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Die Berliner Polizei ermittelt Kinder finden, bevor es zu spät ist

10.12.2007 ·  In Berlin werden zehnmal so häufig wie in Hamburg misshandelte Kinder entdeckt. Ein Erfolg, sagt Gina Graichen: Wer Kinder retten will, muss sie rechtzeitig finden. Sie leitet ein in Deutschland einmaliges Kommissariat bei der Berliner Polizei.

Von Regina Mönch
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Ein Mann ruft die Polizei, weil in der Nachbarwohnung wieder einmal lautstark gestritten, wahrscheinlich auch geprügelt wird. Er fügt noch hinzu, da müsse ein Kind sein, er habe es nur schon seit längerem nicht mehr gesehen. Nach fünf Minuten sind die Polizisten in der Wohnung. Sie haben schon Schlimmeres gesehen, bemerken dann aber neben der Tür eine Schrankreihe, die nicht ganz an der Wand steht, und entdecken dahinter ein Kinderbett. Das Kind darin, an Händen und Füßen ans Gitter gefesselt, könnte ein halbes Jahr alt sein, ist in Wirklichkeit aber schon sechzehn Monate alt. Rettung in fast letzter Minute, mit wahrscheinlich bleibenden Schäden für das Kind. Gegen die Eltern wird bald ein Strafverfahren wegen schwerer Misshandlung und Vernachlässigung eingeleitet.

Für die Polizisten vom Berliner Kommissariat „Delikte an Schutzbefohlenen“ ist dieser Einsatz trotzdem einer der besseren. In den Monaten zuvor waren sie häufiger als sonst zu spät gekommen, hatten nur noch den Tod eines geschundenen Kindes feststellen können. Bilder, die sie verfolgen, gegen die keine professionelle Routine ankommt, vor allem, weil alle im Kommissariat ohnehin überzeugt davon sind, dass sie zu selten rechtzeitig und zu oft zu spät informiert werden. Wie im Fall des gefesselten Kleinkindes, denn der verunsicherte Nachbar hatte es Wochen vorher schon einmal versucht beim Jugendamt, aber die hätten sich nie gemeldet.

Sie kennt die Ausflüchte und Hemmschwellen

Seit diesem schrecklichen Jahr 2002 diskutierte das Kommissariat über eigene Wege aus diesem auch für Polizisten nur schwer zu ertragenden Kreislauf. Die Polizisten können heute auf Erfolge verweisen, die wenig tauglich sind, Politiker zu erfreuen: Inzwischen werden nirgendwo in Deutschland so oft und so viele Kinder - unterernährt, mit grauenhaften Verletzungen, vernachlässigt, allein gelassen, weggesperrt - aus vermüllten Wohnungen geholt. Gerettet, bevor es zu spät ist, und gerettet, weil gerade noch rechtzeitig Familienbetreuer, Therapeuten, Fürsorger tätig werden können.

Gina Graichen, Erste Hauptkommissarin dieses in Deutschland einmaligen Kommissariats, hält nichts von öffentlichen Schuldzuweisungen. Sie ermittelt seit über zwanzig Jahren gegen Misshandler, Vernachlässiger, grausame oder achtlose Eltern. Und sie hat mit ihren Mitarbeitern nicht nur immer wieder auf die Schwachstellen eines an sich dichtgewebten Netzes für Hilfe in Not hingewiesen. Sie hat sie analysiert, kennt die Ausflüchte von Ärzten, die sich auf eine Schweigepflicht berufen, die in Notfällen gar nicht gilt, die Scheu von Lehrern, Bedenken an eine andere Behörde weiterzugeben, und die Hilflosigkeit von Fürsorgern, die sich an der Wohnungstür abwimmeln lassen, statt die Polizei zu rufen, weil das angeblich die Vertrauensbasis zwischen Hilfsbedürftigen und Helfer erschüttern würde.

