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Veröffentlicht: 09.10.2016, 14:22 Uhr

Gerhard Kardinal Müller Ein konservativer Rebell macht Politik

Noch ein Gesprächsbuch: Wenn Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der oberste katholische Glaubenshüter, Auskunft zu Fragen der Gegenwart gibt, hat das Gewicht – und Potential zur Verstörung.

von Friedrich Wilhelm Graf
© Picture-Alliance Gerhard Kardinal Müller beim Kötzinger Pfingstritt. Die Prozession mit rund 900 Reitern zählt zu den ältesten bayerischen Brauchtumsveranstaltungen.

Der höhere römische Klerus äußert sich derzeit gern in Gesprächsbüchern. Gleichzeitig mit den „Letzten Gesprächen“, die Benedikt XVI. als Emeritus mit dem theologisch wenig gebildeten Journalisten Peter Seewald geführt hat, legt Gerhard Kardinal Müller, seit 2012 Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, Gespräche mit dem spanischen Alttestamentler Carlos Granados vor. Im Untertitel werden „Gedanken über den Kern der christlichen Botschaft“ angekündigt.

Doch geht es Müller weniger um eine konzise Darstellung zentraler Glaubenssymbole als vielmehr um eine kritische „Diagnose unserer heutigen Gesellschaft“ und die entschiedene Korrektur von Fehlentwicklungen in seiner Kirche. Müller macht Kirchenpolitik, indem er wenig klare spontane Aussagen von Papst Franziskus vor „Fehldeutungen“ schützt und die Ergebnisse der Familiensynode 2015 erläutert.

Westliche „Banalität“ und „Vulgarität“

Auch bestimmt er das Verhältnis „der Kirche“, das heißt seiner Kirche, zu den „kirchlichen Gemeinschaften des Ostens“ und den aus der Reformation hervorgegangenen „kirchlichen Gemeinschaften“. Zu lesen ist ein wichtiger, leider schlecht lektorierter Text. Denn Müller gibt offenherzig, bisweilen auch geschwätzig Einblick in seine ganz eigene Art kirchen- wie allgemeinpolitischen Denkens. Hier äußert sich ein konservativer Rebell mit starkem antiliberalen Ressentiment, der in den volkskirchlich moderierten, bürgerlichen Christentümern der Moderne nur Verfall und „Dekadenz“ sehen kann. Vor allem die liberalen Protestantismen und der katholische Modernismus um 1900 sind ihm ein Graus. Was der einst in München lehrende Dogmatiker zu Schleiermacher oder Loisy zu sagen weiß, zeigt allerdings nur wenig Sachkenntnis. Man hätte sich den Präfekten der Glaubenskongregation gern theologisch gebildeter vorgestellt.

Wer Kulturpessimismus schätzt und sich im tiefen Leiden an der pluralistischen Moderne bestätigt sehen will, kann bei Müller viele konventionelle Formeln zur Denunziation der „Banalität“ und „Vulgarität des Westens“ entdecken. Die „westlichen Gesellschaften“ seien beherrscht von „dem immer ausgedehnteren Götzenkult der Ideologien, des Sex, des Image oder der Nation“. Hier lebten die Menschen nur in Unfreiheit und Ängsten, die sie durch „Skepsis“, „Zynismus“, „Hedonismus“ und „Nihilismus“ zu überspielen suchten. „Als die großen totalitären Ideologien zusammenbrachen, sind wir einer neuen Diktatur verfallen, nämlich der beherrschenden Leitkultur des Techno-Szientismus und des konsumorientierten Individualismus.“

„Perverse Kunst“ und weitere Sünden

Fortwährend spricht Müller von der „aggressiv laizistischen Welt“ beziehungsweise einem „Laizismus“, der mit „der Säkularisierung des Staates“ die öffentliche Wirksamkeit „der Kirche“ einschränken wolle. Die „heutigen Ultraliberalen“ seien nur „Feinde der Kirche“. In biologistischer und medizinischer Sprache macht seine „gesunde katholische Theologie“ gegen diese „Feinde“, die das „Virus der modernen Ideologien“ auch in der Kirche selbst verbreiten und so eine „Pandemie“ entfesseln, an gleich mehreren „Fronten“ mobil: Mit der scharfen Waffe des „göttlichen Rechts“ kämpft er gegen die Frauenordination und die Zulassung von „viri probati“ zum Priesteramt, und im Angriff auf „die schädlichsten Irrlehren unserer Zeit“, den okzidentalen „Rationalismus“ und den „postmodernen Relativismus“, beschwört er das „von der Offenbarung erleuchtete Lehramt der Kirche“ als einzige Instanz verbindlicher Wahrheitsgewissheit. So kann die „Autonomie“ des Individuums als schlimmste Volkskrankheit diagnostiziert werden.

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Glosse

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