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Die Anglisierung der EU Europa spricht mit gespaltener Zunge

 ·  Die Eliten sprechen das „globale Englisch“, dem Alltag verbleiben die Nationalsprachen: Die Sprachenpolitik der EU lässt den Kontinent trotz hehrer Absichten verkümmern.

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© dpa In Europa werden mehr als 200 Sprachen gesprochen, die EU hat 23 Amtssprachen. Doch wenn es wichtig wird, reden alle nur englisch

Die Charta der Grundrechte der Europäischen Union aus dem Jahre 2000 stellt in Artikel 22 fest: „Die Union achtet die Vielfalt der Kulturen, Religionen und Sprachen.“ In einer Mitteilung aus dem Jahre 2005 entwirft die Kommission „eine neue Rahmenstrategie für Mehrsprachigkeit“. Eine Mitteilung der Kommission aus dem Jahre 2008 sieht die Mehrsprachigkeit sogar als „Trumpfkarte Europas“. Der Vertrag von Lissabon von 2007 stellt in Artikel 2 (3) fest, die EU wahre „den Reichtum ihrer kulturellen und sprachlichen Vielfalt und sorgt für den Schutz und die Entwicklung des kulturellen Erbes Europas“.

Europa hielt seine Mehrsprachigkeit sogar für so wichtig, dass es ihr einst einen eigenen Kommissar für Mehrsprachigkeit widmete. Vermutlich weil der Rumäne ungarischer Muttersprache es aber mit der europäischen Mehrsprachigkeit allzu ernst nahm, ist das Sprachen-Kommissariat bei der letzten Neubesetzung der Kommission wieder abgeschafft worden. Es ist nun die Unterabteilung eines unbedeutenden Kultur-Kommissariats.

Womit hatte sich der Sprachkommissar unbeliebt gemacht? Es ist schon seit langem offizielle sprachpolitische EU-Empfehlung, dass jeder Europäer drei Sprachen lernen soll: seine Muttersprache (gemeint ist die nationale Kultursprache, die ja nicht unbedingt die „Muttersprache“ ist) und zwei andere europäische Sprachen. Die Formel dafür ist M+2.

„Adoptiv-Sprecher“ gesucht

Das funktionierte allerdings nicht besonders gut, weil die Europäer immer weniger einsahen, warum sie denn eine zweite Fremdsprache lernen sollten, wenn sie doch mit Englisch alle kommunikativen Bedürfnisse befriedigen können. Faktisch lernten und lernen die Europäer daher neben ihrer Muttersprache immer mehr nur noch Englisch (M+E), zweite Fremdsprachen werden immer weniger gelernt, und die Briten lernen gleich gar keine Fremdsprache mehr (M=E), sie können ja mit ihrer M mit allen kommunizieren.

Der Sprachkommissar fand die Sprachen Europas aber so wichtig, dass er jedem Europäer eine „Adoptiv-Sprache“ empfahl. Jeder Europäer solle sich mit einer weiteren Sprache Europas anfreunden und diese wie ein Adoptivkind zu seiner Herzensangelegenheit machen und pflegen. In jedem europäischen Land solle es „Adoptiv-Sprecher“ jeder anderen europäischen Sprache geben, so dass die horizontalen kulturellen Beziehungen zwischen den europäischen Völkern belebt und gestärkt würden.

Die nationalen Regierungen der EU haben diese bildungspolitisch wichtige und wirklich europäische Idee des Sprachkommissars unmittelbar gehasst: Sie befürchteten offensichtlich, nun in jeder Schule Lehrer für alle dreiundzwanzig europäischen Sprachen zur Verfügung stellen zu müssen, damit die Europäer auch alle Sprachen der Union adoptieren können. Das wäre in der Tat teuer geworden. Da wurde der Kommissar lieber kaltgestellt.

Mächtige Anglisierungskampagne

Die Sprachen Europas sind schon in Brüssel eine ziemlich teure Angelegenheit. Es gibt 23 offizielle Sprachen der EU bei 27 Mitgliedstaaten: von Bulgarisch bis Ungarisch. Der Dolmetscherdienst des europäischen Parlaments und das Recht jedes europäischen Bürgers, in seiner Sprache mit den europäischen Institutionen zu verkehren, führen zu Kosten, die etwa ein Prozent des Gesamtbudgets der EU ausmachen, im Jahr 2004 waren das 2,28 [Euro] pro Bürger. Jedenfalls hatten die europäischen Regierungen offensichtlich keine Lust, noch mehr Geld für die Sprachen auszugeben, die sie in den poetischen Teilen der europäischen Verträge doch für so wichtig halten.

Doch mehr noch: Es kann nicht übersehen werden, dass in vielen Staaten Europas, vor allem in den Ländern Nordeuropas und in Deutschland, eine Politik der sprachlichen Vereinheitlichung des Kontinents betrieben wird. Das schönste und brutalste Vorbild dafür gibt die Uniformierung Frankreichs zwischen der Revolution und der Mitte des 20. Jahrhunderts.

Genauso wird nun die sprachliche Vereinheitlichung des Kontinents massiv vorangetrieben. Vom Englischen im Kindergarten bis zur Universität findet eine mächtige Anglisierungskampagne durch die nationalen Erziehungsinstitutionen statt (hier fragt übrigens niemand danach, was das eigentlich kostet, sicher mehr als der Sprachdienst der EU).

