelligenz und ständige Warnungen vor einer Übermacht der Maschinen („Nehmen uns Roboter die Jobs weg?“) weniger Sorgen machen als die Tatsache, dass unser Menschenbild immer maschinenähnlicher wird.

Journalismus-Preis für Adrian Lobe

Unser Autor Adrian Lobe wird für die Artikel, die von ihm in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zum Themenkreis „Big Data“ erschienen sind, mit dem „Surveillance Studies Preis“ ausgezeichnet. Er befasse sich mit dem Thema Big Data und Google, so die Jury, „in einer Weise, die weit über das übliche Beklagen einer brüchig gewordenen Privatsphäre hinausgeht. Sein Zugang zum Thema, die Tiefe seiner Recherche, seine Kritikfähigkeit und sein Deutungsvermögen zeigen, was ein gutes und modernes Feuilleton zu leisten vermag.“ Der Preis wird von einer internationalen Forschergruppe ausgelobt, er ist mit tausend Euro dotiert, das Preisgeld stiftet das Webmagazin „Telepolis“. Vergeben wird der Preis am 27. Januar an der Universität Hamburg.     F.A.Z.

Glosse

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Bei den Bad Hersfelder Festspielen hat der Luther-Darsteller Paulus Manker seine Rolle bei Dieter Wedel verloren. Halb so schlimm, es gab vier Thesen-Anschläger auf der Bühne. Doch Manker will klagen. Mehr 3 7

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