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Deutsche Soldatengräber in Istanbul : Was das Leiden im Krieg ausmacht

Kaiser Wilhelm II. soll getobt haben, als er den Entwurf 1917 sah: Das zentrale Gefallenendenkmal auf dem Friedhof Tarabya, gestaltet von Georg Kolbe Bild: Klaus Wolf

Sie fielen im Ersten Weltkrieg, begraben sind sie in Istanbul: Warum ein Bundeswehr-Oberst dem Schicksal deutscher Soldaten auf dem Friedhof Tarabya nachspürt.

          Der Blick von Bundeswehr-Oberst Klaus Wolf liegt auf dem Bosporus, doch was er sieht, ist nicht die türkische Gegenwart, sondern das Kriegsjahr 1916. Unten im Park liegt die deutsche Kulturakademie Tarabya, hinter ihm der deutsche Soldatenfriedhof von Istanbul mit 667 Gräbern. Das Nato-Quartier, in dem er arbeitet, ist nicht weit weg. Es ist still auf dem Plateau. Eine Möwe fliegt vorbei. Irgendwann sagt Wolf: „Dort drüben muss die UB 46 auf ihrer letzten Fahrt langgefahren sein. Am 7. Dezember wurde sie dann versenkt. Das Wetter war mies. Die Männer hatten sich alle sehr auf Weihnachten gefreut.“

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Das ist ja traurig“, sagt die Performancekünstlerin Nezaket Ekici, die sehr dicht neben ihm steht. Wolf dreht sich zu ihr um, sein Ellbogen kollidiert mit ihrem Oberarm. Er ruft „O Pardon!“, und macht einen Satz zur Seite. Kies spritzt unter seinen Füßen auf, die Performancekünstlerin taumelt. Es ist eine Szene wie aus einem alten Spielfilm: Mann mit graumeliertem Haar erzählt jüngerer Frau vom Krieg, während drumherum im blühenden Park die Vögel zwitschern. Männer wie Oberst Wolf, galant, aufmerksam, akkurater Kurzhaarschnitt, drahtige Figur und leichter Bremer Zungenschlag, gibt es eigentlich nicht mehr.

          Nur die Künstlerin hörte noch zu

          Klaus Wolf, Oberst im Generalstab, hat als Hubschrauberpilot der Heeresfliegertruppe gedient, saß im Bereich Planung und Führung im Verteidigungsministerium und verhandelte als Militärattaché in Islamabad mit der pakistanischen Armee. Während des Jugoslawien-Kriegs war er im Kosovo, 2005 gehörte er zur Isaf-Mission in Afghanistan. Er kennt den Krieg. Sein jetziger Job ist da ziemlich harmlos; Wolf betreut Kooperationen der Nato mit NGOs. Gerade hat er ein wenig Urlaub, in dem er sich seinem derzeitigen Hobby widmen kann: Er möchte die während des Ersten Weltkriegs in der Türkei gefallenen deutschen Soldaten aus der Vergessenheit holen. Anders gesagt: Er will, dass es zu den Namen auf den Grabsteinen von Tarabya wieder Gesichter gibt.

          Gerade hat er darüber in der Kulturakademie Tarabya, wo Nezaket Ekici Stipendiatin ist, einen Vortrag gehalten. Mit Powerpoint und vielen Fotos. „Es ist ein schöner Friedhof voller Geheimnisse, der aufregendste, den ich kenne“, hat er gesagt. Vom deutsch-türkischen Bündnis im Ersten Weltkrieg hat Wolf gesprochen, von der deutschen Beteiligung an der Schlacht von Gallipoli - sie gehört zum Gründungsmythos der modernen Türkei. Auch aus seinem Buchmanuskript hat Wolf vorgelesen, es ist noch nicht ganz fertig, zeichnet aber schon einige Schicksale der in Tarabya beigesetzten Soldaten nach.

          Oft wissen die Angehörigen gar nicht, dass es diesen Friedhof gibt: Die letzte Ruhestätte deutscher Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg in Istanbul
          Oft wissen die Angehörigen gar nicht, dass es diesen Friedhof gibt: Die letzte Ruhestätte deutscher Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg in Istanbul : Bild: Klaus Wolf

          Es ist eine Dokufiktion, entstanden mit Hilfe von Tagebüchern, Kriegsberichten und Krankenakten, die Wolf in deutschen Archiven aufgestöbert hat. Jene von Fliegerleutnant Ludwig Preußner etwa, Sohn eines Hoteliers im Fichtelgebirge und Testpilot. Zum Aufbau der osmanischen Fliegertruppe kam er im Alter von 28 Jahren nach Konstantinopel, im Mai 1916 stürzte er bei einer Flugstunde mit einem türkischen Schüler ab. Oberst Wolf hat ein Bild von ihm gezeigt. Nur die Performance-Künstlerin hat es gesehen. Die anderen Stipendiaten hatten sich da schon verdrückt. Nicht zurückgekehrt von der Raucher- und Toilettenpause, lautet Wolfs kühle Beurteilung der Lage. Man könnte die Schwierigkeiten dieses Gedenkjahrs auch mit dem Verhalten der Stipendiaten gegenüber Oberst Wolf beschreiben.

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