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Veröffentlicht: 06.08.2015, 16:47 Uhr

Entscheidet Facebook Wahlen? Im Netz der Wahlkampfhelfer

Facebook und Google steuern Präferenzen, Emotionen und auch die politische Willensbildung. Algorithmen können Wahlen entscheiden, weil sie als mächtige Verstärker wirken. Was bedeutet das für die Demokratie?

von Adrian Lobe
© Polaris Hillary Clinton mit einem Fan in Lauderdale. Haben die sozialen Netzwerke Einfluss auf den Wahlausgang?

In sechzehn Monaten stimmt Amerika ab. Hillary Clinton und Jeb Bush haben ihre Hüte als Präsidentschaftskandidaten in den Ring geworfen, ihre Kampagnen laufen längst auf Hochtouren: 4,4 Milliarden Dollar werden die Kandidaten in TV-Spots investieren, das ist so viel wie nie zuvor. Wenn die Amerikaner am 8.November 2016 wählen, stehen aber auch soziale Netzwerke im Fokus. Schon beim letzten Wahlkampf mobilisierte Barack Obama vor allem Jungwähler über Facebook und Twitter. Die Frage ist: Welchen Einfluss haben soziale Netzwerke auf das Wahlverhalten?

Als am 2.November 2010 die Kongresswahlen stattfanden, machten die Forscher auf Facebook ein Experiment. Sie schickten 61 Millionen zufällig ausgewählten Nutzern, die in den Vereinigten Staaten wohnten und mindestens 18 Jahre alt waren, eine Nachricht, die sie an Urnengang erinnerte. Die Mitteilung im Newsfeed war mit einem „I voted“-Button und einer Zähleinheit versehen, die anzeigte, wie viele Facebook-Nutzer nach eigenen Angaben schon ihre Stimme abgegeben hatten. Ein Teil der Benachrichtigten erhielt neben dieser allgemeinen Auskunft auch eine personalisierte Information: welche der eigenen Facebook-Freunde schon gewählt hatten. Und eine Kontrollgruppe erhielt gar keine Informationen.

Geringe Varianz macht großen Unterschied

Das Ergebnis war verblüffend: Nutzer, denen das Abstimmungsverhalten ihrer Freunde angezeigt worden war, klickten häufiger den „I voted“-Button an als solche, die nur allgemeine Informationen erhalten hatten. Daraus folgerten die Forscher, dass „politische Mobilisation im Netz einen direkten Effekt auf die politische Selbstdarstellung, Informationssuche und das Wahlverhalten in der wirklichen Welt haben kann“. Die Nutzer wussten freilich nicht, dass sie Probanden waren.

Facebook © dpa Vergrößern Facebook könnte unbemerkt die Präferenzen der Wähler beeinflussen.

Doch hatte die Selbstvorstellung als Wähler auf Facebook („I voted“) auch Auswirkungen auf das tatsächliche Abstimmungsverhalten? Und wie unterschieden sich die Gruppen dabei? Um diese Frage zu klären, glichen die Wissenschaftler die Klarnamen mit dem Wahlregister ab (so etwas wäre in Deutschland aus datenschutzrechtlichen Gründen gar nicht zulässig). Ergebnis: Die Zahl der Nutzer, die über die Abstimmung ihrer Facebook-Freunde benachrichtigt wurden, lag um 0,39 Prozent über der in der Kontrollgruppe. Das nimmt sich zwar als geringe Varianz aus, doch sie kann einen großen Unterschied machen.

Wähler in eine Richtung kanalisieren

„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die soziale Nachricht über Facebook die Teilnehmerzahl (an der Wahl) um 60.000 Wähler und indirekt durch soziale Ansteckung um 280.000 Wähler erhöhte.“ Das kann wahlentscheidend sein. Bei der Präsidentenwahl 2000 gaben nur 537 Stimmen im Bundesstaat Maryland den Ausschlag für George W. Bush und gegen Al Gore. Man kann natürlich fragen, ob 0,37 Prozent Differenz zwischen zwei Gruppen statistisch signifikant ist oder ob es sich um „noise“ handelt. Doch die Studie zeigt: Facebook hat einen Einfluss auf das Wahlverhalten.

Das Netzwerk ist mit 1,4 Milliarden Nutzern ein wichtiger Spieler in der Medienbranche. Jeder dritte Amerikaner informiert sich einer Studie des Pew Research Center zufolge über Facebook. Für viele ist es das Fenster zur Welt geworden. Man stelle sich nun vor, dass Facebook die Sichtbarkeit des „I voted“-Buttons auf Grundlage der Parteizugehörigkeit oder anderer Variablen wie Postleitzahl, gelikter Links oder Ähnlichem manipulierte. Es hätte den Effekt, dass es Wähler in eine bestimmte Richtung kanalisieren würde.

