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Deutsche Piusbruderschaft Der Teufel versteht die Lage besser

08.02.2009 ·  Nicht die Piusbrüder haben sich von Rom entfernt, sondern Rom habe sich von der ewigen Wahrheit entfernt: Das Oberhaupt der deutschen Piusbrüder erklärt in Trier, wie man Rom wieder auf die rechte Spur setzen will.

Von Hubert Spiegel
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Die deutsche Piusbruderschaft spricht nicht mehr mit dieser Welt. Sie beantwortet keine Anfragen, gibt keine Erklärungen und verweigert alle Interviews. Aber sie spricht noch zu den Gläubigen, ja, sie legt sogar Rechenschaft vor ihnen ab: „Wo stehen wir? Unsere Beziehung zu Rom“ lautet der Titel des Vortrags von Pater Franz Schmidberger, der für den vergangenen Samstagnachmittag in der Kapelle St. Matthias zu Trier angekündigt war.

Schmidberger ist das Oberhaupt der deutschen Priesterbruderschaft des Heiligen Pius. Der Pater aus Stuttgart konnte vielleicht nicht wissen, dass am selben Tag sein Mitbruder, der Holocaust-Leugner Bischof Williamson, der Welt erklären würde, er wolle sich nun erst einmal Zeit nehmen, um in Ruhe die historischen Fakten zu prüfen. Und Schmidberger konnte allenfalls ahnen, dass am selben Tag der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz sich für die erneute Exkommunikation Williamsons aussprechen würde. Aber der Pater wusste ganz genau, warum er ausgerechnet nach Trier ging, um einen Vortrag vor kaum vierzig meist älteren Zuhörern zu halten, die sich am Stadtrand in einer schäbigen Hinterhofkapelle versammelt hatten.

Reise ins Herz katholischer Finsternis

Trier ist für die Kirche keine Stadt wie jede andere. Der Trierer Dom ist der älteste Bischofssitz Deutschlands und die älteste Kathedrale nördlich der Alpen. Trier war Residenzstadt Kaiser Konstantins und eine Zeitlang Regierungssitz des Weströmischen Reiches. Wie die Erzbischöfe von Mainz und Köln nahmen die Trierer Kirchenfürsten unter den Kurfürsten des Alten Reiches eine herausgehobene Stellung ein. Aber all das muss in diesen Tagen hinter der Symbolkraft der wichtigsten Trierer Reliquie zurückstehen: Der Trierer Dom, seit 1700 Jahren Bischofskirche, ist der Ort, an dem der Heilige Rock aufbewahrt wird, die Tunika Christi. Das ungeteilte und nahtlose, weil in einem Stück gewebte Gewand symbolisiert die Einheit der ungeteilten Kirche.

Wenn Pater Schmidberger während seines Vortrags aus dem Fenster blicken würde, könnte er den mächtigen Dom der Stadt nicht sehen. Sein Auge würde über einen trostlosen Hinterhof in einem Gewerbegebiet der Trierer Peripherie gleiten. Neben dem Getränkemarkt Happy, den Montageprofis von Würth, den Damen vom Club Pegasus, einem Fachbetrieb für Gebäudetrocknung, diversen Autohäusern und einer Karosserieschlosserei hat sich hier auch Triers größter Fliesenabholmarkt angesiedelt, in dessen erstem Stockwerk die Piusbrüder ihre Kapelle eingerichtet haben.

Der Fußboden ist mit Pressspanplatten ausgelegt, auf dem etwa zwanzig Bänke in zwei Reihen stehen. Dazwischen bedeckt ein roter Läufer den Gang zu einem schlichten Altar mit der Figur des Heiligen Matthias. Links und rechts vom Altar stehen eine Jesus- und eine Marienskulptur. Auf den Türen zu den Nebenräumen kleben Zettel mit der Aufschrift „Privat“ und „Beichte“. Hier, in der äußersten Diaspora, im Stadtrandniemandsland des Gewerbegebietes, erklärt Pater Schmidberger den aktuellen Stand in der Frage des Heils. Die Vortragsdauer ist mit dreißig Minuten angekündigt. Schmidberger spricht fast eineinhalb Stunden. Sein Vortrag ist eine Reise ins Herz katholischer Finsternis.

Am Ende führt alles zu Gott

Sind wir Fundamentalisten, fragt der Redner, und schaut seine Gemeinde erwartungsvoll an. Wenn Fundamentalismus bedeute, auf den Fundamenten der Kirche des Apostels Petrus zu stehen, ja, dann sei man Fundamentalist. Wenn Fundamentalismus jedoch bedeute, Andersgläubige mit Gewalt zu bekämpfen, sei man vom Fundamentalismus so weit entfernt wie irgend denkbar. Schmidberger will nicht die Andersgläubigen bekämpfen, wohl aber all diejenigen in der Kirche, deren Toleranz so weit geht, dass sie den Glauben von Muslimen, Buddhisten oder Juden anerkennen wollen.

