06.07.2006 · Deutschland, dein Märchen geht traurig aus: Wir werden nicht von Klinsmännern regiert, die noch in der letzten Minute Schicksale wenden, sondern von Politikern, die unser Schicksal sind. Von Frank Schirrmacher.
Von Frank SchirrmacherUnd dann, als wir letzte Woche durch Fahnenmeere und Jubel durch ein sonnendurchflutetes Berlin mit dem Taxi von Mitte Richtung Olympiastadion fuhren, hörten wir, daß es hinter uns krachte, als sei etwas zerbrochen. „Der Wagen geht kaputt“, riefen wir dem Taxifahrer zu, besorgt, wir kämen zu spät zum Spiel. Freundlich, ja liebevoll musterte uns der Fahrer durch seinen Rückspiegel, und sagte: „Nein, mein Herr, der Wagen nicht. Es ist ein Band von meinem Herzen, das da lag in großen Schmerzen, als ihr in dem Brunnen saßt, als ihr ein Frosch wart“. Noch einmal und noch einmal krachte es auf dem Wege, und immer meinten wir, der Wagen breche, und es waren doch nur die Bande, die vom Herzen des treuen Fahrers absprangen, weil wir erlöst und glücklich waren. Und jetzt konnten auch wir uns daran freuen.
Wir hatten in finsteren Brunnen gesessen. Wir waren Frosch. Ziemlich garstige Leute wahrscheinlich, wenn man uns im Rückspiegel sah. Besorgt, verloren, vom Unglück verfolgt und verhext. Bis am 9. Juni eine Verwandlung einsetzte, die eine Erlösung war. Da kam ein Ball. Ein goldener. Da kam ein goldener Ball geradewegs in unseren Brunnen geflogen. Der Fußball hat die Deutschen mit einer solchen Wucht an jene Wand geknallt, gegen die sie seit zehn Jahren anrennen, daß, wie weiland beim Froschkönig, aus dem Molch ein Prinz (und aus der Molchin eine Prinzessin) wurde. Noch unsere Enkel werden davon erzählen, wie es war, als ihre sonst immer so besorgten und bedrängten Großeltern für ein paar Wochen ihre Herzen nicht mehr in Eisen legten.
Es war eine Annektion
Und nun ist unser voreilig abgerüstetes Herz doch gebrochen. Brach es wegen Grosso? Nein. Brach es angesichts der Verzweiflung des wahrhaft großen Klinsmann? Nein. Es brach, um genau sein, in der 131. Minute. Was Ballacks Tränen nicht vermocht hatten, geschah nun binnen Sekunden, es stieg aus dem Brunnen und kam auf uns zu, wie das unheimliche Mädchen in „The Ring“ auf den Fernsehzuschauer zukommt.
Über das Spielfeld, quer über den grünen Rasen, schritt im grünen Jackett Angela Merkel. Es war kein Weg, es war eine Annektion, die Rückeroberung des Spielfeldes, das die Politik allzu lange den anderen überlassen hatte. Sicherheitsbeamte hinter ihr. Wir hatten schon ganz vergessen, wie das ist, wenn man im Fernsehen immer nur Menschen sieht, hinter denen sich sonnenbebrillte Waffenträger versammeln. Und eingerahmt war sie von Horst Köhler einerseits und dem Regierungssprecher Wilhelm andererseits. Es war furchtbar, es war die wirkliche Niederlage.
Ein völlig überflüssiger Besuch
Ein völlig überflüssiger, ein von niemandem gewollter, ein übrigens voreiliger Besuch von Bundeskanzlerin und Bundespräsident in der Umkleidekabine. Was sollte das eigentlich? Wem wollte man anmaßenderweise Trost spenden? Uns nicht. Die Frau in dem grünen Jackett hatte gleichsam am Spielfeldrand allen Ernstes von einem „Durchbruch in der Gesundheitsreform“ geredet, was ungefähr so wäre, wie wenn Klinsmann nach dem Spiel gesagt hätte, es sei egal, ob man gewonnen oder verloren habe, wichtig sei, daß man sich mit den Italienern auf ein Ergebnis geeinigt habe.
Dieser Anmarsch des hohen Paars auf dem Spielfeld - das wirkte wie eine Drohung. Die beiden Repräsentanten des Staates, die wie wenig andere, wie wir jetzt alle sehen, für einen folgenlosen, rein verbalen Reformprotestantismus stehen, verkünden als diejenigen, die als erste Politiker ihren Fuß auf das Fußballfeld setzen, eine ganz andere Botschaft: Schluß mit dem Prinzen und Prinzessinnenspiel. Wir sind wieder Frosch.
