18.12.2006 · Es sind die Demonstranten von 1967, die an diesem Abend in der Deutschen Oper die Neuaufnahme von Mozarts „Idomeneo“ besuchen. Damals starb Benno Ohnesorg nach einer Demonstration, während drinnen - Mozart gegeben wurde.
Von Andreas KilbVor der U-Bahn-Station der Deutschen Oper in Berlin, in der heute abend die Mozart-Oper „Idomeneo“ aufgeführt wird, steht ein Bronzerelief des österreichischen Künstlers Alfred Hrdlicka. Es zeigt zwei grobianische Gestalten mit Polizeihelmen und Schlagstöcken, die auf eine kopfüber hängende Gestalt einprügeln. Das Relief erinnert an den Romanistikstudenten Benno Ohnesorg, der am 2. Juni 1967 im Hinterhof des Hauses Krumme Straße 66, direkt gegenüber dem Opernhaus, durch einen Schuß aus der Pistole des Berliner Kriminalobermeisters Kurras starb.
Ohnesorg hatte an einer von der Polizei aufgelösten Demonstration gegen den Berlin-Besuch des Schahs von Persien teilgenommen, dessen Regime als eines der grausamsten außerhalb der kommunistischen Welt galt. Bei den Ausschreitungen, die am Nachmittag vor dem Schöneberger Rathaus begonnen hatten, stand die Berliner Polizei auf der Seite der „Jubelperser“, die der iranische Geheimdienst Savak für den Schah-Besuch abgestellt und mit Holzknüppeln bewaffnet hatte. Während Ohnesorg starb, saß der Schah gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister Heinrich Albertz und dem damaligen Bundespräsidenten Lübke in der Oper und lauschte einem Singspiel von Mozart - der „Zauberflöte“.
Die einstigen Demonstranten sitzen heute im Parkett
Als er Berlin am nächsten Tag verließ, sagte er zu Albertz, dieser solle sich von dem Todesfall nicht beeindrucken lassen, dergleichen geschehe in Iran jeden Tag. Zwölf Jahre später mußte er sein Land verlassen; das theokratische Regime, das seiner Herrschaft folgte, bildet heute die Speerspitze des antiwestlichen Islam. Aber auch die Oper ist keine Kunstfestung mehr, in der man sich vor den politischen Realitäten der Welt verstecken kann. Das hat, neben anderem, die Generation der Achtundsechziger bewirkt, deren geschichtliches Ursprungsdatum der Tod Ohnesorgs ist und zu der auch Hans Neuenfels gehört, der Regisseur der Berliner „Idomeneo“-Inszenierung, in der die Köpfe von Mohammed und Christus ausgestellt werden.
Jener Islamismus wiederum, der dem Schah auf den Fersen folgte und der heute die säkularen Regimes in Nordafrika und im Nahen Osten stürzen will, hat die vermeintliche „Bedrohungssituation“ ausgelöst, auf die die Deutsche Oper im September mit der Absetzung des „Idomeneo“ reagierte. Und jene, die sich 1967 mit der Polizei prügelten, sitzen heute im Parkett und hoffen, daß der Rechtsstaat sie vor den neuen Welterlösern beschützt. Kann man besser erklären, was Geschichte, was geschichtliches Verhängnis ist? Der Äon, sagt Heraklit, ist ein Kind, das Brettspiele spielt. Heute abend folgt der nächste Zug. Und wieder erklingt Mozarts göttliche Musik dazu.