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Veröffentlicht: 13.06.2013, 11:37 Uhr

Die Datenschürfprogramme der Regierungen Ich möchte meine Freiheit zurück

Neugier auf die Daten der anderen ist menschlich. Doch die großen Datenschürfprogramme der Regierungen verändern unser Leben. Nun wird die Idee der Anarchie wieder reizvoll.

von Emanuel Derman

Sieben Beispiele: In letzter Zeit hat Ihre dreizehnjährige Tochter sich merkwürdig verhalten, in der Schule verbringt sie Zeit mit Kindern, die Ihnen ganz und gar nicht gefallen. Sie führt ein Tagebuch, auf dem steht: „Privat! Nicht öffnen.“ Gerade ist sie in der Schule. Sie fragen sich, was sie beschäftigt, machen sich Sorgen, wollen wissen, was in ihr vorgeht. Öffnen Sie das Tagebuch?

Ihre Chefin hat Sie zum Abendessen zu sich nach Hause eingeladen. Sie und ihr Ehemann schenken Ihnen ein, dann setzen sich alle, Sie, Ihr Partner, die anderen Gäste, zum Essen. Als sie später auf die Gästetoilette gehen wollen, ist die schon von einem der Kinder ihrer Gastgeberin besetzt. Also geleitet man Sie zum Schlafzimmer, neben dem es ein weiteres, privates Badezimmer gibt. Im Regal aufgereiht bemerken Sie eine Ansammlung verschreibungspflichtiger Medikamente. Lesen Sie die Aufschriften?

Geben Sie der Versuchung nach?

Gleiches Szenario, aber dieses Mal ist das Badezimmer akkurat und reinlich; es liegen keine persönlichen Gegenstände herum. Beim Händewaschen sehen Sie vor sich den Medizinschrank. Sie sind versucht, ihn zu öffnen und herauszufinden, welche Medizin Ihre Chefin einnimmt, was für persönliche Gegenstände sie hier wohl aufbewahrt. Geben Sie der Versuchung nach?

Nachmittags besuchen Sie einen Freund bei ihm zu Hause. Sie sitzen gemeinsam im Arbeitszimmer und unterhalten sich. Dann jedoch muss er los, sein Kind abholen. Er meint, Sie sollten doch einfach dableiben und sich für fünfzehn Minuten zurücklehnen. Also bleiben Sie im Arbeitszimmer, und als Sie nach einer Lektüre suchen, um sich die Zeit zu vertreiben, sehen Sie auf dem Schreibtisch die Steuererklärung Ihres Freundes herumliegen. Geben Sie der Versuchung nach?

Würden Sie die Gelegenheit nutzen?

Sie sind zweiundzwanzig Jahre alt, studieren und haben Ihren Professor um ein Empfehlungsschreiben gebeten. Als Sie zu ihm gehen, um, wie vereinbart, den versiegelten Umschlag abzuholen, ist gerade niemand im Büro, und der Brief liegt, noch unversiegelt, auf dem Schreibtisch Ihres Professors. Es ist niemand in der Nähe. Was tun Sie?

Ihre langjährige Partnerin hat sich während der letzten Monate merkwürdig distanziert verhalten. Sie geht früh ins Bett, und manchmal steht sie mitten in der Nacht auf und liest ihre E-Mails. Eines Abends benutzt sie ihren Laptop ein letztes Mal und schläft direkt danach ein. Eine Viertelstunde später bemerken Sie, dass sie vergessen hat, sich aus ihrem E-Mail-Konto auszuloggen. Sie könnten ohne weiteres ihre Nachrichten lesen. Geben Sie dem Gefühl des Misstrauens nach und schnüffeln in Dingen herum, die Sie nichts angehen?

Gleiches Szenario, nur benutzt Ihre Partnerin Googlemail und lässt ihren Laptop nie einfach so herumstehen - man muss das Passwort eingeben. Sie sind sich ziemlich sicher, es erraten zu können. Würden Sie in einem unbeobachteten Moment testen, ob Sie richtig raten?

Auf Streifzug durch die Postfächer

Vor vielen Jahren arbeitete ich für ein großes Unternehmen. Eines Nachmittags schickte mir jemand von außerhalb folgenden Witz auf meine Dienstadresse: „Eilmeldung! Die Schulverwaltung von New York hat beschlossen, jüdisches Englisch zur Zweitsprache zu erheben. Die offizielle Bezeichnung für diese Sprache lautet ,Hebonics’.“ Ich musste grinsen, weil ich das Ganze für einen jüdischen Witz hielt. Ich verstand, worauf er Bezug nahm: auf die afroamerikanische Umgangssprache, die viele „Ebonics“ nennen. Als mich ein Freund, der in meinem Büro vorbeikam, fragte, worüber ich lache, sagte ich: „Ich leite es dir weiter.“

Einige Wochen später rief mich ein hierarchisch höhergestellter Kollege an, er war voll des Mitleids: Ich solle mich darauf einstellen, bald eine förmliche Verwarnung zu erhalten. Kurz danach bekam ich - so wie viele meiner Kollegen - tatsächlich einen Brief aus der Rechtsabteilung. Ihm war eine Kopie der E-Mail beigelegt, die ich meinem Freund weitergeleitet hatte.

Jemand hatte sie aus den Tiefen der zentralen Server gefischt. So verwarnte man mich - wenigstens nur mich, nicht ihn -, ich dürfe meine berufliche E-Mail-Adresse nicht für persönliche Zwecke benutzen. Jemand war auf Streifzug durch die Postfächer gegangen und dabei auf etwas gestoßen, von dem man - vielleicht nicht ganz zu Unrecht - annahm, dass es von bestimmten Gruppen als eine beleidigende Parodie verstanden werden könnte, die schlimmstenfalls rechtliche Konsequenzen für das Unternehmen gehabt hätte. Dies war der Zeitpunkt, an dem ich verstand, dass meine E-Mail-Kommunikation in einem Unternehmen nicht privat ist. Und Regierungen sind mehr und mehr wie Unternehmen.

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