Wir wollen nicht mehr Frosch sein
Wir sitzen im Brunnen, und alle vier Jahre fällt uns unsere Wahlstimme wie eine goldene Kugel zu. Diese will die Politik gerne haben. Wir dagegen wollen nicht mehr Frosch im Froschbrunnen mit Froschtalkshows und Froschaugenperspektive sein. „Ach, ja“, sagte die Politik, „ich verspreche dir alles, was du willst, wenn du mir nur die Kugel wiederbringst.“ Sie dachte aber, der einfältige Frosch mag schwätzen, was er will, der sitzt doch im Wasser bei seinesgleichen und quakt und kann keines Menschen Geselle sein.
Soll das jetzt wieder losgehen, nachdem wir erlebt haben, wer und wie wir sein können? Will dieses Land wirklich den Wortbruch als Prinzip der Politik akzeptieren? Wollen wir weiterhin im Fernsehen so sanfte, fernsehratskompatible Interviews mit Politikern, von denen ein Jürgen Klinsmann nur hätte träumen können? Wollen wir sie, die Politiker, überhaupt so oft so unkritisch im Fernsehen sehen?
Das ging aber nicht
Merkels erkennbares Prinzip: „Reden, reden, reden lassen“ wird uns allen wirklich schaden, weil wir nicht mehr merken, daß, während wir reden, das Spielfeld unserer Freiheit schon von der Politik okkupiert worden ist. Zwanzig Euro - um ein Beispiel Volker Kauders zu erwähnen - hätten ausgereicht, um eine demographische Rücklage für die Krankenversicherung zu bilden. Zwanzig Euro, um den heute Dreißig- bis Fünzigjährigen, die einmal die Mehrheit der Alten stellen werden, eine Zukunft in Würde zu ermöglichen. Kauder: „Das ging aber nicht.“
Wir haben erlebt und werden es Jürgen Klinsmann nicht vergessen: daß Schicksale und Spiele noch in der letzten Minute gewendet werden können. Man kämpft nicht nur bis zu letzten Minute, man kämpft für die letzte Minute. Das unterscheidet, was wir im Fernsehen sahen, von dem, was wir in Deutschland erleben.
Kein Glaube ans Finale
Niemals hat Klinsmann gesagt, er möchte Deutschland dienen, und diente dem Land doch gerade dadurch, daß er an Entscheidungen und nicht ans Unentschieden glaubte. Frau Merkel glaubt an ein Unentschieden und nennt es Sieg. Sie tut so, als wolle sie ein Spiel in letzter Sekunde entscheiden, aber nur sie weiß, daß oben links, wo die Uhr auf dem Bildschirm tickt, kein Ende eingebaut ist. Politik glaubt nichts ans Finale. Es gibt keine Entscheidung, kein Risiko, keine Wahrhaftigkeit, weil es keine letzten Sekunden gibt. Frau Merkel würde sagen: zum Glück. Wir, die wir, ehe wir ins Brunnenloch zurückgetrieben werden, wissen seit dieser Weltmeisterschaft, was es heißt, Schicksale zu wenden.
Jetzt, ehe es bald vorbei ist mit den Spielen, die uns aufgeweckt haben, sehen wir die beiden noch ein letztes Mal über das Spielfeld eilen. Schon nehmen wir die Froschpersktive ein, schon wird es grauer, schon nimmt die Politik staatstragend den Fußball mit vom Feld. „Warte, warte!“, rief der Frosch. „Nimm mich mit, ich kann nicht so laufen wie du!“ Aber was half es ihm, daß er ihr sein Quak-quak so laut nachschrie, wie er nur konnte! Sie hörte nicht darauf, eilte nach Hause und hatte den Frosch bald vergessen. So heißt's im „Froschkönig“, und hier würde das Märchen enden, wenn es von Politikern geschrieben worden wäre.
Aber selbst das Märchen weiß, daß Versprechen ebenso Tatsachen sind wie der Ball, den man in den Abgrund verschoß. Wortbruch rentiert sich auf Dauer nicht. Wir sollten hartnäckig bleiben und dem Ball dicht auf der Spur. „Was du versprochen hast,“ sagte der König zur Prinzessin Politik, „das mußt du auch halten! Geh nur und mach ihm auf!“ Und wenn diese Türe sich öffnet, dann wird die Begrüßung einzigartig sein.
Wir sind nicht Klinsmann
Georg Zeilinger (Carolsfeld)
- 05.07.2006, 21:11 Uhr
Kein Bock mehr auf's Frosch-Sein!
Jochen Guenther (ur8s)
- 05.07.2006, 21:24 Uhr
Wir sind nicht Klinsmann
Wilhelm Friedrich (WillyF)
- 05.07.2006, 22:29 Uhr
Wir unterschätzen Angela Merkel schon wieder ...
Rüdiger Kalupner (Ruediger_Kalupner)
- 05.07.2006, 22:39 Uhr
Wir sind nicht Klinsmann
Daniel Rossmann (Danielrossmann)
- 06.07.2006, 00:30 Uhr