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Deutsche Oper Klammheimlicher Kniefall

26.09.2006 ·  Erst sollte es niemand merken, jetzt soll es kein Präzedenzfall sein: Daß „Idomeneo“ aus Furcht vor muslimischen Protesten vom Spielplan verschwand, läßt sich nicht schönreden. Die Intendantin der Deutschen Oper hat es dennoch versucht.

Von Andreas Kilb, Tilmann Lahme, Konstantin Lannert und Heinrich Wefing
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Die Intendantin kommt zehn Minuten zu spät. Kirsten Harms, die Chefin der Deutschen Oper Berlin, gibt sich sichtlich Mühe, gefaßt zu wirken angesichts des Wirbels, den ihre jüngste Entscheidung ausgelöst hat. Frau Harms, die seit zwei Jahren das Opernhaus an der Bismarckstraße leitet, hat entschieden, daß Mozarts „Idomeneo“ in einer Inszenierung von Hans Neuenfels vom Spielplan genommen wird - als „ein Sicherheitsrisiko von unkalkulierbarem Ausgang“, wie sie den etwa achtzig Journalisten erklärt, die zur Pressekonferenz in die Deutsche Oper gekommen sind. So viel Medienpräsenz hat das Haus lange nicht gesehen.

Das Sicherheitsrisiko der zuerst 2003 aufgeführten Neuenfels-Inszenierung (siehe auch: Deutsche Oper: Neuenfels inszeniert Mozarts „Idomeneo“) besteht darin, daß sie mit einer Szene schließt, in der die abgeschlagenen Köpfe von Buddha, Jesus und Mohammed zu sehen sind. Sie habe, so die Intendantin, Mitte August an ihrem Urlaubsort einen Anruf des Berliner Innensenators Eckhart Körting erhalten, der ihr von einer Gefahrenanalyse des Landeskriminalamts berichtet habe.

Körting, so Frau Harms, habe gesagt, „er liebt die Deutsche Oper, er fährt oft an ihr vorbei, und er möchte nicht erleben, daß sie nicht mehr da ist.“ Was tat die Intendantin? Sie griff zum Hörer und rief Neuenfels an. Körting, so die Intendantin, habe zwei Lösungen vorgeschlagen. Erstens: die Inszenierung ändern. Zweitens: die Inszenierung absetzen. Beides habe sie mit Neuenfels „diskutiert“, der offensichtlich weder Änderungen noch Absetzung wollte. Dann habe sie entschieden - allein. Es gehe nicht um eine grundsätzliche Einschränkung der Freiheit der Kunst. „Es geht um Einschränkung der Kunstfreiheit an dieser Stelle.“

Die Gefahr steigt - auch die der Blamage

Diese Stelle ist aber eben doch die entscheidende, und das merkt die Intendantin, deren tapfer ausgestellte Fassung allmählich bröckelt. Sie sei keine Expertin in Sicherheitsfragen, beteuert sie, und bittet um „Feingefühl“ seitens der anwesenden Reporter. Schließlich habe es gestern „einen Anruf der Polizei“ gegeben, der darauf hinweise, daß durch die Presseveröffentlichungen die Gefahr für die Deutsche Oper „immens“ steige. Sicher ist auch, daß die Gefahr für die Intendantin, sich und ihr Haus zu blamieren, spürbar gestiegen ist. Ob sie an Rücktritt denke, fragt jemand. „Das steht sowas von überhaupt nicht zur Diskussion.“ Das soll mutig klingen, doch es klingt wie auswendig gelernt.

Die Intendantin erwähnt hingegen nicht, daß die Absetzung ursprünglich gar nicht mitgeteilt werden sollte. Erst auf den Tip eines Informanten hin begann sich Ende letzter Woche Markus Geiler vom Evangelischen Pressedienst (epd) für die Sache zu interessieren. Tatsächlich fand sich im Spielplan der Deutschen Oper kein „Idomeneo“ mehr, ja nicht einmal ein Hinweis auf dessen Nicht-Wiederaufnahme. Nachfragen Geilers beim Landeskriminalamt und dem Opernhaus brachten schließlich das Gegenteil ans Licht. Getrieben von der öffentlichen Nachfrage und nachdem bereits die Meldung des epd die Redaktionen erreichte, gab das Opernhaus am Montag eine Pressemeldung heraus: „Idomeneo im November entfällt“.

