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Deutsche Sprache ins Grundgesetz? So weh dir, deutsche Zunge!

 ·  Der Bundesparteitag der CDU will die deutsche Sprache ins Grundgesetz aufnehmen. Würde der Sprache Verfassungsrang zugesprochen, wäre das eine weitere Etappe der Sakralisierung des Grundgesetzes.

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Wir auch! So lautet bündig die politisch korrekte, nicht gegen Einwanderer gerichtete Begründung des vom Bundesparteitag der CDU beschlossenen Antrags, Artikel 22 des Grundgesetzes um den Satz „Die Sprache der Bundesrepublik ist Deutsch.“ zu ergänzen. Wir wollen eine Verfassungsbestimmung über die Landessprache, wie sie siebzehn von siebenundzwanzig Staaten der Europäischen Union schon haben, nämlich Belgien, Bulgarien, Estland, Finnland, Frankreich, Irland, Lettland, Litauen, Malta, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, die Slowakei, Slowenien, Spanien und Zypern!

Die Sorge, dass Deutschland sich mit einer solchen Demonstration des Selbstbewusstseins wieder als verspätete Nation im Bann einer unerfüllbaren Sehnsucht nach Parität mit den vermeintlich älteren Kulturnationen des „Westens“ erweisen würde, hätten die Herolde des Pflichtdeutschen ausräumen können, wenn sie ohne Umwege ein „Wir wieder!“ proklamiert hätten. Es gab ihn schon, den deutschen Staat, in dem die verfassungstextliche Bezugnahme auf die Sprache definierte, wie es sich der saarländische Ministerpräsident Müller wünscht, „was den Staat ausmacht“. Bis 1806 war die Form der deutschen Existenz das Heilige Römische Reich deutscher Nation. Das letzte Wort dieser deutschen Fassung der amtlichen Titulatur ist ein Fremdwort. Die deutsche Entsprechung für „Nation“ ist „Zunge“.

Die universalistische Mission der Deutschen

Man kann den Zusatz als regionale Einschränkung des mit dem römischen Erbe gegebenen universalen Anspruchs sehen: Er zog in die Reichstagsakten ein, als um 1500 der effektive Einfluss des römischen Kaisers und deutschen Königs, der auch König von Burgund und Italien war, auf die deutschsprachigen Gebiete schrumpfte. Auch die entgegengesetzte Deutung ist möglich. In der Zeit schwindender Kaisermacht kodifizierte der Reichstitel die universalistische Mission der Deutschen. Deren Selbstverständnis drückte sich in der Theorie der translatio imperii aus: Das Reich war von den Römern auf die Leute deutscher Zunge übertragen worden. Jede weitere Frage nach der Identität dieser Leute erübrigte sich: Die lingua teutonica oder, mit der latinisierten Form des deutschen Wortes, theodisca ist die Volkssprache. Witzigerweise war es ein „taz“-Kommentator, der sich gestern für den CDU-Vorschlag aussprach - mit dem Hinweis, unser Land verdanke seinen Namen der gemeinsamen Sprache seiner Völker.

Allerdings sprachen auch um 1500 nicht alle Untertanen des Kaisers Deutsch. Dem König von Böhmen wurde von manchem das Königswahlrecht abgesprochen, weil er kein deutscher Mann sei. In historischer Betrachtung ist es kein Zufall, dass der Stuttgarter Antrag aus dem Saarland kommt, aus der Zone, in der sich jahrhundertelang römisch-deutsches Imperium und französisches Regnum überlagerten.

Einhellige Ablehnung

Zur deutschen Sprachidentitätspolitik gehört seit jeher die Polemik gegen welsche Unart. Ein Diplomat aus der westlichen Grenzregion des Reiches, der Bevollmächtigte des Erzbischofs von Trier, hielt 1454 auf dem Regensburger Reichstag eine Rede, in der er verklausuliert die Not beklagte, in die kaiserliche Untätigkeit die „gruntfesten Teutschen“ und wegen der historischen Aufgabe dieser Deutschen die ganze Welt gebracht habe: So ein vornehmes, würdiges und edles Land, „als Teutsch gezunge ist“, sei liederlich zerstritten; verachtet werde „das heilig reich“, das „so loblich an Teutsch gezunge bracht“ worden sei. Der Grund der Regensburger Alarmstimmung? Die Türkengefahr.

Die Goldene Bulle Karls IV., das Reichsverfassungsgesetz von 1356, erwähnt die deutsche Sprache: Die Söhne der Kurfürsten sollen Latein, Italienisch und Französisch lernen, „da anzunehmen ist, dass sie das ihnen natürlich eingepflanzte Theutonicum ydioma beherrschen“. Die einhellige Ablehnung, die dem CDU-Projekt in der Öffentlichkeit entgegenschlägt, hat einen Grund im Zweifel an der Sprachbeherrschung der politischen Klasse. Sie hat die Rechtschreibreform oktroyiert, die durch die vorgeschlagene Grundgesetzergänzung nicht hätte verhindert werden können; die Volkssprache muss ihre amtliche Regulierung aushalten.

Sakralisierung des Grundgesetzes

Der Zusatz soll noch nicht einmal die indirekte Zwangswirkung eines Staatsziels entfalten; die Universität Frankfurt müsste ihr House of Finance nicht umbenennen, genösse weiterhin den Schutz nicht so sehr der Forschungsfreiheit als des ungeschriebenen Rechts auf Unfug. Wo Verfassungssätze keine praktische Wirkung anstreben, ist ihr Sinn zivilreligiös. Die „Verbindlichkeit der Sprache“ kann laut Bundestagspräsident Lammert nicht „eines von vielen Angeboten sein“. Würde dieser unausweichlichen sozialen Verbindlichkeit Verfassungsrang zugesprochen, wäre das eine weitere Etappe der von dem Staatsrechtslehrer Horst Dreier kritisierten Sakralisierung des Grundgesetzes. Die heutige Gestalt des den Deutschen übertragenen römischen Universalismus ist die Verteidigung der westlichen Werte.

„Sô wê dir, tiuschiu zunge / wie stât dîn ordenunge!“ Mit seinem Reichston gab Walther von der Vogelweide den Ton aller Leitkulturdebatten vor: den „einer wehleidigen Klage“ (Heinz Thomas). Keinen Grund zur Klage gibt es, bleibt die Kanzlerin bloß ungerührt. Sie weiß, dass der Staat die Landessprache nicht festzulegen braucht. Das ist nämlich schon die Sprache, die hier die Leute sprechen, das heißt: die deutsche.

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