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Montag, 13. Februar 2012
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Deutschlands Kunstvereine Die Augenschule der Nation

02.04.2010 ·  Kunstvereine sind der Nährboden der deutschen Kunstlandschaft. Die Kommunen aber streichen Gelder. Ein fataler Fehler, denn ihr Prinzip der Netzwerke kann aktueller nicht sein. Swantje Karich hat sich auf eine Expedition begeben und dabei Erstaunliches entdeckt.

Von Swantje Karich
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Sind die Kunstvereine wichtig für unsere Gesellschaft? Einige Kommunen sind davon nicht mehr überzeugt. Die Skeptiker haben zunächst leichtes Spiel, wenn es darum geht, die Institution in Frage zu stellen: Sie bauten keine eigenen Sammlungen auf und müssten sich daher immer neu erfinden. Ihre früher tragende Rolle sei ihnen abhandengekommen, da es im Wust von Museen, Sammlermuseen, Galerien, Produzentengalerien, Kunstvereinen, privaten Showrooms, Kunstmessen keine klaren Grenzen mehr gebe.

„Es rumort und kriselt heftig in den deutschen Kunstvereinen“ - mit diesen Worten beginnt ein Kommentar in dieser Zeitung vom 15. März 1971. Vor neununddreißig Jahren standen die Kunstvereine offenbar schon einmal am Scheideweg: „Direktoren treten zurück, Vorstände werden abgewählt und gestürzt, Konkurse stehen ins Haus“, heißt es damals. Auch jetzt ist es wieder an der Zeit, die Bedeutungsfrage zu stellen: Angesichts leerer Kassen wird die Lage der Kunstvereine immer schwieriger.

Vor vierzig Jahren folgte auf die vermeintliche Krise eine entscheidende Wendung, nämlich eine Ausrichtung auf junge Kunst und internationale Entwicklungen. Die Kunstvereine wurden die angesagten Offspaces der heutigen Zeit, sie zeigten, was in der Zukunft wichtig werden würde: Beuys etwa provozierte damals im Kölnischen Kunstverein einen Skandal, der für massenhafte Austritte sorgte, heute aber legendär ist. Was aber bringt das Jahr 2010 für die Vereinigungen?

Der größte Verein in Düsseldorf, der kleinste in Gießen

Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine (ADKV) hat eine Stellungnahme zu den geplanten Einsparungen auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Der Appell ist eindeutig: „Viele Kommunen haben bereits Kürzungen ihrer Kulturetats angekündigt, zum Teil pauschal um fünf, zehn, zwanzig oder gar dreißig Prozent. Gerade für kleine Kulturinitiativen - wie Kunstvereine - bedeuten diese Einsparungen jedoch weit mehr als eine Reduktion ihres Handlungsspielraums; die Vielfalt und Fülle einer einzigartigen Kunstvereinslandschaft steht auf dem Spiel.“

Zwei aktuelle Anlässe gibt es für den Brief: Dem Freiburger Kunstverein drohte die Schließung, und nachdem in Stuttgart jahrelang nicht einmal der Ausgleich der Inflation ausgeglichen wurde, sollte der Kunstverein nun noch einmal die Hälfte seiner Projektmittel verlieren. Lohnt sich also die föderale Unterstützung der Kunstvereine überhaupt noch, die sowieso schon einen Großteil ihrer Mittel selbst besorgen müssen?

Insgesamt zweihundertachtzig Kunstvereine gibt es in Deutschland, sie zählen hundertfünfzigtausend Mitglieder. Doch Kunstverein ist niemals gleich Kunstverein. Der 13. Oktober 1792 ist Gründungstag des ersten Kunstvereins in Nürnberg als Kunst-Gesellschaft. Den größten hat Düsseldorf vorzuweisen: Man verfügt über eine Fläche von dreihundertfünfzig Quadratmetern, über etwa dreitausendfünfhundert Mitglieder mit einem moderaten Altersdurchschnitt von fünfundvierzig Jahren; das Jahresbudget liegt bei 400 000 Euro.

Der nach eigenen Angaben kleinste Kunstverein Deutschlands befindet sich in Gießen. Er verfügt über 8,5 Quadratmeter Ausstellungsfläche, und seine hundertachtzig Mitglieder sind im Durchschnitt vierzig Jahre alt. Der Verein hat ein Jahresbudget von 10 000 Euro. Für die Mitglieder aller Kunstvereine stehen Ende Dezember traditionell Jahresgaben bereit - das sind Kunstwerke, die ausgestellte Künstler dem Verein geschenkt haben. Sie ähneln Editionen zu niedrigen Preisen.

