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Die Büste aus der Rhône : Locken auf Caesars Glatze

  • -Aktualisiert am

Schnell wurde die Büste mit dem prominentesten aller infrage kommenden Namen belegt: Caesar Bild: AFP

Immerhin ein Einzelstück: Die Büste, die aus der Rhône gefischt wurde, zeigt wohl nicht den Lieblingsrömer des vergangenen Jahrhunderts. Der Altertumsforscher Wolfgang Will über die Gier nach Caesars Kopf.

          Wenn nicht an ihren Gegnern, so scheiterten sie doch an der „langen und zahllosen Zeit“, die nach einem Wort des Dramatikers Sophokles alles, was sie offenbar macht, auch wieder ins Verborgene versenkt. Könige, Potentaten und Diktatoren ließen wenig unversucht, der Zeit entgegen zu arbeiten und ihr Andenken zu wahren. Sie bestallten eigene Historiker, errichteten Triumphbögen, stifteten Kulte und Tempel, ließen Ehreninschriften verfassen oder Münzen prägen. Mit den Bildnissen Alexanders des Großen begann der Siegeszug des Herrscherporträts. Das Interesse der Regenten am Nachleben traf sich mit dem Wunsch des Publikums, vergangener Größe oder vergangenem Schrecken aus zeitlich sicherer Distanz „ins Auge zu sehen“.

          Auch Caesar dachte an die Nachwelt. Eine Statue des Diktators stand im Quirinus-Tempel, eine andere auf dem Capitol, eine dritte auf der Rednerbühne, eine vierte aus Elfenbein wurde beim Festzug während der Zirkusspiele auf einem Wagen in die Prozession der Götterbilder eingereiht. Einer Statue im Victoria-Tempel des kleinasiatischen Ortes Tralles rühmte er sich selbst in seinen Schriften. Und auf dem Forum Iulium in Rom präsentierte er sich als neuer Alexander, indem er den Kopf eines dort aufgestellten Reiterbildnisses des makedonischen Königs durch sein eigenes Porträt ersetzen ließ.

          Eingeschmolzen, umgearbeitet, entsorgt

          Wichtiger als Inschrift und Bild aber war Caesar die historiographische Überlieferung seiner Taten. Anders als Alexander wollte er deren Schilderung nicht den Berufshistorikern überlassen. Zehn Bücher Commentarii stammen aus seiner Feder, sieben über den Krieg gegen die Gallier, drei über denjenigen gegen Pompeius und die eigenen Bürger. Der Nachruhm währte freilich nur kurz. Schon in der Catilina-Monographie Sallusts, dem einstigen Günstling Caesars, gewinnt der große Gegenspieler Cato an Boden; Augustus distanzierte sich versteckt von seinem Adoptivvater und in der Dichtung Lucans wird Caesar bereits in Neronischer Zeit zum Schlächter an den Mitbürgern.

          Er will ihn sofort erkannt haben: Luc Long mit der Büste aus der Rhône

          Caesars Bildnisse wurden eingeschmolzen, umgearbeitet oder in Abfallgruben, Brunnen und Gewässern entsorgt. Es blieb kein einziges erhalten, das sich durch einen Namenszug ihm mit Sicherheit zuweisen ließe. Sein schriftliches Werk verschwand, bereits im fünften Jahrhundert hielt der Historiker Orosius den „Gallischen Krieg“ für ein Werk des Biographen Sueton. Erst in der Renaissance wurden die Commentarii wiederentdeckt, 1469 zum ersten Mal gedruckt und im neunzehnten Jahrhundert auch allgemeine Schullektüre. Wer das Gymnasium besuchte, kam seitdem nicht mehr an Caesar vorbei. Doch die Commentarii vermitteln kein Bild vom Staatsmann Caesar. Der Autor versteht es, von allen seinen Zielen zu schweigen. Der Leser begegnet im „Bellum Gallicum“ einem Feldherrn, der von Sieg zu Sieg eilt und nicht einmal in den Pausen die Maske des überlegenen Strategen ablegt.

          Das zwanzigste Jahrhundert wollte seinen Kopf

          So entstand Neugier auf den Mann hinter den Zeilen, doch der „authentische“ Porträtkopf, der sie hätte befriedigen können, fehlte. Im letzten Jahr des Diktators, 44 vor Christus, prägten die beiden berühmten Münzmeister Buca und Mettius qualitätsvolle Denare, aber alle Münzen zeigen Caesar nur im Profil. Wie im sechzehnten Jahrhundert nach Scipio-Köpfen, im achtzehnten nach denen Catos gesucht wurde, so wollte das zwanzigste den seinen Vorstellungen entsprechenden Caesar-Kopf. Der durch Münzvergleich als gesichert geltende Caesar-Typus Pisa-Chiaramonti, ein etwas heroisierter Kopf mit festem Lockenschema, den die Vielzahl der Repliken als berühmten Mann ausweist, war offenbar augusteisch. So genügte er den Ansprüchen auf „Authentizität“ nicht, zumal ihm die vom Biographen Sueton bezeugte Stirnglatze fehlte, die Caesar angeblich kaschierte, indem er das spärlich gewordene Haar über den Scheitel von hinten nach vorn kämmte oder den Lorbeerkranz trug, den ihm Senat und Volk als Auszeichnung verliehen hatten.

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