Detailliert beschreibt er, warum die Piusbrüder dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht folgen wollen, etwa in der Frage der Religionsfreiheit. Schmidberger erzählt von einem österreichischen Bischof, der ihren Dissens mit den Worten beilegen wollte, dass am Ende alles zu Gott führe. Führe auch das Böse zu Gott, fragt nun der Pater: „Führen denn auch Ehebruch oder Mord zu Gott?“ Wohl könne Gott auch aus Bösem Gutes erstehen lassen. Aber der Irrtum als solcher führe niemals zur Wahrheit. Sind also die anderen großen Weltreligionen, so möchte man den Pater fragen, böse Irrtümer wie jeder Mord die Untat eines bösen oder fehlgeleiteten Herzens ist? Das hat er nicht gesagt.

Gebete für die Piusbrüder

Schmidberger ist zweiundsechzig Jahre alt und wirkt jünger und älter zugleich, ein Nachkriegsgesicht mit scharfen Falten, die Haare zurückgekämmt, der Ton von rasiermesserscharfer Verbindlichkeit. Der Heuchelei, die tiefe Bereitschaft, für die eigenen Überzeugungen Leid zu ertragen und Leid zu verursachen, durch Höflichkeit zu überdecken, macht Schmidberger sich nicht schuldig. Wenn er spricht, scheint er stets mit zusammengebissenen Zähnen zu lächeln. Nur selten blickt er in sein Manuskript. Ist ihm ein Detail entfallen, geht sein Blick nicht zum Papier, sondern über die Köpfe der Gemeinde hinweg in die Unendlichkeit, wo alles aufgeschrieben steht. Seine Stimme ist hoch und schneidend, seine Rede kraftvoll und von brutaler Inbrunst.

Es geht nicht um uns, sagt Schmidbauer, nicht um ihn oder Williamson. Die Angriffe gelten dem katholischen Glauben, sie gelten dem Papst. Der Teufel, sagt Schmidberger, wisse die derzeitige Situation besser einzuschätzen als viele Katholiken. Und auch die deutschen Bischöfe spielten eine unrühmliche Rolle. Schmidberger, das ist ihm anzumerken, fällt dieser Satz nicht leicht. Steht nicht „Gedenket eurer Vorsteher“ über dem Eingang zur Grablege der Trierer Bischöfe drüben im Dom? Und doch dauert es mehr als eine Stunde, bevor Schmidberger seinen Vorsteher, den Bischof Williamson, zum ersten Mal erwähnt. Klar und deutlich habe man sich von dessen Äußerungen distanziert. Sie seien nicht akzeptabel. Aber trotz dieser Distanzierung wolle alle Welt die Piusbrüder nun als rechtsradikal, gar als Verfassungsfeinde abstempeln. Deshalb müsse die Gemeinde nun beten.

„Beide verhalten sich zueinander wie Feuer und Eis“

1,7 Millionen Rosenkränze hätten bewirkt, dass Rom die „sogenannte Exkommunikation, die wir nie als gültig betrachtet haben“, wieder aufgehoben habe. 2,5 Millionen Rosenkränze seien gebetet worden zum Dank für das Motu Proprio, mit dem Benedikt XVI. die alte Messe rehabilitiert hat. Nun, angesichts der Anfeindungen und des drohenden Schismas, sieht Schmidberger erneut die „Stunde des Gebets, des Opferns, der Bewährung“ gekommen: „Betet für die Auferstehung Deutschlands, für Deutschlands geistige Auferstehung“. Wie die Christen zur Zeit Diokletians lieber ihr Leben ließen, als dem Jupiter zu huldigen, müsse man sich nun weigern, „dem Zeitgeist auch nur ein Weihrauchkörnchen zu opfern“.

Pater Schmidberger spricht klare Worte und zugleich versteht er sich auf die Kunst, seinen Zuhörern auch Unausgesprochenes deutlich vor Augen zu stellen. Versteht nun nicht jeder, dass das wahre Herz der römischen Kirche nur noch in der Brust des Piusbruders schlägt, dass Wahrheit, Einheit und Zukunft der Kirche auf dem Spiel stehen? Ist denn nicht offensichtlich, dass nicht die Piusbrüder sich von Rom entfernt haben, sondern dass Rom sich von der ewigen Wahrheit entfernt hat? Das ist der Stand der Dinge und die Grundlage jeder weiteren Verhandlung mit dem Vatikan. Dann folgt die Messe nach tridentinischem Ritus. Auch über die Frage, ob ein friedliches Nebeneinander von Neuer und Alter Messe denkbar sei, lässt die Priesterbruderschaft ihre Gläubigen nicht im Unklaren: „Nein. Beide verhalten sich zueinander wie Feuer und Eis.“

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Jahrgang 1962, Redakteur im Feuilleton.

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