Das Haus versinnbildlicht Freiheit und Demokratie

Im internationalen Vergleich sind die deutschen Kunstvereine einzigartig. Sie bringen qualitätsvolle, junge Kunst bis in die tiefste Provinz und öffnen den Blick für zeitgenössische Diskussionen.

Die ersten Kunstvereine wurden in den Jahren 1800 bis 1840 vom aufstrebenden Bürgertum mit dem Ziel gegründet, auch Laien mit zeitgenössischer Kunst vertraut zu machen - die Beschäftigung mit Kultur sollte nicht länger allein dem Adel überlassen werden. Auch deshalb gelten Kunstvereine gemeinhin als Wegbereiter der Demokratie im Kulturbereich. Während sich Museen früher vor allem dem Sammeln von Kunst widmeten und Galerien mit Kunst handelten, hatten sich die Kunstvereine als Non-Profit-Institutionen ausschließlich der Vermittlung verschrieben.

Heute jedoch rühren alle in allen Töpfen mit. Nur der Kunstverein hat seine Arbeit nicht wesentlich verändert.

Stephan Strsembski vertritt Christina Végh im Mutterschutz als Leiter des Bonner Kunstvereins. Für ihn versinnbildlicht sein Haus Demokratie und Freiheit. Es ist die häufigste Antwort, wenn man die Sinnfrage stellt. „Wir haben fünfhundert bis tausendfünfhundert Besucher pro Ausstellung und dennoch keinen Druck, was die Zahlen angeht, da konkurrieren wir einfach nicht. Wir sind frei von jedem Quotendruck“, sagt er.

Einmal im Jahr gebe es eine Mitgliederversammlung, und für Kunststudenten seien die kleinen Kunstvereine oft der erste Anlaufpunkt einer Karriere. Nicht nur, um selbst auszustellen, sondern auch, um das Auge zu schulen. Hier könnten sie sich einigermaßen unabhängig vom Markt profilieren und versuchen, dass eine Schau mit ihrem meist noch kleinen OEuvre bestückt wird.

Die Kaderschmieden für die Museen

Sicher ist, dass die Kunstvereine immer noch der Humus sind, auf dem die Kunstszene in Deutschland wächst und gedeiht. Da sind die Kuratoren, die, ganz gleich ob sie winzigen, kleinen oder großen Kunstvereinen vorstehen, mutig sind und Persönlichkeit in ihren Ausstellungen zeigen: Als Parallele zum Künstlerbild verkörpern sie das Idealbild eines hingebungsvollen Vollzeit-Kurators, der die dynamische Kunstszene zu seiner einzigen Familie erklärt. Die Kunstvereine funktionieren so als Kaderschmieden für die Museen.

Auf die Spitze treibt das derzeit der streitbare Florian Waldvogel, der seit 2009 für den Hamburger Kunstverein tätig ist. Waldvogels Konzept ist eine Hommage an die alte Tradition der Kunstvereine; er verbindet hochdiskursive Kunst mit lokalem Lebensgefühl: Einmal in der Woche lädt er die Mitglieder zum Mittagessen ein, jeweils fünf dürfen ihn auf seinen Dienstreisen begleiten. Außerdem bekocht er sie regelmäßig bei sich zu Haus. Ansonsten ist sein Arbeitsalltag vom Fundraising bestimmt: Die Stadt subventioniert nur die Personalkosten, den Rest muss er beschaffen. Für inhaltliche Ideen hat er deshalb meistens erst in den Abendstunden Zeit.

Diese Beschreibung kann man getrost als allgemeingültig für Kunstvereine annehmen. Und seine ersten Ausstellungen? Auch hier versucht er den Spagat: Die Schau „Uns Hamburg“ zeigt historische Pressefotos aus den fünfziger Jahren bis heute. Bedeutende Stadtereignisse wie die Flutkatastrophe, die Proteste um die Hafenstraße oder die Erfolge und Misserfolge des HSV sind auf den mehr als tausend Fotos zu sehen. Im Kontrast dazu zeigte Waldvogel im Sommer 2009 Fred Sandback und Marcel Tyroller, Jahrgang 1971. Sandback, schon fast ein Altmeister der Minimalisten, hat bis zu seinem Tod im Jahr 2003 mit Schnüren reduzierte Zeichnungen in den Raum gesetzt. Tyroller greift das Thema auf und treibt das Konzept weiter: Mit Hilfe eines Gebläses lässt er die Schnüre zur geometrischen Form des Halbkreises in der Luft tanzen.