Eine anonyme Opernfreundin hat gewarnt

Zugleich verschickte der Pressesprecher der Oper die nahezu flehentliche Bitte an die Journalisten, das Geheimnis der nebulösen Formulierung zu wahren - welcher islamische Eiferer, mag man sich gedacht haben, kennt schon die Neuenfels-Inszenierung. Ein wohl einmaliger Vorgang: Journalisten zu bitten, aus Sicherheitsbedenken eine Agenturmeldung oder doch den Kern ihrer Recherche zu ignorieren. Dabei war Provokation ja erklärte Absicht der Inszenierung. Nicht nur alte Zöpfe wurden abgeschnitten, sondern gleich vier Köpfe. Vor den Anhängern des griechischen Meeresgottes muß man sich wohl nicht sorgen, eher vor einigen des islamischen Propheten.

Dies jedenfalls fürchtete eine anonyme Opernfreundin kurz nach dem Karikaturenstreit im Frühjahr dieses Jahres und informierte die Polizei, daß die Wiederaufnahme der Mozartoper in Berlin samt geköpftem Propheten einiges Konfliktpotential berge. Erst auf diesen Hinweis hin, erklärte der Sprecher der Berliner Polizei, Uwe Kozelnik, gegenüber, habe man eine Gefahrenanalyse vorgenommen. Schließlich sei es nicht Aufgabe seiner Behörde, aus eigener Initiative kulturelle Veranstaltungen auf mögliche Gefährdungen hin zu durchforsten.

Ein Tsunami der Entrüstung

„Idomeneo“ selbst konnten die Beamten nicht besuchen, da sie ja im Sommer nicht aufgeführt wurde. Nach einer „abstrakten Untersuchung“ aber kamen die Fachleute zu dem Ergebnis, die Inszenierung sei „geeignet, religiöse Gefühle zu verletzen“. Etwas eingehender war die Analyse wohl durchaus, wie der Sprecher einräumt, aber mehr als diesen Tenor soll die Öffentlichkeit von Amts wegen nicht erfahren. Dem Innensenator und der Deutschen Oper lieferte die LKA-Analyse, die keinerlei Empfehlung, auch nicht zur Absetzung, enthalten habe, wie Kozelnik betont, den Grund, das Stück aus dem Spielplan zu nehmen. Klammheimlich. Was nicht lange Bestand hatte, nicht haben konnte.

Einmal bekanntgeworden, löste die Entscheidung von Kirsten Harms einen Tsunami der Entrüstung aus. Derart einhellig ist ein Schritt, dessen Bedeutung weit über die Kulturpolitik hinausgeht, der ans Innerste unseres Verständnisses von freier Meinung rührt, selten verurteilt worden. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hatte den Ton vorgegeben, als er die Vorgänge schon am Montag abend knapp mit der Bemerkung „das ist verrückt“ kommentierte. Den ganzen Tag überbieten sich Politiker daraufhin in empörten Stellungnahmen. Kulturstaatsminister Neumann (CDU) mahnt, „Probleme lassen sich nicht durch Verschweigen lösen“. Der kulturpolitische Sprecher der Fraktion, Börnsen, verkündet, die Absetzung komme einem „Kniefall vor Terroristen“ gleich, Peter Ramsauer, bezeichnet den Schritt als „pure Feigheit“. SPD-Fraktionschef Struck meint, die Absetzung der Oper sei „die Kapitulation vor einer möglichen Gefahr“.

