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Veröffentlicht: 20.03.2014, 10:28 Uhr

Deutschland und die Krim-Krise Unter dem Strich: Morast


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Aber was muss sonst noch alles eingegangen sein in diese Rolle und Stimmung frustrierter Illusionslosigkeit, damit eine derart massive Mehrheit den über Russland verhängten Sanktionen ihre Zustimmung versagt? Eine differenzierte empirische Analyse brächte wohl eine Vielfalt heterogener Motive zutage. Etwa einen grundlegenden und durchaus auch außerhalb Deutschlands existierenden Vorbehalt gegen die Europäische Union, von der man auf internationaler Bühne nicht mehr vertreten sein möchte; eine nicht bloß schweigende Bewunderung für Wladimir Putin, weil er sich – in bewusstem Kontrast zur Europäischen Union – nicht scheut, „Außenpolitik“ in jenem prägnanten und traditionellen Sinn zu praktizieren, der militärische Macht als Instrument einschließt; hinzu kommt die Befürchtung – und wohl auch Überschätzung – der Abhängigkeit von Erdgas und anderen Rohstoffen aus Russland. Vor allem aber gehört zu dieser Haltung ein in seinen Ursachen und Wirkungen selbst komplexer Anti-Amerikanismus.

Welt-Verschwörungstheorie mit Durchblicker-Attitüde

Deshalb ist die Vermutung gewiss realistisch, dass in Deutschland vergangene amerikanische Militärinterventionen Protest und Empörung auf demselben demographischen Niveau ausgelöst haben (und weiter auslösen würden), auf dem Putins Krim-Annexion derzeit Zustimmung findet. Über die Ursprünge dieser Lage kann man endlos spekulieren. Wer sich dabei für eine Version psycho-freudianischer Logik entscheidet, wird zu der These gelangen, dass eine breite narzisstische Kränkung zum Nährboden des allgemeinen Anti-Amerikanismus in Deutschland geworden ist. Was man den Vereinigten Staaten als von der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts ererbtes Über-Ich nicht vergeben will, sind die immer neuen Wellen begeisterter Assimilation von Lebens-, Stil- und Technologieformen, die in Amerika erfunden wurden (bis in gängige Wendungen der Alltagssprache hinein, wie wir gesehen haben). Denn diese Begeisterung widerspricht einer Selbstwert-Prämisse, nach der Europa weiterhin das Kreativ-Zentrum der Menschheit sein muss. Nirgends wird dies deutlicher als in den elektronischen Lebensfomen, die Europa bis in seine Poren durchdrungen haben – und die zugleich in den vergangenen Monaten stärker denn je „von den Medien“ zum Instrument eines zugleich fortgesetzten und neuen amerikanischen Imperialismus dämonisiert worden sind. Auf dieser Ebene schlägt der gekränkte Kollektivnarzissmus jetzt in die Atmosphäre einer Welt-Verschwörungstheorie mit Durchblicker-Attitüde um, drastischer gesagt: in politisch-populistischen Morast.

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Gibt es etwas zu lernen aus dieser Entwicklung für die politische Klasse und für die Medien-Intellektuellen in Deutschland? Nicht zu übersehen ist, dass der über Jahrzehnte zur Beförderung eigener politischer Zwecke akkumulierte Bodensatz nun nicht ohne weiteres plötzlich saniert und durch klassische politische Grundwerte ersetzt werden kann. Diese Einsicht steigert sich zum wirklichen Dilemma in einer Gegenwart, welcher zugleich der Glauben an die praktische Kraft des Prinzips „Volkssouveränität“ verloren geht. In diesem Sinn ist außenpolitisch einfach nicht deutlich genug, welche Teile der Gesellschaft und welche Interessen man in der Ukraine unterstützen soll, während innenpolitisch der beschriebene Meinungs-Morast jeden Rekurs auf den Willen der deutschen Mehrheit verbietet. Sind wir so tatsächlich – unter dem Strich – in einer post-politischen Welt angekommen? Oder musste Politik schon immer mit solchen Widersprüchen leben – und in solchem Morast waten?

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