Kein Identifikationssymbol für Europa

Der Unterschied zur nationalsprachlichen Vereinheitlichung ist aber der, dass keine „national-europäische“ Propaganda diesen Prozess begleitet. Niemand sagt in Europa: „Wir wollen eine Nation werden, und deswegen brauchen wir eine gemeinsame Sprache.“ Die Propaganda kommt nicht aus der EU, sondern aus den von der Wirtschaft gedrängten Nationen, sie ist im Wesentlichen ökonomisch, nicht politisch oder kulturell, sie ist global und nicht europäisch.

Eine Sprache lernen, aus welchen Gründen auch immer, ist immer wertvoll, und Zweisprachigkeit ist natürlich besser als provinzielle Einsprachigkeit. Aber: Englisch wird bei dieser sprachlichen Vereinheitlichung des Kontinents kein Identifikationssymbol für Europa sein, so wie Französisch das entscheidende Identifikationsmerkmal für die Bürger der Französischen Republik seit der Revolution. Das globale Englisch ist kulturell allenfalls amerikanisch konnotiert. Wer heute Englisch lernt und seine alte Eingeborenensprache hinter sich lässt, tut das nicht für Europa, sondern für sich und die Welt.

Die Nationalsprache ist nur noch niedere Alltagssprache

Natürlich werden die Nationalsprachen deswegen nicht gleich verschwinden. Denn zunächst werden die Bürger Europas ja zweisprachig. Das ist, wir erleben es ja täglich, erst einmal wunderbar. Die Menschen verständigen sich mit ihrer neuen Verkehrssprache in ganz Europa. Nicht so erfreulich allerdings sind die Konsequenzen für die Nationalsprachen der glücklichen zweisprachigen Europäer.

Absehbar ist nämlich die Entwicklung einer Diglossie: Wie im Mittelalter (gesellschaftlich und kulturell) oben Latein und unten die Volkssprachen (Vulgare) gebraucht wurden, so wird jetzt oben, in den hohen und wichtigen Diskursen, zunehmend die Hohe Sprache Englisch verwendet, unten, im Alltag und bei weniger wichtigen Redeanlässen, die alten Nationalsprachen.

Deren Ansehen sinkt bei ihren Sprechern, wenn die prestigereichen Diskurse nicht mehr in ihr stattfinden. Die Nationalsprachen fallen zurück in den Zustand der Vernakularsprache, also „niederer“ Alltagssprache, aus dem sie sich seit dem 16. Jahrhundert gegen das Hohe Latein gerade erfolgreich emporgearbeitet hatten.

Wir brauchen eine funktionale Aufteilung der Sprachen

Der Prozess der Revernakularisierung der europäischen Sprachen macht nun die wichtigste sprachhistorische Entwicklung in der europäischen Geschichte wieder rückgängig und löscht die Europäität der europäischen Sprachen. Europa ist nämlich eine gemeinsame Erbschaft in verschiedenen Sprachen, die aufeinander hören und miteinander und mit der gemeinsamen Vergangenheit verbunden sind. Wenn die Sprachen nicht mehr für die hohen Diskurse zuständig sind, verlieren sie ihre Europäität und werden lokal und provinziell. Von einer „harmonischen Koexistenz“ der Sprachen in Europa kann da nicht mehr die Rede sein.

Denkbar ist daher à la longue durchaus die völlige sprachliche Vereinheitlichung, also das Einsprachigwerden Europas, so wie sich Frankreich sprachlich vereinheitlicht hat, das seine alten regionalen Sprachen aus den Schulen und allen Institutionen aufs Land, zu den Bauern verbannt und schließlich zum Verstummen gebracht hat. So wie das Bretonische oder das Okzitanische im Französischen versanken, so gehen Deutsch, Italienisch, Dänisch im Englischen unter.

Natürlich kann es nicht darum gehen, das Englische als Verkehrssprache wieder abzuschaffen. Die Frage ist vielmehr, eine funktionale Aufteilung zwischen dem Englischen und den anderen Sprachen zu finden, welche die alte Europäität nicht zerstört. Vorbild könnte die Art und Weise sein, wie die römischen Eliten in ihrer lateinisch-griechischen Zweisprachigkeit bei aller Bewunderung des „höheren“ Griechischen ihr altes Latein tapfer bewahrt und kulturell erhöht haben.

Der europäische Weg wäre noch ein bisschen mühsamer, nämlich der Weg einer europäischen Mehrsprachigkeit, die tatsächlich die Formel der offiziellen europäischen Sprachpolitik M+2F ernst nimmt: M, die „Muttersprache“, bleibt das Gefäß der europäischen Tradition, das in der Nation bewahrt und gepflegt wird. F1, Englisch, ist zu erlernen, aber auf seine internationale Kommunikationsfunktion zu reduzieren, als nützliches Hilfsmittel, als Verkehrssprache. Es brauchte nicht, wie etwa in der aktuellen Intensiv-Anglisierung Deutschlands, mit großem Aufwand in den Rang einer zweiten Muttersprache gehoben zu werden, und es dürfte vor allem nicht die alten Sprachen aus den wichtigsten Diskursdomänen vertreiben.

Hier müssten die europäischen Eliten römischen Geist entfalten und sich nicht als beflissene Graeculi (Americanuli) gerieren. Diese funktionale Einschränkung des Englischen bei gleichzeitiger Pflege der alten Nationalsprachen ließe dann genügend Zeit, um sich auf eine weitere europäische Sprache F2 einzulassen. Ziel dieses Einlassens wäre das Sich-Anfreunden mit dem Anderen, wie Hegel einmal den Sinn des Fremdsprachenlernens bestimmt hat, das Adoptieren einer anderen Weltansicht. Man könnte es auch europäische Bildung nennen.

Der Autor ist Romanist und Linguist. Er lehrt an der Jacobs Universität Bremen.

Quelle: F.A.Z.
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