Einhelliges Unverständnis unter Künstlern

Weit wichtiger noch als diese politischen Eruptionen ist das einhellige Unverständnis unter Künstlern. Klaus Staeck, der Präsident der Berliner Akademie der Künste, etwa verurteilte die Entscheidung der Deutschen Oper als „gefährlich“: „Wir dürfen nicht hinter unsere eigenen Überzeugungen zurückfallen, die mühsam erkämpft wurden.“ Der Regisseur und Berufsprovokateur Christoph Schlingensief verkündete, „der panikartige Rückzug muß sofort zurückgepfiffen werden“. Die Schriftstellerin Monika Maron erklärte: „Die Entscheidung von Kirsten Harms ist eine Aufforderung an die Muslime, die Selbstverständlichkeiten unserer Kultur nach möglichen Kränkungen abzusuchen und sie einer islamischen Zensur zu unterwerfen. Wenn Frau Harms Mozart und Neuenfels davor nicht schützen will, sollte sie zurücktreten.“ Und Dieter Grimm, der Rektor des Wissenschaftskollegs, meinte, „die Kunst und ihr Publikum muß vor Störern geschützt werden, nicht die möglichen Störer vor der Kunst.“

Vertreter muslimischer Verbände bewerten die Absetzung der Oper unterschiedlich. Der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, beklagte in der „Netzeitung“, die Deutsche Oper habe mit der Entscheidung eine Chance zur Auseinandersetzung vergeben. Es handele sich um Kunst und nicht um die Stellungnahme eines Politikers, die man kritisieren dürfe. Der Vorsitzenden des Islamrats, Ali Kizilkaya, begrüßte hingegen die Absetzung. „Eine Oper oder eine Karikatur - das macht keinen großen Unterschied.“ Es gehe nicht um die Freiheit der Kunst, so Kizilkaya, sondern um „Respekt vor dem Anderen“.

„Kein Präzedenzfall, keine Selbstzensur“ - Was sonst?

Von all den Debatten ist in Charlottenburg wenig zu spüren. Vor dem Waschbetonhaus der Deutschen Oper in der Bismarckstraße stehen mittags weder Polizisten noch Demonstranten. Im Foyer verlieren sich zwei Neugierige. Der Angestellte im Shop erzählt, er habe erst auf dem Weg zur Arbeit von der Spielplanänderung gehört. Oben in der Intendanz aber glühen die Telefondrähte wie überall in der Stadt. Im Büro von Andreas Homoki, dem Intendanten der Komischen Oper Unter den Linden etwa, stapeln sich schon mittags um halb eins siebzig Interviewanfragen, von türkischen Zeitungen bis zur „International Herald Tribune“. Ein halbe Stunde später meldet sich sein Pressesprecher und lehnt eine Stellungnahme zu dem Vorgang ausdrücklich ab. Man hoffe, ist inoffiziell aus dem Haus zu hören, daß die Aufregung möglichst schnell vorbei gehe. Es könnte ein Hoffnung sein, die trügt.

Über Mittag ist Kirsten Harms zum Berliner Kultursenator Thomas Flierl (PDS) in die Brunnenstraße in Mitte einbestellt. Kurz nach dem Gespräch gibt der eine verschwurbelte Presseerklärunge heraus, in der die Entscheidung von Frau Harms „nach den ihr vorgelegten Einschätzungen“ als „verantwortungsvoll“ gelobt wird. Es habe sich allerdings gezeigt, „daß die Sicherheitsbedenken weder aktuell noch substantiiert genug waren, um eine Entscheidung über die Absetzung zu begründen.“ Er sei sich aber mit Frau Harms einig, so mäandert Flierl weiter, „daß hier kein Präzedenzfall vorliegt und auch keine Selbstzensur.“ Was sonst? Nach des Senators Einschätzung nur ein Anlaß, „eine Debatte zu führen, wie die Freiheit der Kunst in Berlin vor dem Hintergrund auch realer Sicherheitsrisiken zukünftig gewahrt werden kann.“ Das klingt so wohlfeil wie die Provokation der Neuenfels-Inszenierung, die rasch abgesetzt ist, wenn es an die Substanz geht.

Quelle: F.A.Z., 27.09.2006, Nr. 225 / Seite 37
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