Im Überangebot der Gegenwartskunst

Am 8. September 1964 stand in diesem Feuilleton über den Frankfurter Kunstverein: „Mit dem Einzug des Vereins in das ,Steinerne Haus' am Römer im November 1962 war die bedeutsame Munch-Premiere verbunden. Bis dahin wäre es oft unmöglich gewesen, selbst Ausstellungen zu übernehmen. Das war nun mit einem Schlag anders.“ Heute zeigen das Städel-Museum, die Schirn, der Portikus und das MMK junge, zeitgenössische Künstler. In diesem Überangebot an Gegenwartskunst hat der Kunstverein seit dem Weggang von Nicolaus Schafhausen vor fünf Jahren seinen richtigen Weg noch nicht gefunden.

Holger Kube Ventura ist seit Sommer 2009 Leiter in Frankfurt und versucht sich in dem Dschungel zu behaupten. Seine erste Ausstellung hieß „Bilder vom Künstler“ und beschäftigte sich mit der Rolle des Kunstschaffenden - als Freigeist oder Sonderling, Genie oder Zweifler, Seher oder Lehrer, Unterhalter oder Scharlatan. Als Lockmittel setzte Kube Ventura den schon etablierten Provokateur Wim Delvoye, Jahrgang 1965, ein, neben jüngeren Künstlern wie Michael Franz, Paule Hammer und Andreas Wegner. Natürlich stehen seine thematischen Ausstellungen in inhaltlicher Konkurrenz zur benachbarten Schirn, die gerne ungewöhnliche Perspektiven wählt, wie 2006 die Ausstellung zum „Nichts“.

Frank Schallehn, einfaches Mitglied im Frankfurter Kunstverein, ist damit jedoch nicht ganz zufrieden: Er wünsche sich auch mal eine Fotografieausstellung, die er ohne eine Führung begreifen kann, so wie man eben auch mal durchs Städel flaniere. Seinem Kunstverein würde er trotzdem niemals den Rücken kehren. Der Banker schätzt den direkten Kontakt; ihm ist es wichtig, teilhaben zu können am „Kunstbetrieb“. Nicht ganz unbedeutend sind dabei auch die Kneipe als Treffpunkt und die Partys im Haus. Einmischen in das Programm von Holger Kube Ventura würde er sich aber nicht. Inhaltliche Eingriffe vom Vorstand sind ebenfalls selten.

Schon kleinste Eingriffe können schlimmste Folgen haben

Wie kaum eine andere Institution steckt der Kunstverein dennoch zwischen dem übergeordneten Zusammenhang eines Kunstdiskurses von New York, Berlin und Paris und den Wünschen der Mitglieder fest; das kann auf beiden Seiten zu Frustrationen führen, denn die Kuratoren schielen meist auf spätere Museumsjobs, wollen sich mit ihrer Arbeit im Kunstverein weiterempfehlen. Gleichzeitig müssen sie die regionalen Wünsche erfüllen und Nähe zu den Mitgliedern beweisen.

In der jüngsten Geschichte der Kunstvereine gibt es zahlreiche exzellente Kuratoren, denen der Balanceakt gelungen ist und deren Kunstvereine einzigartige Vermittlungsorte geworden sind: zum Beispiel in Hamburg Yilmaz Dziewior, jetzt Direktor des Kunsthauses Bregenz, in Münster Carina Plath, Kuratorin am Sprengel Museum in Hannover, und in Hannover Stephan Berg, heute Direktor des Kunstmuseums Bonn. Sie alle waren einmal Kunstvereins-Akteure und greifen jetzt gehörig in die Ausstellungswelt ein.

Stephan Berg hat in Hannover zehn Jahre lang ein eindrucksvolles Programm gestaltet, von einer musealen Ausstellung zu Luc Tuymans über „Made in Germany“ bis hin zu Gregory Crewdson. Ein Beispiel für die personale und programmatische Kraft ist derzeit besonders Johan Holten am Heidelberger Kunstverein, er ist mittlerweile auch Vorsitzender des ADKV. Er hält die finanzielle Situation der Vereine für so fragil, dass schon kleinste Eingriffe schlimme Folgen haben könnten.