Perpetuierte Selbstbestätigung

Man kann das Gedankenexperiment noch weiterspinnen: Angenommen, Mark Zuckerberg hätte eine Präferenz für einen Präsidentschaftskandidaten, und im Newsfeed von Millionen von Facebook-Nutzern würde ein Wahlaufruf erscheinen. Dieser würde sich nicht wie im Versuch 2010 an eine zufällige Menge richten, sondern gezielt an diejenigen, deren politische Einstellung Facebook Algorithmen aus den Likes ableitete. Der Harvard-Forscher Jonathan Zittrain spricht von „digital gerrymandering“, womit er auf das ursprüngliche Gerrymandering anspielt: die Verschiebung von Wahlkreisgrenzen, um Erfolge im Mehrheitswahlsystem zu erzielen. Es geht nicht darum, Nutzer einer Gehirnwäsche zu unterziehen, sondern ihnen einen Schubs in die „richtige“ Richtung zu geben.

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Nudging nennt sich dieser Ansatz aus der Verhaltensökonomie. Eli Pariser beschreibt in seinem Buch „The Filter Bubble“, wie Suchmaschinen und soziale Netzwerke mit Hilfe von Algorithmen vorhersagen, was Nutzer aufgrund ihrer vergangenen Klicks sehen wollen, um sie so von Informationsströmen fernzuhalten, die nicht ihrer ideologischen Einstellung entsprechen. Man liest, was man lesen will. Es ist eine digital gesteuerte perpetuierte Selbstbestätigung – man zementiert sein Weltbild mit jedem Klick. Das können sich Politiker und Unternehmen zunutze machen.

Suchmaschinen steuern Wahlpräferenzen

Die Verhaltensforscher Robert Epstein und Ronald E. Robertson vom American Institute for Behavioral Research and Technology konfrontierten Probanden mit vorab verzerrten Suchmaschinenergebnissen über die australischen Parlamentswahlen. Diese wurde als Objekt gewählt, weil die Forscher annehmen konnten, dass die Versuchsteilnehmer das politische System Australiens kaum kannten und ein relativ unvoreingenommenes Bild der Kandidaten hatten. Epstein und Robertson wollten herausfinden, ob die Information einen Einfluss auf die Präferenzbildung ausübt.

Der ersten Gruppe wurden Suchergebnisse angezeigt, die die damalige Amtsinhaberin Julia Gillard favorisierten. Der zweiten wohlwollende Ergebnisse über den Herausforderer Tony Abbott, der Kontrollgruppe neutrale Inhalte. Ergebnis: Diejenigen, die parteipolitisch gefärbte Inhalte sahen, hatten später eine deutliche positivere Einstellung gegenüber dem Kandidaten als die neutrale Gruppe. Auch die Wahlpräferenz änderte sich zugunsten des Kandidaten. Das zeigt: Suchmaschineneinträge können Wählerpräferenzen steuern.

Online-Kommunikation bleibt vermachtet

„Unsere Untersuchung legt nahe, dass, selbst wenn Google nicht absichtlich Wahlen manipuliert, die Suchalgorithmen des Konzerns seit Jahren die Gewinner von Wahlen auf der ganzen Welt bestimmen, mit wachsendem Einfluss jedes Jahr“, sagte Studienleiter Robert Epstein auf Anfrage. Algorithmen entscheiden, wer die Macht hat, sie wirken als mächtige Verstärker und können einen Bias, eine Mehrheitsumkehr, herbeiführen. „Es wird immer einen Bias geben“, betont Epstein, „doch das eigentliche Problem, das noch nie zuvor in diesem Ausmaß existierte, ist, dass der Bias über mächtige Einflussquellen auftritt, die komplett in privater Hand sind, ohne öffentliche Verantwortbarkeit und Transparenz.“

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Algorithmen sind eine Black Box. Die Frage ist, welche Auswirkungen die digitale Manipulierbarkeit von Wählern für die Demokratie hat. Werden Wahlen gar illegitim? Der Rechtsprofessor James Grimmelmann von der University of Maryland sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: „Wenn Wahlen je illegitim würden – im Sinne einer weitverbreiteten öffentlichen Empfindung, dass der Prozess fingiert wurde –, wäre auch der öffentliche Druck da, etwas dagegen zu tun. Die größere Gefahr sehe ich darin, dass Wahlen, die de facto manipuliert sind, als legitim betrachtet werden.“ Facebook könnte den Ausgang einer Wahl bestimmen, ohne dass jemand etwas bemerkte. Grimmelmann sieht in „digital gerrymandering“ eine „potentielle Gefahr für die Demokratie“.

Soziale Netzwerke wurden einst als Instrument der Demokratie gefeiert. Doch der herrschaftsfreie Diskurs (Habermas) ist im Internet eine Illusion, weil die Kommunikationsströme vermachtet sind. Was relevant ist, bestimmen Facebooks und Googles Algorithmen. Heute muss man nicht mehr stapelweise gefälschte Wahlzettel in die Urne werfen, es genügten ein paar Modifikationen am Newsfeed-Algorithmus. Was, wenn am Wahltag bestimmte Facebook-Nutzer in einem Swing State, deren Präferenz für die Demokraten bekannt oder wahrscheinlich ist, einen subtilen Hinweis erhielten, dass an diesem Tag gewählt wird? Man könnte Facebook eine etwaige Wählerbeeinflussung kaum nachweisen.

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