Und sie hat immer wieder gehört, dass Nachbarn wie jener Rentner sich schließlich durchringen, etwas zu tun und die eigene Unsicherheit, hier mische man sich in Privatangelegenheiten ein und wirke am Ende wie ein Denunziant, überwinden - und dann passiert nichts. Weil sie zigmal weiterverbunden werden, weil die zuvor zurechtgelegten Sätze immer schwerer gelingen und weil sie schließlich, zumal am Wochenende, nur dem Anrufbeantworter des zuständigen Jugendamtes ihre Befürchtungen mitteilen können.

Die ersten Plakate hat sie noch selbst entworfen

Damals, als in Berlin alle paar Wochen ein totes Kind in einer vermüllten oder auch sauberen Wohnung entdeckt worden war, als dieser Fall mit dem gefesselten Kind wieder einmal zeigte, dass Notrufe irgendwo im Behördendschungel verlorengehen können, beschloss Gina Graichen, mit ihren Kollegen zu handeln. Sie wollten diese dunkle Parallelwelt ins Licht der Öffentlichkeit zerren, egal, wie schockiert die reagieren würde. An die Meldungen oder Berichte über misshandelte Kinder in den regionalen Zeitungen hatten sich, so schien es, alle gewöhnt, wie an Unwettermeldungen oder Verkehrsunfälle, die man nur noch wahrnimmt, wenn sie gleich um die Ecke passiert sind.

Ein Jahr später gab das Kommissariat zum ersten Mal Fotos von Opfern an die Medien. Gina Graichen trat im Fernsehen auf, berichtete, was sie und ihre Mitarbeiter täglich erleben, und dass Eltern, die so etwas tun, sich nur selten besinnen. Dass sie weder freiwillig Schwangerschaften verhüten noch ein Kind zur Adoption freigeben, wenn sie es doch selbst nicht versorgen wollen. Sie rief die Nachbarn, die Lehrer, Erzieher und Ärzte auf, den schwer vorstellbaren Ernstfall zumindest zu befürchten und nicht zu zögern, ihr Kommissariat anzurufen: „Sie können damit ein Leben retten.“ Schließlich entwarf sie selbst Plakate, sammelte Spenden, um sie drucken lassen zu können, und verteilte die Plakate in der Stadt. Anfangs sprangen sie den Passanten großformatig von Häuserwänden ins Auge, hingen in der Stadtbahn. Das ist sehr teuer. Inzwischen findet man sie in Polizeidienststellen, Ämtern, Schulen. Es sind Plakate mit Grabengeln und Holzkreuzen, an deren Fuß eine Babyflasche liegt, darunter zwei Zeilen: „Geboren - gequält - gestorben. Täglich werden Kinder misshandelt.“ Danach der Aufruf, nicht zu zögern und die Telefonnummer zu wählen.

Keine Angst mehr vor grundloser Denunziation

Graichens Erfolge beim Auffinden vernachlässigter und gequälter Kinder sind unumstritten, ihre Methoden nicht. Popularität gehört nicht ins nüchterne Polizeigeschäft, Erfolge werden allenfalls von oben verkündet, zumal ihre kleinen Siege der üblichen Darstellung zuwiderlaufen. Gern werden zum Jahresende Zahlen verkündet, die eine Milderung katastrophischer Zustände belegen, etwa eine Abnahme der Kindesmisshandlungen, ein spürbares Einlenken desinteressierter Eltern und Ähnliches mehr. In Berlin aber steigen die Fallzahlen von Jahr zu Jahr. Das sei zwar schon immer so gewesen, sagt Graichen, aber, ähnlich wie immer noch in anderen Städten, auf viel niedrigerem Niveau. Gibt beispielsweise Bremen die Häufigkeitszahl von Kindesmisshandlungen mit 4,37 (auf hunderttausend Einwohner) an und Hamburg gar nur mit 1,4, nennt Berlin inzwischen über vierzehn. Noch drastischer unterscheiden sich jetzt Fälle von Verletzung der Aufsichtspflicht, die vielerorts kaum in der Polizeistatistik zu Buche schlagen.