Eine mögliche Konsequenz: Die Kunstvereine kommen in Zugzwang und werden anfällig, zusammengeschnürte Ausstellungspakete von Galeristen zu übernehmen - wie man es in Einzelfällen schon jetzt erlebt. Doch es gilt, etwas sehr Kostbares zu schützen: Häuser, die eine Haltung zur Kunst vermitteln, und es mit geringen finanziellen Mitteln schaffen, eine programmatische Handschrift zu entwickeln.

Warum nicht einen eigenen Verein auf Mauritius?

Sie arbeiten nicht marktgängig, aber auch nicht marktfern oder naiv und sind trotz ihrer vergleichsweise übersichtlichen Organisationsstrukturen enorm innovativ. Kunstvereine wollen heute keine realitätsfernen Schonräume für Künstler mehr sein. Der Zusammenschluss oft komplexer junger Kunst mit den regionalen Strukturen macht die Arbeit der oft Ehrenamtlichen so bedeutend.

Dass die Welt der Kunstvereine eine Zukunft hat und auch bei jungen Leuten auf Interesse stößt, offenbart ein Projekt aus Frankfurt: Eine Gruppe von Künstlern um Janus Hochgesand und Philip Götze hat sich entschieden, - mehr oder weniger symbolisch - einen eigenen Verein auf Mauritius zu gründen. Das Exportland Deutschland solle das Kulturgut auch im Ausland anbieten und dadurch die „Förderung der Bildenden Kunst“ sicherstellen - natürlich als künstlerische Utopie. Die Künstler setzen mit ihrer Aktion dem Kunstverein ein schönes Denkmal, das in diesen Zeiten fast zu einem Mahnmal wird, den Kunstverein neu zu denken, um ihn für die Zukunft attraktiv zu halten. In ihrer Performance zum neuen Ort verlasen sie ihre Satzung: „Der Verein ist ausschließlich gemeinnützig tätig.“

Dieses Prinzip ist auch für Jan Apitz vom Leipziger Delikatessenhaus entscheidend. Für seinen kleinen Off-Raum, den es seit 2005 gibt, hat er sich für eine Kunstvereinsstruktur entschieden: „Wir wollten ganz bewusst nichts mit einer Galerie gemein haben. Die Vermittlung von Kunst, das oberste Prinzip der historischen Kunstvereine, steht bei uns ganz oben.“

Man sagt und schreibt gern: „Ich bin ein Fan“

Das Delikatessenhaus versucht in der Arbeit mit Jugendlichen, eine „gewisse familiäre Atmosphäre zu vermitteln, Teilhabe zu ermöglichen, ohne zu aufdringlich zu werden“. Die ausgestellte Kunst jedenfalls kann sich sehen lassen: Feine, filigrane Arbeiten, „Preziosen“, wie sie Apitz nennt, setzt das Haus der großformatigen „Neuen Leipziger Schule“ entgegen, die die Galerienszene der Stadt immer noch dominiert.

Einig sind sich Janus Hochgesand und Jan Apitz jedoch, was den Begriff des „Vereins“ angeht: „Er löst ein ungutes, altbackenes Gefühl aus und verstärkt die Schwellenängste vor dem White Cube.“ Seine Mitglieder verhalten sich eher wie „Fans“ bei Facebook. Die Parallele sieht auch Johan Holten aus Heidelberg: „Ich war voreingenommen, als ich zum Kunstverein kam, da ich noch nie Mitglied in einem Verein gewesen bin.“ Neue Strategien zur Bindung müssen also auch hier erfunden werden, ohne aber sich selbst und die Geschichte zu verraten: Nachdem sich in den vergangenen zehn Jahren ein Generationswechsel auf der Leitungsebene vollzogen hat, steht nun eine Veränderung in der Mitgliederstruktur an.

Eine wieder entflammte Vorliebe für Partizipation, wie man sie in sozialen Netzwerken von Facebook beobachten kann, könnte da auch unterstützend wirken. Man will wieder teilhaben an der Kunst. Man sagt und schreibt wieder gerne: „Ich bin ein Fan.“ Angesichts dieser Entwicklung wäre es eine traurige Pointe, dass ausgerechnet in dem Moment, in dem bürgerliche Selbstermächtigung virtuell neue Möglichkeiten findet, ihre ureigenste kulturelle Ausdrucksform des Kunstvereins in der Realität zugrunde ginge.

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Von Gerhard Stadelmaier

Nachhilfe zuerst: Die „Einführung“ nämlich ist republikweit an allen Theatern das meistgespielte Stück. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde. Mehr