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Deutsches Museum in Nürnberg : Wer sich das ausgedacht hat, spinnt

Der Stadtraum, endliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2017. Dies sind die Abenteuer der bayerischen Kulturbaupolitik: Wolfgang Heckl, Generaldirektor des Deutschen Museums (links), und Finanzminister Markus Söder haben am 2. Juni den Mietvertrag für das Nürnberger Altstadtgelände unterzeichnet, auf dem ein Zweigmuseum mit dem Thema „Von Science-Fiction zu Innovation“ erbaut werden soll. Der lächelnde Dritte ist der Vermieter Gerd Schmelzer, Geschäftsführer der Nürnberger Alpha Gruppe. Bild: Nikolas Pelke

Wo ein Immobilienentwickler einen Leuchtturm sucht, kommt der Staat mit einem Kulturbau als Mieter: Das Muster des Münchner Konzertsaals wiederholt sich. Das Deutsche Museum soll in Nürnberg 2,5 Millionen Euro Jahresmiete zahlen.

          Was braucht man, wenn in unseren Städten eine alte Ecke so richtig schön neu aussehen soll, endlich wirklich urban? Natürlich die bewährte Mischnutzung: Hotels, Gastronomie, Shopping, Büros und Wohnen. Aber so glänzt die Anlageobjektsammlung noch nicht richtig. Kultur muss hinein, am besten eine große Institution, ein Leuchtturm, der die Nachbarschaft in einen goldenen Schimmer taucht. Ein Weltklasseorchester oder ein weltberühmtes Museum. Oder wenigstens ein Ableger dieses Museums mit demselben Namen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Wer kann so etwas bezahlen? Nur der Staat. Wer soll so etwas bauen und betreiben? Auch der Staat – möchte man meinen. Als Bauherr kann er die Kosten kontrollieren. Er hat, wo Kultur als Standortfaktor nachgefragt wird, eine gewaltige Marktmacht, die er gestalterisch einsetzen kann. Seltsam, wenn er diese Macht nicht nutzen will oder sogar aus der Hand gibt – wie in zwei aktuellen Fällen in Bayern.

          Wolfgang Heckl, der Generaldirektor des Deutschen Museums, berichtete am Mittwoch im Wissenschaftsausschuss des Bayerischen Landtags über die Generalsanierung der Münchner Museumsinsel und über die Dependance in Nürnberg, die nach einem Entwurf von Volker Staab auf einem Altstadtareal mit dem Maklerphantasienamen Augustinerhof errichtet werden soll. Auf 2900 Quadratmeter Ausstellungsfläche wird sich das Zweigmuseum dem Thema „Von Science-Fiction zu Innovation“ widmen. Darin spiegelt sich die Vision Heckls, der auch in München künftig der Zukunft der Technik mindestens so viel Raum geben will wie der Geschichte. In Nürnberg sollen junge Besucher durch die Kooperation mit fränkischen Unternehmen auch auf Ideen für die eigene Zukunft kommen: „Über die digitale Welt können sie einen Job finden bei Adidas.“

          Nur gemietet, nicht gekauft

          Sprecher aller Fraktionen kritisierten, dass das Museum das Gebäude nicht kauft, sondern mietet, obwohl für Bauvorhaben der öffentlichen Hand die Faustregel gelte, dass von einer Nutzungsdauer von zehn Jahren an der Erwerb günstiger sei. Der frühere Kunstminister Thomas Goppel (CSU) verwies warnend auf das Projekt des Münchner Konzertsaals, für das ein Grundstück auf dem Gelände der Pfanni-Fabrik jenseits des Ostbahnhofs ausgewählt wurde, das der Eigentümer nicht verkaufen will.

          Obwohl der Pfanni-Erbe Werner Eckart ein denkbar großes Interesse daran haben muss, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in seiner Nachbarschaft anzusiedeln, um den Kulturquartiercharakter seines „Werksviertels“ glaubhaft zu machen, ließ sich die Staatsregierung auf seine Bedingung ein, den Baugrund lediglich nach Erbbaurecht zur Verfügung zu stellen. Es sei aberwitzig, sagte Goppel, in Nürnberg nun nach dem gleichen Muster vorzugehen: „Wer immer sich das ausgedacht hat, spinnt.“

          Jahresmiete soll 2,5 Millionen Euro betragen

          In Nürnberg wird auf Kosten des Freistaats (ein Zuschuss des Bundes ist einstweilen Science-Fiction) ein privater Investor eine seit 2008 als Parkplatz genutzte Brache bebauen, die zwar im Unterschied zum Münchner Knödel-Areal als Filetstück gelten kann, aber für ihre Eigentümer gleichwohl bislang keine standesgemäße Rendite abwirft.

          Die auf die Revitalisierung von Brachflächen spezialisierte Alpha Gruppe erwarb das Grundstück 2007 in einer Zwangsversteigerung, nachdem der vorherige Eigentümer sich übernommen hatte. 1996 war ein Entwurf des aus Zirndorf bei Nürnberg gebürtigen Weltbaumeisters Helmut Jahn in einem Bürgerentscheid verworfen worden. (Ob diese Innovation, die Fiktion blieb, in Heckls Phantasiemuseum Erwähnung finden wird: als Warnung für die Jugend?)

          Auf die Bitte der Abgeordneten, die Rechnungen zu erläutern, aufgrund deren die Staatsregierung der Anmietung des ungebauten Museumsbaus den Vorzug vor dem Kauf des Baugrunds gegeben hat, verwies der zuständige Beamte aus dem Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst lediglich darauf, dass für den Eigentümer eines Hauses auch Fixkosten anfallen. Der Mietvertrag mit der Alpha Gruppe ist am 2. Juni unterzeichnet worden. Die Jahresmiete wird 2,5 Millionen Euro betragen. Nicht der Freistaat ist der Mieter, sondern das Deutsche Museum, weshalb sich die Landtagsabgeordneten darauf beschränkt sehen, nachträglich Kritik zu üben.

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          Gleichwohl ließ es sich Finanzminister Markus Söder, auch Heimatminister mit besonderer Zuständigkeit für seine fränkische Heimat, nicht nehmen, seine Unterschrift neben die von Heckl zu setzen. Um den „Quantensprung“ (Söder) für die fränkische Museumslandschaft nach allen Regeln des Wissenschaftsentertainments zu feiern, hatten sich Minister und Generaldirektor Trikots aus dem „Raumschiff Enterprise“ übergezogen. Der Vermieter musste sich nicht verkleiden: Gerd Schmelzer verkörpert auch so den Geist des freien Unternehmertums. Der Gründer der Alpha Gruppe ist der Ehemann der Nürnberger Kulturdezernentin Julia Lehner (CSU).

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