1600 Fälle hat sie in diesem Jahr betreut, fast immer kam es wegen des Grades der Verwahrlosung und wegen der Verletzungen der Opfer, der Kinder, zur Anzeige. Früher endeten solche Fälle, wenn sie überhaupt entdeckt wurden, in einen knappen Bericht des Polizeireviers vor Ort ans Jugendamt. In einer Statistik tauchten sie nicht auf; was anschließend unternommen wurde, blieb so wenig bekannt wie die vielen vorhandenen Beratungsstellen und Hilfsangebote, von betreuten Wohnungen über Mutter-Kind-Heime bis zum Fürsorger für eine einzelne Familie. Auch das beginnt sich langsam zu ändern. Befürchtete man anfangs noch, eine Hotline und Graichens Aufrufe könnten zu Denunziationen und Abrechnungen mit unliebsamen Nachbarn führen, so hat die Praxis dies gründlich widerlegt. Gina Graichen macht sich keine Illusionen über die grausame Unfähigkeit von Männern und Frauen, Eltern zu sein. Aber sie ist froh, dass sie etwas mehr Licht in das Dunkel bringen konnte.

Warum füttern sie ihre Hunde, ihr Kind aber nicht?

Eines ihrer Plakate zeigt einen authentischen Fall: drei Kinder, die in einem unvorstellbar schmutzigen Zimmer im Müll hocken. Ein Bild, das gerade erst wieder hätte gemacht werden können, und der Unterschied zwischen dem Fall vom Plakat und dem jüngst in einem netten Berliner Viertel entdeckten ist nur, dass die Polizei dieses Mal früher als damals eingreifen konnte. Vor wenigen Tagen erst hatte eine Frau ein siebenjähriges Mädchen aus der Nachbarschaft, das einen verwahrlosten Eindruck machte, im Supermarkt getroffen. Die Frau wunderte sich, weil das Mädchen nicht in der Schule war, und erfuhr von ihm, es sei dort schon lange nicht mehr gewesen, wegen der Geschwister. Sie alarmierte die Polizei. Die fand in einer vermüllten Wohnung die Geschwister, achtzehn Monate und drei Jahre alt, auf der Couch eine Mutter, mit dem vierten Kind schwanger, die angab, ihr sei nun mal alles zu anstrengend.

Die Kommissarin ist eine beherrschte Frau, anders könnte sie eine solche Aufgabe nicht über so viele Jahre bewältigen. Aber Angaben wie jene der Mutter, der das Leben über den Kopf wächst, ärgern sie immer noch. Genauso wie eine Schule, die nichts bemerkt haben will, weder den Hunger noch das Fehlen, und die weder ihre Polizei-Hotline noch die inzwischen auch endlich eingerichtete der Berliner Jugendhilfe nutzt. Ein Boulevardblatt versuchte, die Mutter zu verstehen; Verständnis, das Gina Graichen verweigert, weil ihr solche Frauen zu Hunderten begegnet sind. Frauen, die zwar wissen, wie man beim Sozialamt und bei der Kindergeldkasse Bedürftigkeit anmeldet, weil sie selbst oft auch nur das als Familienleben gekannt haben, die aber nichts mit Kindern anfangen können. Nur gebären sie immerzu neue, meinen, damit den Mann an sich binden zu können, strafen die Kinder mit Prügel, und Essensentzug, wenn die wieder mal ihr brüchiges Scheinglück stören, oder schauen unbeteiligt zu, wenn der Mann dies tut.

Graichen billigt diesen Eltern weder Verwirrtheit noch Unschuld zu, nur eine völlige Seelenblindheit, der höchstens mit fürsorgerischen Intensivmaßnahmen beizukommen ist. Sie will nicht verstehen, warum Eltern ihre Hunde füttern, ihr Kind aber nicht. Sie will das Kind nur finden, bevor es zu spät ist. Dann können andere versuchen, das Beste daraus zu machen.

Quelle: F.A.Z., 10.12.2007, Nr. 287 / Seite 40
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Jahrgang 1953, Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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