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Frankreich im Wahljahr : Ein neuer Geist von ’68

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Unter dem Arc de Triomphe weht die Tricolore: Die französische Präsidentschaftswahl wird am 23. April (erster Wahlgang) und am 7. Mai (Stichwahl) stattfinden. Bild: Picture-Alliance

Die Präsidentschaftswahl in Frankreich führt uns vor Augen, in welcher Krise sich das linke Denken befindet. Sie zeigt aber auch, wie wir es erneuern können. Ein Gastbeitrag.

          Zehn Jahre ist es her. Im April 2007, mitten in einem anderen Präsidentschaftswahlkampf, erschien mein Buch „Über eine konservative Revolution und ihre Wirkung auf die französische Linke“. Ich wollte zeigen, dass wir unsere damalige Situation nur verstehen konnten, wenn wir sie in einen größeren historischen Zusammenhang stellten. Ich beschrieb den spektakulären Rechtsrutsch, der in den achtziger und neunziger Jahren im politischen und intellektuellen Feld Frankreichs stattgefunden hatte. Diese historische Entwicklung war nicht spontan eingetreten. Technokraten, Wissenschaftler, Journalisten, Banker und Industrievertreter, die sich in Think Tanks zusammentaten, um ihre selbsternannte „Modernisierung“ voranzutreiben – im Grunde war das die Aufhebung der Grenze zwischen rechts und links –, hatten das linke Denken gezielt demoliert.

          Als ihren Feind machten diese Diskurse nicht nur den Marxismus aus, sondern all die Referenzen, die bis dahin das linke Denken bestimmt hatten, die Existenz sozialer Klassen, der soziale Determinismus, die antagonistische Struktur der Gesellschaft. Indem man die Unterteilung in links und rechts aufhob, wollte man die politische Entscheidungsfindung ganz und gar den Experten überlassen und die Herrschaft der Finanzmärkte als das einzige unverhandelbare Prinzip durchsetzen.

          Dider Eribon wurde 1953 in Reims geboren und lehrt Soziologie an der Universität von Amiens. Sein autobiographischer Essay „Rückkehr nach Reims“, der bei Suhrkamp erschienen ist, wurde auch in Deutschland viel diskutiert.
          Dider Eribon wurde 1953 in Reims geboren und lehrt Soziologie an der Universität von Amiens. Sein autobiographischer Essay „Rückkehr nach Reims“, der bei Suhrkamp erschienen ist, wurde auch in Deutschland viel diskutiert. : Bild: Picture-Alliance

          Konsequenz dieser Entwicklung war, dass die Linke ihren traditionellen Referenzrahmen aufgab und den der Rechten übernahm. Dieser Umschwung geschah vor allen Dingen innerhalb der Sozialistischen Partei, deren politische Praxis sich grundlegend änderte. Die Regierungslinke ließ das einfache Volk vollständig fallen und führte eine Spaltung zwischen diesen sozialen Schichten und der Linken als solcher herbei. Die Wahlbeteiligung sank, der Front National bekam immer größeren Zuspruch in den unteren Schichten. In letzter Zeit hat sich dieses Phänomen weiter verstärkt. Unter François Hollande hat die Linke ihren Rechtsrutsch auf spektakuläre Weise vollendet. Es ist wenig verwunderlich, dass Le Pen in den Umfragen für den ersten Wahlgang bei 25 Prozent liegt.

          Präsidentschaftswahl : Wahlkampf-Endspurt in Frankreich

          2.

          Manche Kritiker haben mir entgegengehalten, die Wähler des Front National gehörten gar nicht den unteren Schichten an oder hätten, falls doch, schon früher nicht links gewählt. Wer so argumentiert, verweigert eine Realität, weil sie ihm nicht gefällt. Bei allen französischen Wahlen seit 1984 hat sich der Befund bestätigt. Man braucht nur auf der Karte nachzuschauen, wo der FN seine spektakulärsten Wahlerfolge erzielt: in Nordfrankreich zum Beispiel, wo früher das Stammland der Arbeiterbewegung war. Oft machen Familien oder Einzelne, die ganz lange links gewählt haben, durch ihre Rechtswahl ihrem Unmut Luft. Die Wähler der jüngeren Generation gleichen ihren Eltern und Großeltern zwar in gesellschaftlicher und geographischer Hinsicht – ihre Position ist strukturell, in Bezug auf die Gesamtgesellschaft die gleiche –, an der Wahlurne verhalten sie sich aber von vorneherein anders. Aus der selbstverständlichen Zustimmung zur Linken ist eine nicht weniger selbstverständliche zu den Rechtsextremen geworden. Die Zahlen bestätigen es: Fast jeder zweite Arbeiter oder Arbeitslose geht nicht wählen, und von denen, die es tun, wählt fast jeder zweite den Front National. Bei jungen und besonders bei Erstwählern sind die Zahlen noch höher. Das ist das neue Antlitz des Klassenkampfes.

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